Loren-Atlas

Wie ein Förderwagen von Kray nach Süddeutschland kam

Die Lore der Zeche Bonifatius, als sie noch in Essen stand...

Die Lore der Zeche Bonifatius, als sie noch in Essen stand...

Foto: privat

Essen.   522 Kilometer von Essen entfernt liegt das Dorf Unterbaldingen. Dort steht eine ausgewanderte Lore der Zeche Bonifatius.

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Wenn wir einen Preis ausloben würden, welche Essener Lore es am weitesten hinaus in die Welt geschafft hat – diese hier wäre wohl der Sieger: Unterbaldingen gehört zu 78073 Bad Dürrheim, Baden-Württemberg, und liegt genau 522 Kilometer von Essen entfernt. Seit fünf Jahren steht in dem 633-Einwohner-Dorf eine Lore, in der Holz gelagert wird. Diese Lore war mal im Einsatz auf Zeche Bonifatius in Kray.

Wie es dazu kam? Auf Bonifatius, stillgelegt 1967, arbeitete der Schwiegervater von Renate Kadelka (68), die heute in Steele lebt. Wilhelm Kadelka „war eigentlich gelernter Schneider“, erzählt sie, „doch unter Tage konnte man mehr Geld verdienen, also schulte er um“. Tausende könnten solche oder ähnliche Geschichten erzählen.

Die Lore vor dem Haus wurde bepflanzt

Es war Renate Kadelkas Ehemann Ulrich, der nach dem Tod seines Vaters die Lore der alten Zeche besorgte. „Das muss Anfang der 1990er Jahre gewesen sein, und wie er sie beschafft hat, das weiß ich nicht mehr“, erzählt sie. Fest steht nur: Ulrich wollte ein Andenken an seinen Vater, den Bergmann, haben. Die Lore wurde vors gemeinsame Haus an der Straße „Auf’m Kirchenland“ in Kray-Leithe gestellt. „Da hab’ ich sie dann bepflanzt“, sagt Renate Kadelka, „im Frühjahr Osterglocken, im Herbst Azaleen.“

So stand die Lore dort Jahr um Jahr, bis vor sechs Jahren Ehemann Ulrich starb. Renate Kadelka verkaufte das Haus, das jetzt viel zu groß geworden war. „Wohin mit der Lore, hab’ ich mich gefragt.“ Doch die Familie fand eine Lösung, wenn auch eine mit viel Aufwand: Die Tochter, mittlerweile der Liebe wegen in Süddeutschland zu Hause, holte die Lore zu sich. Genauer gesagt: Der Schwiegersohn wollte sie haben. „Sowas kann man doch nicht verschrotten“, soll er gesagt haben. Und stellte sie vors Haus seiner Eltern in Unterbaldingen.

Die Bergbau-Vergangenheit lebt weiter

„Der Transport war abenteuerlich“, erinnert sich Renate Kadelka, „mein Schwiegersohn und mein Patenkind schafften die Lore auf einen Anhänger mit zwei Rädern, das Ganze kam an einen uralten VW-Bus. Ich habe gebetet, dass die beiden samt Lore heil in Unterbaldingen ankommen!“

Doch die Männer bekamen es hin. Die Lore ist nicht mehr in Essen, doch die Bergbau-Vergangenheit lebt weiter: Manchmal melden sich Männer bei Renate Kadelka, die vor Jahrzehnten als Berglehrlinge unter den Fittichen ihres Schwiegervaters die ersten Schritte unter Tage machten. Wilhelm Kadelka lebte ganz früher am Klüvershang in Leithe in einer Siedlung, in der es üblich war, dass Hausbesitzer junge Bergbau-Azubis bei sich aufnehmen. So gesehen: Die Spuren vom Schwiegervater, dem Hauer auf Bonifatius, gibt es noch heute.

Unseren interaktiven Loren-Atlas finden Sie hier.

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