Bergbau-Tradition

Die letzten Knappen aus Altenessen bewahren die Tradition

Der „harte“ Kern des Katholischen Knappenvereins Bergmannsglück St. Johann:

Foto: Stefan Arend

Der „harte“ Kern des Katholischen Knappenvereins Bergmannsglück St. Johann: Foto: Stefan Arend

Essen-Altenessen.   Der Katholische Knappenverein Bergmannsglück St. Johann wird 155 Jahre alt. Gegründet aus Solidarität geht es heute in erster Linie um Tradition.

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Bergmannsglück St. Johann – schon im Namen schwingt Geschichte mit. Der Katholische Knappenverein aus Altenessen hat viele Jahre auf dem Buckel. Am 6. Januar vor 155 Jahren wurde er gegründet. Bergmannsglück ist der letzte reine Knappenverein Essens und der älteste im Landesverband der Berg- und Knappenvereine Nordrhein-Westfalen.

1973 wurde die letzte Zeche in Altenessen geschlossen, das Verbundbergwerk Emil-Fritz. Dass 2018 für die letzten Bergwerke im Land, Prosper-Haniel in Bottrop und Ibbenbüren in Ibbenbüren, Schicht im Schacht ist, dämpft die Feierlaune bei Bergmannsglück schon ein wenig. „Das ist politisch so gewollt“, sagt Jörg Sontopski (56), seit 2010 Vorsitzender von Bergmannsglück, nur kurz.

Bergmannskittel, Schachthut und Häckel

Und die Mitglieder, die an diesem Abend in den Pfarrsaal von St. Johann Baptist gekommen sind, nicken ebenso still und kurz. Sie alle haben sich in Schale geworfen. Sie tragen schwarze Bergmannskittel, den schwarzen Schachthut mit Schlägel und Eisen an der Stirn und den schwarz-weißen Federbusch (die preußischen Farben), die weißen Handschuhe und den Häckel mit Stolz. Der wächst noch, als sie sich mit Grubenlampen vor den beiden Fahnen zum Gruppenbild postieren. „Das ist nur eine Replik. Das Original haben wir als Dauerleihgabe dem Bergbaumuseum in Bochum zur Verfügung gestellt“, sagt Jörg Sontopski. Der Vorsitzende ist ein Seiteneinsteiger, war selbst kein Bergmann. Seine Arbeit hat dennoch einen Bezug zum Bergbau. Er arbeitet beim Deutsche Montan Technologie e.V., der Forschung, Entwicklung, Prüfung, Aus- und Fortbildung insbesondere im Steinkohlenbergbau sowie die Pflege bergbaulichen Kulturgutes fördern soll. Als solcher ist DMT Träger des Bergbaumuseums in Bochum.

Der Älteste ist heute Abend Wilhelm Mick. „Dass die beiden letzten Zechen im Lande schließen, ist natürlich eine traurige Angelegenheit. Früher hat das gesamte Ruhrgebiet von und mit den Zechen gelebt“, erzählt der 83-jährige frühere Steiger.

Ein knappes Drittel sind ehemalige Bergleute

Ein knappes Drittel Vereinsmitglieder sind ehemalige Bergleute. Dazu gehört auch Kurt Flöther. „Ich habe mit 14 angefangen und bin mit 16 unter Tage gegangen“, erzählt der 72-jährige ehemalige Reviersteiger. Bergbau in der dritten Generation. Auch Karl-Heinz Tornow (61), der Ortsvorsitzende der IG BCE, hat früher unter Tage gearbeitet. Wie ihm bleibt auch den anderen nur die Erinnerung – und die Bewahrung der Tradition. „Die Kameradschaft zählt bei uns noch sehr viel. Das ist wie eine große Familie“, sagt Tornow.

