Ehrenamt

Sehbehinderter Essener hofft auf Begleiter für Spaziergänge

In Begleitung wie hier mit Heilerziehungspfleger  Andreas Pörschke (li.) fühlt sich der sehbehinderte Thomas Taulin sicher, wenn er draußen unterwegs ist.

In Begleitung wie hier mit Heilerziehungspfleger Andreas Pörschke (li.) fühlt sich der sehbehinderte Thomas Taulin sicher, wenn er draußen unterwegs ist.

Foto: Vladimir Wegener / FUNKE Foto Services

Essen-Kray.  Ob Spaziergang oder Ausflug: Thomas Taulin (56) freut sich über Begleitung. Wegen seiner Sehschwäche traut er sich allein nicht mehr weit raus.

Thomas Taulin freut sich. Vielleicht wird bald sein Wunsch erfüllt. Durch das Zeitungsinterview versucht der 56-Jährige Menschen zu finden, die mit ihm spazieren gehen oder Ausflüge unternehmen. Von Kray, wo er mit drei anderen Behinderten in einer Wohngemeinschaft am Kamblickweg lebt, zieht es ihn in die nähere Umgebung. Aber auch eine Tagestour nach Holland kann er sich gut vorstellen. „Früher“, erzählt er, „bin ich selbst oft mit Bus und Bahn unterwegs gewesen.“ Allein traut er sich das nicht mehr, weil er nach einem Schlaganfall am Sehnerv nur schemenhaft sehen kann. Jetzt sind Ehrenamtliche gefragt.

„Das Augenlicht hat Herr Taulin fast verloren, aber nicht seine Unternehmungslust“, erklärt Louise Hochstätter. Die 35-Jährige ist pädagogische Mitarbeiterin in der Wohngruppe und betreut den 1963 in Essen Geborenen täglich. „Ich gehe gern shoppen“, berichtet Taulin. „Am liebsten im Rhein-Ruhr-Zentrum.“ Er kauft CDs oder Anziehsachen und lässt sich dabei beraten, wie Heilerziehungspfleger Andreas Pörschke weiß. Der 39-Jährige ist wie Louise Hochstätter für das Franz-Sales-Haus tätig. Die katholische Behinderteneinrichtung unterstützt in Essen rund 30 solcher Außenwohngruppen mit Fachpersonal.

Abwechslung in der Freizeit bringt Vergnügen und Lebensfreude

Im Haus am Kamblickweg finden sich drei WGs für Menschen mit Handicap. „Viele fühlen sich wohler und gut aufgehoben, wenn sie mit anderen zusammenleben. In der Gemeinschaft hat jeder sein eigenes Zimmer, das er individuell gestalten kann und ein Rückzugsort ist“, sagt Ehrenamtskoordinatorin Claudia Rösner. Sie kennt einige der Wohngruppen. Typisch sei, dass es Gemeinschaftsräume wie die Küche oder das Wohnzimmer gebe, die von allen Bewohnern genutzt werden.

Abwechslung in der Freizeit bringt Vergnügen und Lebensfreude. Das wissen die Fachkräfte des Franz-Sales-Hauses und helfen den Behinderten passende Angebote zu finden. „Aber längst nicht alle Erwachsenen können allein etwas unternehmen“, fügt Rösner hinzu. In ihrem Büro in Huttrop hat sie eine lange Liste mit Namen von Männern und Frauen, die teilweise in den Werkstätten der Einrichtung arbeiten. Nach Feierabend oder an den Wochenenden hätten auch sie gern externe Begleiter. Neu ist dieses Ehrenamt nicht: „Wir haben bereits 150 Helfer, die sich teilweise schon sehr lange einbringen. Aber es werden auch immer wieder neue Kräfte gebraucht.“

Sie wünschen sich Bauchtanz oder ein Besuch beim Tusem

Auf den Wunschzetteln ganz oben: Bus- und Bahnfahrten, Spaziergänge oder Stadtbummel am Nachmittag oder Wochenende, vielleicht kombiniert mit dem Besuch eines Cafés, einer Eisdiele oder einer Pommesbude. „Eine Frau aus Kray sucht jemanden, der sie zu Fußballspielen von RWE begleitet.“ Und dann wäre da noch eine andere, die jeden Dienstag zum Bauchtanz in Frillendorf möchte und kreative Angebote besuchen will. Einige Rollstuhlfahrer fragen nach Menschen, die sie Handballspielen von Tusem begleiten. Wer mit einem der Kandidaten in Bus oder Bahn unterwegs ist, darf kostenlos mit. „Das ist ein echter Vorteil“, findet Pörschke. Fahrten in Privatwagen seien nicht erwünscht.

„Wer sich für dieses Ehrenamt interessiert, wird gründlich eingewiesen“, sagt Rösner. Zum Schutz der Behinderten werde von den Bewerbern ein polizeiliches Führungszeugnis verlangt und zwar das erweiterte, wie für Mitarbeiter in Kinder- und Jugendeinrichtungen üblich. Bei allen Formalitäten sei es wichtig, sich vorab zu beschnuppern. „Wir laden die Bewerber zunächst zum Kennenlernen ein.“ Passt die Chemie auf beiden Seiten, steht den Unternehmungen nichts im Wege. Natürlich dürfen auch die Paten Ideen einbringen und neue Aktivitäten vorschlagen: Kino, Malkurs, Theater, Sport - Fantasie ist gefragt.

Ausflug zum Betriebshof, zum Flughafen oder auf die Wache

Als er noch besser sehen konnte, war Thomas Taulin oft in Düsseldorf oder Duisburg. Er liebt spannende Orte wie Baustellen, Flughäfen oder Betriebshöfe, eine Wache vielleicht oder ein Essener Unternehmen. „Dann möchte er, dass man ihm genau erklärt, was dort zu sehen ist“, vermittelt Pörschke, der früher oft mit ihm auf Tour war. „Thomas ist ein echter Kumpel, der immer gute Laune hat“, betont der Heilerziehungspfleger. Da sollte sich doch jemand finden lassen …

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