Corona

So lief die erste Nacht in Essen mit Gastronomie-Sperrstunde

Der Platz vor dem Irish Pub in Rüttenscheid ist es gegen 23.30 Uhr wie leer gefegt. Kurz zuvor standen hier noch Dutzende, die sich nach der Sperrstunde fragten: Und wohin nun?

Der Platz vor dem Irish Pub in Rüttenscheid ist es gegen 23.30 Uhr wie leer gefegt. Kurz zuvor standen hier noch Dutzende, die sich nach der Sperrstunde fragten: Und wohin nun?

Foto: Stephan Witte / KDF-TV & Picture

Essen.  Die meisten Gäste akzeptieren die Sperrstunde, einige feiern – wie von manchem befürchtet – aber zu Hause weiter. Polizei meldet ruhigen Abend.

Es ist 22:55 Uhr und im Irish Pub in Rüttenscheid geht die Musik aus und das Licht an. Ein Mann mit schwarzer Jacke läuft von Tisch zu Tisch und sagt: „Geht ihr bitte.“ Etwa 100 überwiegend junge Menschen stehen von ihren Plätzen auf, einige füllen ihre halb leeren Biergläser in Pappbecher und verlassen das Lokal ohne viel Aufhebens. „Wo feiern wir jetzt weiter?“, ruft ein Mann zu seinen Freunden.

Seit Samstag herrscht in Essen die Sperrstunde für Kneipen, Restaurants und Bars. Jeden Tag müssen sie nun von 23 bis 6 Uhr schließen. Der erzwungene Thekenschluss gilt in Kommunen mit 50 oder mehr Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen. Die Landesregierung NRW hat die verschärfte Regel beschlossen, zunächst bis Ende Oktober.

Gegen 22 Uhr sitzen Matea, Emily und Karen im Irish Pub an einem Tisch, alle Anfang 20, alle Studentinnen in Essen. Sie halten ihre Cocktails in die Smartphonekamera von Karen, um ein Selfie für Instagram zu schießen. Laute Musik läuft, um sie herum sind alle Tische besetzt. „Die Sperrstunde ist schon effektiv“, sagt Emily. „Dann bleiben die Leute nicht so lange an einem Ort.“

Essen: Sperrstunde trifft auf geteilte Meinungen bei Wirten und Gästen

„Auf der anderen Seite“, sagt sie „feiern viele in Privathaushalten weiter.“ Sie glaube nicht, dass sich da alle an die Corona-Regeln halten. So sieht es auch Essens Marketing-Chef Richard Röhrhoff. „Kurz nach der Sperrstunde sind bestimmt U-Bahnen und Busse voll, weil alle gleichzeitig gehen müssen.“

Die Chefin des Pubs, Loana Murray, 41, sagt, Gäste hätten sie den ganzen Tag über angerufen und wollten wissen, warum ihr Lokal um 23 Uhr schon schließe. „Wir haben heute zwei Geburtstage, die wollen ja eigentlich länger feiern“, erklärt der Kellner. „Vor Corona konnten hier 500 Personen gleichzeitig feiern“, sagt er. „Jetzt lassen wir höchstens 150 rein, niemand steht mehr in den Gängen, der Tresen ist dicht.“

Um 22.30 Uhr bringen die Kellner die letzte Runde, kassieren die Rechnungen und erinnern die Leute an die Uhrzeit. „Viele wissen Bescheid und eigentlich alle akzeptieren die Regel“, sagt Pub-Chefin Murray.

An einem kleinen Tisch im Irish Pub trinkt Michael ein schwarzes Bier mit zwei Kumpeln. Ein Kellner bringt drei Pappbecher vorbei, Michael nickt. Der 37-Jährige findet die Sperrstunde unverhältnismäßig. „In Kneipen stecken sich doch kaum Leute an“, sagt er. Oberbürgermeister Thomas Kufen sah das vor einer Woche auch noch so, die Vorgabe des Landes ließ der Stadt aber keine Wahl.

Ob Michael wisse, dass die Gesundheitsämter nur wenige Infektionsketten nachvollziehen? „Die Bilder aus dem Fernsehen geben das nicht her, in den Krankenhäusern haben sie die Lage im Griff“, so seine Überzeugung. „Gleich holen uns zwei Freunde ab und wir fahren auf eine Hausparty, wir lassen uns den Spaß nicht verderben“, sagt er. Er fände aber gut, dass über das Thema mal kritisch berichtet wird.