Als Michael Meyer (32) geboren wurde, gab es in Altenessen schon keine fördernden Zechen mehr. „Mein Opa und mein Vater haben aber auf der Zeche gearbeitet. Und ich fühle mich im Kittel wohl“, sagt der Maschinenbau-Ingenieur, der mittlerweile 21 Jahre dem Verein angehört und so die Tradition der Familie auf seine Art fortführt. Als Kind habe er auf der Schurenbachhalde gespielt, lange bevor diese sich zu einer grünen Oase wandelte. Auch jetzt, wo er in Duisburg wohnt, kommt er so oft wie möglich nach Altenessen zum Treffen im Gemeindehaus von St. Johann Baptist.

„Wir leben längst die Ökumene“

Männer wie Michael Meyer sind die Ausnahme. Den Knappenvereinen fehlt der Nachwuchs. Und das, obwohl die früher strengen Regeln gelockert wurden. Zwar steht „katholisch“ im Namen. „Doch wir leben längst die Ökumene“, betont Jörg Sontopski. Seit den 1990er-Jahren dürfen auch Frauen dem Verein beitreten. Und trotzdem: Die Mitgliederzahl nimmt ab. Zur 50-Jahr-Feier waren es noch astronomische 700. Aktuell sind es 102. „Da sind wir aber nicht die einzigen“, seufzt Wilhelm Mick, der auch im Madrigalchor singt. Chöre hätten ebenfalls Nachwuchsprobleme.

Also werden sie auch weiter dafür werben, die Bedeutung des Bergbaus wachzuhalten. Sei es bei der Barbarafeier, der Fronleichnamsprozession von St. Johann oder dem Kulturfest auf Zeche Carl.

>>> Gründungszweck war die Hilfe für Kameraden

Heute steht die Pflege des bergmännischen Brauchtums oben an. Die Bergleute Hautkappe, Jansen, Peters und Rückemesser verfolgten praktische Ziele, als sie am Dreikönigstag 1863 dem Altenessener Seelsorger Maximilian Werner Quandt ihre Idee von Gründung eines Knappenvereins vortrugen.

So beschloss der erste Vorstand die Errichtung einer Unterstützungskasse, um kranken und in Not geratenen Kameraden sowie den Familien Hilfe gewähren zu können. Zudem sollte durch Beiträge eine wöchentliche heilige Messe gelesen werden, um die Kumpel vor Arbeitsunfällen zu schützen. Der Verein begann mit 19 Mitgliedern.

Bildung und Fortbildung der Mitglieder hatte früh einen hohen Stellenwert. Im Statut von 1863 war bereits die Errichtung einer Bibliothek fest verankert. Auch der Kultur maß man viel Bedeutung zu. Ein Jahr nach der Vereinsgründung wurde die Gesangsabteilung zur „Hebung des geselligen Lebens und zur Vermeidung unsittlicher und roher Lieder“ gegründet. Ab 1881 bereicherte eine Theaterabteilung das Vereinsleben. Das gemeinsame Singen und das Theaterspiel fielen Anfang der 1960er-Jahre „der Umgestaltung der Freizeit durch Fernsehen und Motorisierung zum Opfer“. So heißt es in der Chronik des Vereins.

Neubeginn erfolgte ab 1946

Während der Nazi-Zeit kam das Vereinsleben weitgehend zum Erliegen. Die letzte offizielle Veranstaltung gab es 1936. Im Jahre 1946 folgte der Neubeginn. 1964 waren die Altenessener Gründungsmitglied des Landesverbandes der Berg- und Hüttenleute.

Heute gehört zum Beispiel die Wallfahrt zum Zisterzienserkloster in Bochum-Stiepel zum festen Bestandteil des Terminkalenders. Wenn es darum geht, Vereinsmitgliedern die letzte Ehre zu erweisen, streifen die letzten Knappen aus Altenessen ihre schwarzen Bergmannskittel über, setzen dann die Schachthüte mit den schwarzen Federbüschen auf und begleiten den Sarg.

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