Lebenslauf-Lüge

Petra Hinz will nach tiefem Fall vorwärts – und vergessen

Das Sommerloch des Jahres 2016 füllte die damals noch Bundestagsabgeordnete Petra Hinz mit ihrer Lüge vom Juristen-Job  nahezu im Alleingang. Ein Jahr später meldet sie sich jetzt wieder zu Wort.

Das Sommerloch des Jahres 2016 füllte die damals noch Bundestagsabgeordnete Petra Hinz mit ihrer Lüge vom Juristen-Job nahezu im Alleingang. Ein Jahr später meldet sie sich jetzt wieder zu Wort.

Foto: imago stock&people

Essen.   Ein Jahr nach Auffliegen ihrer unglaublichen Lebens(lauf)-Lüge meldet sich die Ex-Bundestagsabgeordnete Petra Hinz zu Wort. Nicht nur demütig.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Zwei blaue Häkchen. Sie hat die Nachricht beim Textnachrichten-Dienst WhatsApp also gelesen, aber sie ruft nicht zurück, damals genauso wenig wie heute. Auch auf dem Höhepunkt ihrer Lebens-Krise, Juli 2016, als ihr hochgestapelter Juristen-Lebenslauf wie ein Kartenhaus in sich zusammenfiel, wusste Petra Hinz ihre Kommunikation eben in die ihr liebsamen Bahnen zu lenken. Und meldet sich an diesem Freitag über die Westdeutsche Zeitung zurück, dort, wo sie schon vor einem Jahr ihre Lebensbeichte ablegte.

Sie frisiert sich anders, und sie formuliert jetzt anders. Zeigt sich geläutert, einsichtig, beschämt, aber eben auch selbstbewusst genug, für sich nach den Kübeln voller Häme und Hass die Chance für einen Neustart einzufordern: In ihrem neuen Leben „richtig angekommen bin ich noch nicht“, diktiert sie dem WZ-Kollegen Michael Passon in den Block, mit 55 Jahren wolle sie nochmal neu durchstarten, „und ich habe auch das Recht dazu“.

Keine Folgen für die Wahl befürchtet

Dass sie Passon als einzigem Journalisten das Herz ausschüttet, obwohl die Journaille im Dutzend auf sie lauert(e), erklärt sich dieser mit seiner Rolle als neutraler Beobachter, der keine gemeinsame Geschichte mit Hinz hat. Der sie nur aus den Medien kennt, zwei Mal in seinem Leben getroffen hat und sie früh in Schutz nahm, wo andere noch vom Leder zogen. Es gibt auch andere Erklärungen über das Glück, über familiäre Bande an Petra Hinz gekommen zu sein, die das mediale Sommerloch 2016 im Alleingang füllte, aber wen interessiert das schon noch, die Empörung ist selbst bei den Sozialdemokraten längst abgeflaut: Petra wer?

Parteichef Thomas Kutschaty ist nicht bang vor der Bundestagswahl, jedenfalls nicht wegen Petra Hinz: „Sie wird für den Ausgang der Bundestagswahl keine entscheidende Rolle spielen.“ Er ist fertig mit ihr und sie mit ihm. So gelegen kommt Hinz die mediale Bühne dann doch, Kutschaty eins auszuwischen und ihrem Bundestagskollegen Dirk Heidenblut gleich mit, aber auch den Ratsgenossen Udo Karnath.

Sie lief auf dem Jakobweg, 800 Kilometer am Stück

Man erfährt immerhin, dass Hinz einst auch ihre Familie angelogen hatte, dass sie ihre Hochstapelei selbst „unverzeihlich“ findet und im Mai und Juni den Jakobsweg lief, um zu sich zu kommen, 800 Kilometer am Stück. Es wird genau so viele Menschen geben, die das beeindruckt, wie Kritiker, die ätzen, das könne sie sich ja auch leisten mit dem Übergangsgeld aus der Staatsschatulle.

Überhaupt, das Geld: Auch deshalb suchte Petra Hinz noch einmal das Forum, weil der Kollege der Westdeutschen Zeitung nun als Kronzeuge dafür dient, dass sie den Netto-Teil ihrer letzten Diäten tatsächlich gespendet hat, 5000 Euro an den Kinderschutzbund, 300 fürs Friedensforum.

Nachweise für die gespendeten Diäten

Es gibt offenbar Journalisten, die das anzweifeln, die nach Hinz’ Angaben auf der Suche nach einer Folge-Story die Nachbarschaft anzapfen, den Müll durchwühlen, ihr und der Familie „ellenlange Pamphlete“ schreiben „mit der Drohung, mich ein weiteres Mal bundesweit durch die Medien zu jagen“. Hinz, beteuert die WZ, habe die Nachweise vorgelegt.

Petra Hinz hat aus dem „Fall Hinz“ gelernt, lässt die Sache nicht einfach so laufen wie damals, als sie sich zum Handeln erst durchrang, als es längst zu spät war zu erklären, sich zu entschuldigen, das Schlimmste zu verhindern. Sie hat wieder die Oberhand. Die Whats-App bleibt unbeantwortet. Will sie reden? Es kommt kein Ja und auch kein Nein, wie damals.

Nur zwei blaue Häkchen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (21) Kommentar schreiben