„Es ist Samstag Abend und ich will nicht um 23 Uhr ins Bett“

Die Rüttenscheider Straße ist kurz vor 23 Uhr plötzlich sehr belebt. In kleinen Gruppen stehen diejenigen zusammen und plaudern, die noch kurz zuvor an den Tischen drinnen saßen. Masken sieht man nur wenige. In einer Bar laufen die Kellner teils hektisch von Tisch zu Tisch, einige wenige Gäste sitzen auch nach 23 Uhr noch demonstrativ an ihren Plätzen, so, als ob sie das Ganze noch nicht so wirklich ernstnehmen.

Kurz nach der Sperrstunde stehen etwa 70 Personen in Grüppchen vor dem Irish Pub. „Corona ist scheiße“, schreit Katharina und legt ihren Arm um Julias Schulter, mit der sie aus Dorsten für den Abend nach Rüttenscheid gekommen ist. „Es ist Samstagabend und ich will nicht um 23 Uhr ins Bett“, sagt sie. „Wir haben hier zwei sehr nette Männer kennengelernt, die wohnen in Essen, wir machen bei denen weiter“, sagt sie und und zeigt auf einen großen Mann in Lederjacke um die 40, der schon mit den Schuhen über den Boden scharrt.

Langsam löst sich der Schwarm auf. Die Menschen suchen Taxis, laufen zum Bus, zwei Männer rasen fest umschlungen auf einem E-Roller davon. Christopher, 50, schwingt sich vor dem Restaurant Burgerheart auf sein Fahrrad, etwas wackelig. Der Ingenieur aus Essen hat von der Sperrstunde nichts mitbekommen. „Ich hatte einen herrlichen Burger, viel Alkohol“, sagt er verwaschen. „Länger als 23 Uhr wäre ich eh nicht geblieben, eine gute Zeit für eine Mütze Schlaf“, sagt er und fährt schlingernd davon.

Die Taxifahrer auf der Rü langweilen sich, einer schläft ein

Die Studentinnen Leah, Laura und Charlotte kommen aus der Ampütte. „Die Wirte tun mir Leid“, sagt Leah. „So traurig.“ Aber die Maßnahme sei vernünftig, sobald die Leute angetrunken seien, vergäßen viele die Abstandsregeln. Die Gäste hätten die Ampütte friedlich verlassen. „Um 22.55 Uhr lief noch ein Rausschmeißerlied. Irgendwas mit: schon so spät, oder?“, fragt Leah ihre beiden Freundinnen. Sie tränken jetzt noch einen Absacker in der Wohnung.

Dann leert sich die Rü schnell, vor Rewe ärgern sich zwei Jungs, noch keine 18 Jahre alt, dass sie ab 23 Uhr keinen Alkohol mehr bekommen. „Müssen jetzt gucken, was wir noch auf Lager haben“, und trotten davon. Ein Taxifahrer schläft auf seinem Sitz, wie ein Beutel in sich eingesackt. Ein anderer guckt einen Film auf seinem Smartphone. „So leer war’s hier schon lange nicht mehr an einem Samstag“ sagt er und fährt mit der Hand durchs Gesicht. „Wir haben von 23 bis 1 Uhr den meisten Umsatz, da fahren wir alle fünf Minuten, jetzt stehe ich hier seit 30 Minuten und nichts passiert mehr.“

Um 0.30 Uhr ist die Rü dann wie ausgestorben

Kellnerinnen und Kellner, die gegen Mitternacht die Türen ihrer Lokale verschließen, erzählen, dass die Sperrstunde glimpflich verlaufen sei. „Viele sind von sich aus kurz vorher schon aufgebrochen“, sagt eine Kellnerin, als sie die Türen des Gin & Gagger verriegelt. So bilanziert auch ein Polizist den Abend. „Keine besonderen Vorkommnisse.“ Am Freitag ist das Ordnungsamt in die Lokale gekommen, um die Wirte über die neue Sperrstundenpolitik zu informieren.

Um spätestens 0.30 Uhr ist die in solchen Nächten sonst so quirlige Rü wie ausgestorben.

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