Theater

Song-Treffen von Clapton, Cohen und Cash im Schauspiel Essen

Gemeinsam einsam: Philipp Alfons Heitmann und Jan Pröhl (im Hintergrund) in einer Probenszene aus „After Midnight“ im Grillo-Theater.

Gemeinsam einsam: Philipp Alfons Heitmann und Jan Pröhl (im Hintergrund) in einer Probenszene aus „After Midnight“ im Grillo-Theater.

Foto: Klaus Micke / FUNKE Foto Services

Essen.  „After Midnight“ im Grillo-Theater: Programm mit Songs von Clapton, Cohen und Cash bringt einsame Seelen im amerikanischen Nirgendwo zusammen.

„Crying Is Okay Here“ steht über der Bar. Mancher Schauspiel-Besucher wird diese trostvolle Aufmunterung schon als Schriftzug über der Theke des Grillo-Theaters kennen. Doch der bisweilen etwas feuchte Blick über den Pullenrand ist von heute Abend an auch auf der Bühne des Theaters gestattet. „After Midnight“ verspricht einen „tiefen Blick in Gläser und Abgründe mit Songs von Eric Clapton, Johnny Cash und Leonard Cohen“, so die Programmankündigung.

Die Musiker der Band „The Hawks“ spielen live auf der Bühne

Bühnenbildnerin Ivonne Theodora Storm hat zu diesem Zweck ein hinreißendes Diner auf die Drehbühne des Schauspielhauses gestemmt. Dort ist nicht nur Platz für ein paar Typen, die der eisige Dezemberwind eines Silvesternachts in eine verlorene Kneipe inmitten des amerikanischen Nirgendwos spült. Sondern auch für die Musiker der Band „The Hawks“, die zusammen mit Ensemblemitgliedern des Hauses und Regisseur Christian Tombeil ein besonderes Format kreieren. After Midnight sei „kein Musical, kein Liederabend“, erklärt Dramaturg Florian Heller, der das Stück geschrieben hat. Sondern ein Abend, der Musik und Text zu einen stimmigen und stimmungsvollen Dialog verbinden will.

Wer Kinoregisseur Wim Wenders in seinen Filmen schon einmal durch die Einsamkeit von Montana gefolgt ist oder Edward Hoppers berühmtes Bild „Nighthawks“ vor Augen hat, wird die Szenerie herrlich vertraut vorkommen. Und doch will „After Midnight“ nicht die erwartbare Melange aus Songwriter-Biografie und Amerika-Stereotypen abrufen. Dafür ist schon die Kombination der Musiker, die von ihnen präsentierte Mischung aus Country, Folk und Rock zu ungewöhnlich.

Die Tristesse im amerikanischen Rostgürtel

Ihre Lieder werden für sich stehen, die Herren Cohen, Clapton und Cash treten im Stück namentlich niemals auf. Und die Figuren, die Heller um ihre Songs erdacht hat, sind alles andere als Glamourstars. Da ist der etwas abgehalfterte Rockmusiker Rick, der trotz vieler Rückschläge immer noch an seinen Durchbruch glaubt. Und da ist Pattie, Wirtin wider Willen, die in der trostlosen Spelunke namens „After Midnight“ immer noch Getränke ausgibt und auch manche Aufmunterung. Schließlich befindet man sich in der Ödnis des amerikanischen „Rust Belt“, im sogenannten Rostgürtel, wo Heller den beziehungsreichen Ort Monessen ausgemacht hat mit seiner niedergehenden Stahlindustrie.

Ein Abend über Liebe, Trauer, Schuld und Hoffnung, mit einem Schuss Ironie

In einer eisigen Silvesternacht stoßen dort noch der reisende Händler Cassius und der eloquente, aber geheimnisvolle Dichter Norman dazu. Aus dem Treffen dieser einsamen Seelen entspinnt sich ein Stück, das die Grundessenzen jedes guten Songs zu einem hochprozentig unterhaltsamen Abend mixt. Liebe, Trauer, Schuld und Hoffnung, abgeschmeckt mit einer Prise Philosophie und einem ordentlichen Schuss Ironie. Gesungen wird natürlich live von den Mitgliedern des Ensembles, Jan Pröhl, Jens Winterstein, Laura Kiehne und Philipp Alfons Heitmann als Gast.

Dramaturg Florian Heller hat mit dem Abend eine Idee des Ensemblemitglieds Thomas Büchel aufgenommen. Heller ist ein erklärter Cohen-Fan, spielt aber selber in einer Punk-Band. Für das Stück habe er nicht nur manche Biografien über diese drei gefeierten Seelenmusik-Granden gelesen, verrät der Dramaturg, sondern auch jede Menge Musik abgehört. „Für jede Sequenz im Stück hätte man zehn Titel finden könnten“, beschreibt Heller die Qual der Titelwahl. Rund 20 Stücke werden an diesem Abend erklingen, an dem Johnny Cash, der Meister der virtuos zelebrierten Einsamkeit, ebenso zu Worte kommt wie Chef-Melancholiker Leonard Cohen und Eric Clapton, letzter Lebender des Trios.

Im echten Leben haben die drei niemals gemeinsam auf einer Bühne gestanden. Dass sie in ihrer Musik aber ganz ähnliche Dinge ausgedrückt haben, davon zeigt sich Christian Tombeil zutiefst überzeugt und bewegt. Und wenn nicht alles schiefgeht, dürfte „After Midnight“ auch das Publikum rühren. Am Ende vielleicht sogar zu Freudentränen.

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