Gesundheit

Ocularist Markus Grimm fertigt im „Institut für Kunstaugen“ Prothesen aus Glas

Foto: WAZ FotoPool

Essen.   Seltenes Handwerk: Vor gut 50 Jahren öffnete Markus Grimms Vater eine Praxis in Essen, mittlerweile führt der Sohn das „Institut für Kunstaugen“ an der Kettwiger Straße 58 in der Innenstadt. Und fertigt Prothesen aus Glas.

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„Sie müssen lauter sprechen, ich kann Sie kaum verstehen“, sagt Markus Grimm, während er ganz ruhig am Werktisch in seiner Praxis sitzt. Nein, schwerhörig ist der Mann nicht, aber die 900 Grad heiße Flamme, die aus dem Gasbrenner vor ihm kommt, erzeugt schlicht und einfach Lärm, wenn er mit ihr arbeitet. Der 42-Jährige ist Ocularist, zu deutsch etwa Glasaugenbläser und -praktiker. Was auf Außenstehende wie ein faszinierendes Handwerk wirkt, ist für Grimms Patienten ein Geschenk, das ihnen zwar leider nicht ihr Augenlicht wiedergibt, wohl aber Normalität und mehr Lebensqualität.

Vater gab Beruf an den Sohn weiter

Vor gut 50 Jahren öffnete Grimms Vater eine Praxis in Essen, mittlerweile führt der Sohn das „Institut für Kunstaugen“ an der Kettwiger Straße 58 in der Innenstadt. „Ob man nach der Ausbildung Figürchen oder Kunstaugen macht – es ist ein Beruf, der innerhalb der Familie weitergegeben wird“, erzählt Grimm. Dass sein Vater diesen Beruf damals ergriff, hat auch mit dem Lauf der deutschen Geschichte zu tun. „Mein Vater hat das Handwerk nach dem Zweiten Weltkrieg in Wiesbaden gelernt. Damals gab es zu wenige Ocularisten, die Nachfrage nach Augenprothesen war hoch, so dass auch Metier-Fremde ausgebildet wurden“, erklärt der 42-Jährige.

Viel Trubel herrscht an diesem Vormittag nicht in seiner Praxis. Termine werden nicht vergeben – wer kommt, der kommt. Grimm passt einem älteren Patienten seine neue Augenschale an. „Alle ein bis zwei Jahre sollten Betroffene eine neue Prothese anfertigen lassen. Das hängt davon ab, welche Arbeit sie machen, welche Außeneinflüsse es gibt, zum Beispiel Staub. Die Tränenflüssigkeit spielt wegen ihrer Säure eine Rolle sowie 15.000 Lidschläge. Da nutzt sich das Material ab“, zählt er auf. Entgegen einer verbreiteten Annahme gebe es neben kompletten Glasaugen auch „Schalen“. Diese würden auf den Augapfel gesetzt, wenn dieser noch vorhanden ist.

Die mühsame Herstellung 

Für eine Neuanfertigung bedient sich der Glasbläser Mustern, die er selber produziert hat. Durch Erhitzen bringt er diese auf einen Glasstab, um sie in die gewünschte Form blasen zu können. „Eine gute Prothese ist eine, die man nicht erkennt“ – diesem Satz stimmt auch Markus Grimm zu. Damit dies so ist, achtet er auf Details.

In das Spezialglas, das das in Island gewonnene Mineral Kryolith enthält und das Grimme nur aus einer Glashütte im thüringischen Lauscha beziehen kann, zeichnet er mit farbigen Glasstäben erst die Iris, dann die Pupille. Wie kleine Fäden zieht er mit rotem Glas noch kleine Blutgefäße in den Bereich, der später nahe der Nase, nahe dem Tränensack liegt. „Ohne Äderchen? Das kann man nicht machen!“, betont der Ocularist. Schwierige Augenfarben gebe es für ihn nicht: „Manchen liegen blaue, anderen braune, ich mache eigentlich alle gut und gerne.“ Die Farben fixiert er später mit Kristall, das für eine glatte Oberfläche sorgt.

Heikler wird es für ihn erst gegen Ende des Herstellungsprozesses, da unterbricht Grimm das Gespräch, weil er die volle Konzentration braucht. „Flüssiges Glas ist wie Honig. Versuchen Sie mal, den auf einem Löffel zu halten“, greift der Ocularist zum Vergleich. Nach dem Abtrennen vom Blasrohr legt er die fertige Prothese – Preis: rund 350 Euro, den die Krankenkasse zu 100 Prozent erstattet – zum Abkühlen ins Ölbad.

Wie eine Zahnprothese

Ob für ihn das spätere Einsetzen der Schale oder des Glasauges beim Patienten nicht unangenehm sei? „Das ist nichts anderes als wenn man eine Zahnprothese einsetzt“, versucht er Berührungsängste beim Betrachter zu nehmen. Diese sind beim Patienten nicht vorhanden. „Die meisten sind froh über die Prothese. Sie haben einen langen Leidensweg hinter sich, kommen dann zu mir und fühlen sich erstmals wieder wohl in ihrer Haut“, meint Markus Grimm. Manche Betroffenen scheuten eine Operation, auf die das Tragen eines Kunstauges folge. „Viele merken danach aber, dass man das Aussehen des Gesichts wiederherstellen kann.“ Einen rein ästhetischen Hintergrund habe eine Prothese aber nicht, sondern vorrangig einen medizinischen: „Ohne würde die Augenhöhle einfallen.“

Und worauf muss der Träger achten? „Tägliches Reinigen“, sagt Grimm, und damit die Prothese bleibt, wo sie hingehört: „Augenreiben nur in Richtung Nase.“

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