Umweltschutz

Stadt Essen soll „Steinwüsten“ in den Vorgärten verbieten

So soll es nicht sein: Kiesgärten an der Schmemannstraße in Altenessen. Die steinernen Vorgärten stehen zunehmend in der Kritik.

So soll es nicht sein: Kiesgärten an der Schmemannstraße in Altenessen. Die steinernen Vorgärten stehen zunehmend in der Kritik.

Foto: Vladimir Wegener

Essen.   Der Beirat Untere Naturschutzbehörde und die Grünen fordern die Stadt auf, die Anlage von Kies- und Schottergärten vor den Häusern zu verhindern.

Der Beirat bei der Unteren Naturschutzbehörde will die „Steinwüsten“ in den Essener Vorgärten verhindern. Auf Initiative des Naturschutzbundes Ruhr (Nabu) fordert der Beirat die Stadt und den Stadtrat auf, darauf hinzuwirken, „dass künftig bei der Erstellung oder Änderung von Bebauungsplänen die Anlage von Kies- und Schottergärten untersagt wird“. Vielmehr sollte verbindlich geregelt werden, die Freiflächen „mit heimischen Hecken und Sträuchern zu bepflanzen, um eine vogel- und insektenfreundliche Gestaltung als Ziel festzuschreiben“. Der Antrag wurde auf der Beiratssitzung am Mittwoch im Essener Rathaus verabschiedet.

„Steinwüsten eine Seuche“

Schützenhilfe bekommt der Beirat dabei von den Essener Grünen: In einem Antrag für die Ratssitzung am Mittwoch, 27. Februar, fordert die Grüne Ratsfraktion die ebenfalls Verwaltung auf, zu prüfen, wie eine Versiegelung von Vorgärten verhindert und stattdessen eine naturnahe Gestaltung vorgeschrieben werden kann. Essens Grüne gehen dabei einen Schritt weiter: sie fordern „Anreizsysteme“ über Festlegungen in neuen Bebauungsplänen oder Gestaltungssatzungen.

Der Vorstoß geht auf eine Initiative des Nabu zurück, der in einem begleitenden Schreiben die enorme Zunahme von „Steinwüsten“ in den Essener Vorgärten beklagt. „Das ist geradezu eine Seuche, die leider vermehrt um sich greift“, sagt Elke Brandt, 2. Vorsitzende des Nabu Ruhr. Um zu verhindern, dass sich Wildpflanzen festsetzen, würden die Flächen mit Folien oder Beton abgedichtet. „Die Leute wollen eine pflegeleichte Lösung, doch die gibt es nicht.“ Stattdessen würden sie einen Wärmespeicher vor der Haustür anlegen, der sich in der Masse verheerend auf das Stadtklima auswirkt: „Die Stadt muss hier aktiv werden.“

Wüstenklima vor der Haustür

Vor den Folgen für das Mikroklima warnt der ehemalige Professor Wilhelm Kuttler als Klimatologe eindringlich: „Wir schaffen uns damit ein Wüstenklima vor der Haustür.“ Ein Temperaturanstieg von fünf Grad sei die Folge: „Wir hatten im vergangenen Sommer 125 Tage mit Temperaturen über 25 Grad. Über 45 Grad heißen Schottergärten findet kein Wärmetransport mehr statt.“ Kuttler warnte: „Die starke Erwärmung ist lokal gemacht, wir drehen selber an der Schraube.“ Er schätzt, dass auch in Essen über 15 Prozent der Vorgärten bereits zugepflastert sind: „Das dürfte weiter zunehmen, wenn die Stadt nicht handelt.“

Dabei haben gerade Vorgärten und kleine Grünflächen nach Darstellung des Klimatologen „eine besondere Bedeutung für die Artenvielfalt und das Klima in der Stadt“. Auch der Nabu betont, das sie „ökologische Trittsteine für Pflanzenarten, Insekten und Vögel bilden“, sagt Ulrike Eitner. „Grünflächen lieferten saubere, frische Luft.“

Schlechte Auswirkungen aufs Stadtklima

Für das Stadtklima wird die Zunahme an Kies- und Schottergärten dagegen zum Problem, vor allem, wenn zusätzlich notwendige Kaltluftschneisen durch neue Bebauungen wegfallen. Aktuell ruft auch die Landesgemeinschaft Naturschutz und Umwelt in Nordrhein-Westfalen (LNU) dazu auf, dieser „ökologisch schädlichen Modeerscheinung“ Einhalt zu gebieten.

Viele Kommunen in NRW sind in dieser Richtung bereits aktiv: In Neubausiedlungen in Xanten oder Dortmund sind inzwischen Schotter, Splitt oder Kies verboten: „Der Vorgartenbereich ist zu begrünen, mit Bäumen und Sträuchern zu bepflanzen und zu unterhalten“, heißt es etwa in Xantener Bebauungsplänen. Auch Paderborn schreibt für Neubaugebiete Auflagen vor, die die Begrünung in den Vordergrund stellen. Ähnliche Regelungen plant Bottrop.

Parkplätze entstehen in den Vorgärten

Neben den „Steinwüsten“ sehen Essens Grüne auch einen Mißbrauch der Vorgartenflächen für die Anlage von zusätzlich Stellplätzen, ohne dass die Fläche dafür bauordnungsrechtlich vorgesehen ist. Dies habe Folgen für die Versickerung bei Niederschlägen. Auch Professor Kettler warnt: „Da versickert nichts mehr, das Regenwasser läuft komplett oberirdisch ab.“

Fraktionschefin Hiltrud Schmutzler-Jäger fordert deshalb, begrünte Vorgärten baurechtlich dauerhaft zu sichern. „Über die Landesbauordnung gibt es die Möglichkeit, grüngestalterische Ziele für Vorgartenflächen zu treffen. Diese Option sollte in Essen zukünftig verbindlich genutzt werden.“ Auch im Beirat war man der Meinung: „Den Steinwüsten Einhalt zu gebieten, das müsste in der Grünen Hauptstadt doch möglich sein.“

>>>>BEIRAT UNTERE NATURSCHUTZBEHÖRDE

  • Gemäß dem Landesnaturschutzgesetz sollen die Naturschutzbeiräte den zuständigen Behörden und Stellen Vorschläge und Anregungen unterbreiten. Dem Beirat gehören in Essen der Nabu, der Fischereiverband, der Imkerverband, die Landesgemeinschaft Naturschutz, der Landesjagdverband, der Landessportbund, der Landesverband Gartenbau, der Bund für Umwelt und Naturschutz, der Rheinische Landwirtschaftsverband, die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald und der Waldbauernverband an.

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