Musiktheater

„Pique Dame“: Das Geheimnis der drei Karten am Aalto-Theater

Alles Gute kommt von oben: Szene aus „Pique Dame“ am Aalto-Theater.  

Alles Gute kommt von oben: Szene aus „Pique Dame“ am Aalto-Theater.  

Foto: MONIKA FORSTER

Essen.  „Pique Dame“ am Aalto: Philipp Himmelmann inszeniert die Geschichte als musikalisches Psychogramm eines Außenseiters, der dem Spielwahn verfällt.

Für Opernregisseur Philipp Himmelmann steht außer Frage, was zu einem guten Blatt im Musiktheater gehört: ein ausgewähltes Ensemble, ein guter Chor und ein exzellentes Orchester. Weil er alle drei im Aalto-Theater vorfindet, mischt der gefragte Regisseur 18 Jahre nach seiner letzten Aalto-Inszenierung mit Pjotr I. Tschaikowskis Meisterwerk „Pique Dame“ nun in Essen die Karten neu. Dass die 1890 uraufgeführte Oper um den jungen, zerrissenen und mittellosen Offizier Hermann und seine Spielsucht noch viel mit unserer Zeit zu tun hat, liegt für Himmelmann auf der Hand.

Und so fokussiert der 57-Jährige den Abend auf das „großartige musikalische Psychogramm“ eines Außenseiters, der sein Glück am Ende weder in der Liebe zu der jungen, aber bereits mit dem Fürsten Jelezki verlobten Lisa noch im Spiel findet. „Diese krankhafte Gier nach Nichts, dieses Gambling, diese Spielsucht ist etwas, was unsere moderne Gesellschaft weit getrieben hat. Das wollen wir in den Vordergrund stellen“, erklärt Himmelmann. Zu einer Hollywood-reifen Pool-Party, wie sie Lydia Steier zuletzt an der Düsseldorfer Rheinoper inszeniert hat, wird es in Essen also nicht kommen. Himmelmann hat das gespenstische Stück vielmehr verschlankt, von anekdotischen Nebengeschichten befreit und auch musikalisch auf sein Kernthema reduziert: „Wir lassen vieles weg, was am Rande des Weges liegt, weil es auch strukturell keine Bedeutung hat.“

Die Zentralmusik sei allerdings enorm gut, „glaubwürdig, leidenschaftlich, aber nicht kitschig“, schwärmt Himmelmann von Tschaikowskis Komposition nach der Novelle von Alexander Puschkin, die am Ende des 19. Jahrhunderts in St. Petersburg spielt. Das Bühnenbild von Johannes Leiacker verorte das Stück nun in einer nahen Zukunft, „nach der Zivilisation, wie wir sie kennen“, verrät Himmelmann. Ein Ort, in dem sich die russische Vergangenheit von der Zeit des Ancien Régime bis zur Gegenwart nicht nur zu einer Summe von Kostümversatzstücken fügt. Es ist auch ein Resteraum menschlicher Beziehungen und gesellschaftlicher Werte. Vor allen in der Figur der alten Gräfin, der namensgebenden Pique Dame, sieht der Regisseur aber einen Gegenpol zum allgemeinen Zynismus, der im Stück herrsche. Sie, die dem jungen Hermann eines Nachts als Geist erscheint und das vermeintlich glücksbringende Kartengeheimnis verrät, wisse noch um das Geheimnis der Verführung, der echten Leidenschaft und knisternden Erotik. „Sie ist die Person, die Sinnlichkeit in diesen Raum bringt“, sagt der Regisseur.

Die Parodie zur Oper ist das Einfachste von der Welt

Und so wie sich Traum, Mystik und Realität vermischen, lässt Himmelmann auch die Zeitebenen in dieser Traumwirklichkeit wirbeln. Als sei das Leben ein Loop wiederkehrender Szenen, ein ständiger Wechsel von Täuschung und Selbsttäuschung, der zumindest in der Originalvorlage für alle Beteiligten tödlich ist. Wie Himmelmann das Stück auflöst, lässt er noch offen, bezeichnet sich selbst aber als „Freund einer neuen Ernsthaftigkeit“, der der Aktualisierungsabsicht des Regietheaters nicht mehr viel abgewinnen mag. Natürlich könne man über die Sinnhaftigkeit der meisten Libretti die Nase rümpfen. „Die Parodie zur Oper ist das Einfachste von der Welt, aber die Essenz einer musikalischen Kraft zu finden und auszudrücken, das interessiert mich momentan mehr“, erklärt Himmelmann.

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