Schicksal

Schlaganfall mit 39: So fand eine Essenerin zurück ins Leben

Manuela Piechota (61) engagiert sich in der Essener Selbsthilfe für Schlaganfall-Patienten. Sie selbst erlitt einen Schlaganfall zwei Wochen vor ihrem 40. Geburtstag

Manuela Piechota (61) engagiert sich in der Essener Selbsthilfe für Schlaganfall-Patienten. Sie selbst erlitt einen Schlaganfall zwei Wochen vor ihrem 40. Geburtstag

Foto: Julia Tillmann / FUNKE Foto Services

Essen  Vor 20 Jahren traf Manuela Piechota aus Haarzopf der Schlag. Es war im Büro, es war unangekündigt, und sie war gerade mal 39 Jahre alt.

Was ist der wohl größte Job für jemanden, der einen Schlaganfall erlitten hat? Wieder gesund zu werden? "Ja, aber fast noch wichtiger ist es, mit der Krankheit leben zu lernen. Zu akzeptieren, dass es nicht mehr wird wie früher", sagt Manuela Piechota (61).

Es war zwei Wochen vor ihrem 40. Geburtstag, als die gelernte Bankkauffrau sprichwörtlich vom Schlag getroffen wurde. "Es war im Büro, plötzlich wollte mein rechter Arm nicht mehr, ich konnte das Telefon nicht mehr greifen." Dann kollabierte sie. Diagnose: Schlaganfall. Es folgten vier Wochen Klinik, dann neun Wochen Reha. In der linken Gehirnhälfte waren Gefäße verstopft. Linke Gehirnhälfte, das heißt: die rechte Körperseite ist seitdem gelähmt. Die rechte Hand ist abgeknickt, sie kann den gesamten Arm nur mit Mühe bewegen, auch das Bein ist lahm. Unmittelbar betroffen nach dem Vorfall war auch ihre Sprache, ihre rechte Gesichtshälfte; und wenn es kalt wird draußen im Herbst, dann merkt sie das sofort: "Dann ist mein Bein steif."

Manuela Piechota ist heute zu 90 Prozent schwerbehindert, hat eine Hilfe im Haus. "Kochen kann ich kaum, mir rutscht die Pfanne aus der Hand." Man kann der linken Hand einiges, aber nicht alles neu beibringen. Sie trainiert regelmäßig ihren rechten Arm, aber, nur als Beispiel: "Schreiben ist und bleibt eine Wunschvorstellung."

Was sie am meisten vermisst: das Tanzen

Treppen sind ein Hindernis, "da muss schon ein Geländer sein, und zwar auf der richtigen Seite." Links. Sind die Treppen keine geschlossenen Bauwerke, sondern offene Stufen, geht es gar nicht: "Dann kann ich nicht hinaufgehen." Was sie am meisten vermisst? "Das Tanzen, früher war ich eine Art Zappelphillipp." Ihre Haupt-Aufgabe seit dem Schlaganfall ist es, in Bewegung zu bleiben, damit die beeinträchtigten Körperteile nicht weiter versteifen. "In meiner Wohnung sieht es aus wie in einem Fitness-Studio. Ich habe einen Stepper, ein Laufband und einen Ergometer."

Warum? Warum hat es ausgerechnet sie erwischt, damals, mit 39? "Ich war Risikopatient, ohne es zu wissen." Natürlich wusste sie von ihrer Vor-Erkrankung, "Lupus erythematodes", eine entzündliche Auto-Immunerkrankung. Und sie rauchte Zigaretten, mindestens eine Schachtel HB am Tag. "Die ersten Wochen und Monate danach", sagt Manuela Piechota, "dachte ich immer noch, alles wird irgendwann so wie früher."

Zweifel, Panik, Selbstaufgabe

Es wurde aber nicht. Das verstand sie erst, als sie Selbsthilfegruppen aufsuchte, weil sie mit den Zweifeln, der Panik und der zwischenzeitlichen Selbstaufgabe nicht mehr klarkam. "Ich war erst schüchtern, aber bald kam ich mit anderen ins Gespräch und erkannte, dass andere mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben."

Die Arbeit der Selbsthilfegruppen wurde - neben dem täglichen Training, in Bewegung zu bleiben - zu ihrer neuen Haupt-Aufgabe im Leben. "Die herzliche Art der anderen Gruppenmitglieder machten mich wieder zu einem normalen Menschen."

Selbst der Humor ist angegriffen - man versteht nicht mehr alles

Es war ja nicht nur ihr Körper, der zur Hälfte streikte. Und ihre verlorene Sprache, die sie sich mit Hilfe langsam zurückholen konnte. Das ganze Gehirn war angeschlagen und ist bis heute beeinträchtigt. "Ich halte es nicht gut lange aus in Räumen, in denen viele Menschen sind." Auch andere zu verstehen, nicht akustisch, sondern den Sinn zu erfassen von dem, was andere sagen, fiel ihr lange nicht leicht. "Humor war schwierig, ich konnte oft nicht begreifen, ob jemand etwas ernst meint oder nicht."

Manuela Piechota leitet heute zwei Selbsthilfegruppen und engagiert sich in der Arbeitsgemeinschaft behinderter Menschen in Essen. "Die Arbeit hat mich offener gemacht, ich bin heute viel selbstbewusster als früher und offener." Das ist das Gute, das dieser Schlaganfall, trotz aller Dramatik und lang anhaltender Beeinträchtigungen, für sie bis heute hat.

INFO: Wer Hilfe sucht in einer Selbsthilfegruppe für Schlaganfall-Betroffene, nimmt am besten per E-Mail Kontakt auf: info@vsg-Schlaganfall.de

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