Lit.Ruhr

Lit.Ruhr: Sturmtief Xavier sorgt für Lesefest-Turbulenzen

Lächelte trotz Bandscheibenvorfall: Schauspieler Jan-Gregor Kremp las den Krimi von Martin Walker auf Deutsch.

Foto: Bettina Strenske

Lächelte trotz Bandscheibenvorfall: Schauspieler Jan-Gregor Kremp las den Krimi von Martin Walker auf Deutsch. Foto: Bettina Strenske

Essen.  Lit.Ruhr: Ausverkaufte Säle bei Lesungen von Suter bis Hornby. Mangelndes Gastronomie-Angebot auf dem Zollverein-Gelände sorgt für Kritik.

Am zweiten Tag des großen Lesefestes hat Sturmtief Xavier die Regie der Lit.Ruhr kräftig durcheinandergewirbelt. Emilia Smechowskis „Streberemigranten“ in der Stadtbibliothek fallen den Wetterkapriolen zum Opfer. Und auch für Moritz von Uslar und Lucas Vogelsang ist der Weg vom Wedding nach Essen unpassierbar. Dafür hat Moderator Knut Heistermann auf der anderthalbstündigen Taxifahrt von Hannover nach Essen gute Gespräche mit dem polnischen Taxifahrer gehabt. Vielleicht, sagt Heistermann, ist da eine Freundschaft fürs Leben entstanden.

Miteinander sprechen hilft immer, auch wenn’s eigentlich nicht mehr weitergeht. Damit ist dann auch gleich das Thema umkreist, das Heistermann an diesem Abend moderieren wird. Unter dem Titel „Wir müssen reden“ hat Lit.Ruhr-Programmgestalterin Eva Schuderer Anfangs- , Zwischen- und Endpunkte des menschlichen Austauschs zu einem munteren Dialog-Reigen arrangiert.

Was genau aufs Publikum kommt, weiß keiner. Aber wer kommt, das ist schon für so viele hundert Zuhörer einen Besuch wert, dass am Ende noch Stühle herbeigeschleppt werden müssen. „Polizeiruf“-Kommissarin Anneke Kim Sarnau und „Tatortreiniger“ Bjarne Mädel sind das Versprechen für einen unterhaltsamen Lese-Abend – und enttäuschen nicht. Mit Texten von Max Goldt bis Nick Hornby geht’s durch die verschiedenen Phasen zwischenmenschlicher Annäherung. Hornby selbst sitzt in diesem Moment nur ein paar hundert Meter weiter in der Halle 12, allerdings ohne sein ebenfalls Fußball-fanatisches Gegenüber Joachim Krol, den der Sturm auch ausgebremst hat.

Wie schon am Abend zuvor beim Besuch von Martin Suter ist der Saal restlos ausverkauft. Für viele ist die Lit.Ruhr ein willkommenes Angebot. „Wir wollten immer schon mal auf die Lit.Cologne, leider hat’s bislang nie geklappt“, freut sich Edda Kühnel aus Mülheim über die neue Gelegenheit in direkter Nachbarschaft. Auch der Essener Elmar Busch ist begeistert. „Ich war wie elektrisiert, als ich die Ankündigung las und habe mir sofort für jeden Abend Karten besorgt.“

Am Publikums-Zuspruch für die erste Lit.Ruhr mangelt es nicht, an der Aufenthaltsqualität muss Zollverein als zentraler Gastspielort des Lesefestes allerdings noch arbeiten. Dass – abseits des Casino Zollverein – auf dem gesamten Gelände am Abend nirgends ein Glas Wein, ein Wasser oder eine Bratwurst zu ergattern ist, sorgte an den ersten Festivaltagen bei vielen Besuchern für Verdruss. Wenn selbst die ansässige Gastronomie nicht reagiert, die „Butterzeit“ am Eröffnungstag Punkt 18 Uhr schließt und im „Kokereikaffee“ die Tische hochgeklappt sind, nachdem der Schlussapplaus für Zadie Smith im Salzlager verklungen ist, erscheint das Kopfschütteln nachvollziehbar. Damit wird Zollverein zum reinen Abspielort für Leseevents mit Literaturstars wie Donna Leon und Sven Regener. Wer sich nicht noch an einem Büchertisch für ein Autogramm anstellt, reist schnell wieder ab.

Dabei fasziniert die besondere Industriekultur-Kulisse nicht nur Autoren wie den Briten Martin Walker. Der hat als „Guardian“-Korrespondent schon in Washington und Moskau gearbeitet. In einer Industriehalle wie dem Salzlager, schwärmt Walker, war der Krimiautor noch nie zu Gast.

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