Gewalt im Amateurfußball

Sportgericht sperrt fast komplettes Essener Fußballteam

Beim Heimspiel des BV Altenessen II an der Stankeitstraße kam es Mitte Oktober zum Übergriff auf den Schiedsrichter.

Beim Heimspiel des BV Altenessen II an der Stankeitstraße kam es Mitte Oktober zum Übergriff auf den Schiedsrichter.

Foto: Foto: Michael Gohl

Essen.  Fast ein ganzes Essener Fußballteam wird nach einem Angriff auf den Schiedsrichter gesperrt. Spielt der syrisch-türkische Konflikt eine Rolle?

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Ein Urteil des Kreissportgerichts wirft abermals ein Schlaglicht auf die Gewalt im Essener Amateurfußball: Wegen eines tätlichen Angriffs auf einen Schiedsrichter hat das Sportgericht 13 Spieler und den Trainer der zweiten Mannschaft des BVA Altenessen 06 für bis zu zwei Jahre gesperrt. Bemerkenswert: Die Übeltäter waren auf ein Mitglied ihres eigenen Vereins losgegangen. Der Jugendvorstand war für die Partie als Schiedsrichter eingesprungen.

Der Vorfall, über den das Kreissportgericht jetzt urteilte, ereignete sich am 13. Oktober auf der Sportanlage an der Stankeitstraße. Die zweite Mannschaft des BVA trat dort in der Kreisliga C gegen gegen das Team von Barisspor 84 Essen II an. Die Gäste entschieden die Partie mit 3:1 Toren für sich.

Der Schiedsrichter büßte einen Zahn ein und erlitt Verletzungen am Knie

Spieler des BVA gingen daraufhin auf den Schiedsrichter los, verfolgten diesen bis in das Vereinsheim und drangen in die Kabine des Unparteiischen vor. Im Fußball ein absolutes No-Go. Der Schiedsrichter verlor einen Zahn und erlitt Verletzungen am Knie. So schilderte Jürgen Dirnberger, Vorsitzender des Sportgerichts, die Vorkommnisse nach Zeugenaussagen. Auslöser des Tumultes sei eine Abseitsentscheidung eines Schiedsrichterassistenten gewesen. Der Referee zeigte vier Spielern und dem Trainer des BVA die rote Karte.

Tätliche Übergriffe kommen leider immer wieder vor, bedauert Thorsten Flügel, Vorsitzender des Fußballkreises Essen. Dass Gewalttäter aber auf ein Mitglied ihres eigenen Vereins losgehen, „ist schon ungewöhnlich“. Spekulation bleibt, ob aktuelle ethnische Konflikte eine Rolle gespielt haben. Für Altenessen standen laut Jürgen Dirnberger fast ausschließlich Syrer auf dem Platz. Der Schiedsrichter sei Türke. Barrispor ist ein türkischer Migrantenverein. Zum Gewaltausbruch auf dem Fußballplatz kam es wenige Tage nach dem Einmarsch türkischer Truppen in den Norden Syriens.

Für das Urteil des Sportgerichts spielte ein möglicher Zusammenhang keine Rolle, betont der Vorsitzende Jürgen Dirnberger. Das Gericht zog drei Spieler des BVA für zwei Jahre aus dem Verkehr, zehn weitere wurden für ein Jahr gesperrt. Der Trainer erhielt eine sechsmonatige Sperre. Er hatte den Schiedsrichter angefasst. Das Sportgericht wertete dies als minderschweren Fall.

Nur zwei Spieler der Heimmannschaft beteiligten sich nicht an dem Übergriff. Einer der beiden hatte sich zwischen die Angreifer und den Schiedsrichter gestellt. Auch die Mannschaft von Barisspor Essen habe sich vorbildlich verhalten, lobte Thorsten Flügel.

Schon 2015 wurden Spiele gegen den BVA II Boykottiert

Der BV Altenessen hatte prompt reagiert. Der Verein sperrte seine zweite Mannschaft bis zur Verhandlung vor dem Kreissportgericht. Inzwischen wurde das komplette Team vom Spielbetrieb abgemeldet. Die Sport- und Bäderbetriebe dürften gegen die Verurteilten nun Platzsperren für städtische Sportanlagen verhängen.

Für den Traditionsverein aus dem Essener Norden ist der Vorfall ein Rückschritt. Erinnerungen werden wach an 2015, als 14 Vereine aus der Kreisliga Spiele gegen die damalige zweite Mannschaft des BVA boykottierten. Die Klubs warfen den Altenessenern vor, von Spielern außerhalb des Platzes beleidigt und bedroht worden zu sein. Von unfairem und teils brutalem Verhalten Einzelner war in einem Protestschreiben an die Fußballverbände die Rede. Der Boykott sorgte damals bundesweit für Schlagzeilen. Der BVA hatte sein Image eines „Prügelclubs“ weg. Die Rüpel-Elf stieg auf, die meisten Spieler aber mussten gehen.

2009 war der BV Altenessen 06 noch mit dem Integrationspreis des Deutschen-Fußballbundes (DFB) ausgezeichnet worden. Der Verein hatte sich ganz bewusst geöffnet, wollte ein Spiegel der Bevölkerung im Essener Norden sein und unterschätzte das Konfliktpotenzial, das innerhalb verschiedener ethnischer Gruppen besteht, räumte der Vorstand später ein.

Auch für das Bemühen des Fußballkreises Essen, die Gewalt auf den Plätzen einzudämmen, bedeutet die Schiedsrichter-Attacke einen Rückschlag. Erst vor wenigen Wochen hatte Sportwissenschaftler Ulf Gebken, der Präventionsmaßnahmen des Kreises wissenschaftlich begleitet, von einer positiven Entwicklung berichtet. War die Zahl der Spielabbrüche innerhalb eines Jahres doch um 60 Prozent zurückgegangen.

Auch das Spiel in Altenessen war nicht vorzeitig beendet worden. Richtig rund ging es erst nach dem Abpfiff.

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