Neubauprojekt

Abrisspläne: Essener Mieter haben Angst um ihre Wohnungen

Werner Weber wohnt seit über 20 Jahren an der Angerstraße in Essen-Stadtwald und möchte dort auch nicht ausziehen.

Werner Weber wohnt seit über 20 Jahren an der Angerstraße in Essen-Stadtwald und möchte dort auch nicht ausziehen.

Foto: Julia Tillmann / FUNKE Foto Services

Essen-Stadtwald.  Wohnungsgenossenschaft plant Abriss und Neubau von 100 Jahre alter Siedlung in Essen-Stadtwald. Die Bewohner wollen ihr Zuhause nicht aufgeben.

Werner Weber (69) und viele seiner Nachbarn können es nicht fassen: Sie sollen aus ihren Wohnungen an der Angerstraße in Essen-Stadtwald ausziehen. Der Eigentümer, die GE-WO Osterfelder Wohnungsgenossenschaft, will in etwa fünf Jahren sieben Altbauten abreißen und durch Neubauten ersetzen. Das Vorhaben werde definitiv umgesetzt, heißt es seitens der Genossenschaft.

Die Bewohner wollen ihr Idyll aber nicht so einfach aufgeben. Die Angerstraße liegt am Rande der historischen Eyhof-Siedlung unterhalb der Frankenstraße. „Die Häuser Nummer 17 bis 29, in denen jeweils etwa sechs Parteien wohnen, sind rund 100 Jahre alt. In den letzten Jahren ist dort vieles erneuert und renoviert worden. Warum macht man das, wenn man dann die Häuser abreißen will?“, fragt Werner Weber, der seit 1998 an der Angerstraße lebt.

Viele der Nachbarn wohnen seit Jahrzehnten an der Angerstraße

„Viele wohnen hier noch viel länger“, sagt er und verweist auf seinen Nachbarn Dietmar Nitsch (79), der seit 51 Jahren dort zu Hause ist. Sie seien übrigens keine Mieter im eigentlichen Sinn, sondern Nutzer der Wohnungen, da sie als Mitglieder lebenslanges Wohnrecht bei der Genossenschaft erworben hätten.

Die Nachbarn wollen für den Erhalt der Häuser kämpfen und haben deshalb eine Interessengemeinschaft gegründet, die sich für bezahlbaren Wohnraum und insbesondere für den Erhalt der Häuser an der Angerstraße einsetzt. „Wir sind schon aufgefordert worden, unsere Internet-Seite www.gewogenossen.de zu schließen, was wir aber nicht tun werden“, versichert Werner Weber, Sprecher der Initiative.

Nutzer fürchten deutliche höhere Gebühren in den Neubauten

Gerade ältere Menschen wollten in den nächsten Jahren nicht zweimal umziehen – in eine Übergangswohnung und dann vielleicht in die neuen Häuser. „Dort wird die Nutzungsgebühr auch sicherlich viel höher sein“, befürchtet Weber, der einen Abriss auch ökologisch nicht für sinnvoll hält.

Die Nachbarn ärgern sich zudem, dass Wohnungen, aus denen zuletzt Mieter ausgezogen seien, nicht wieder vermietet worden seien. „Das führt ja zu nicht unbeträchtlichen Mindereinnahmen. Die Verluste tragen alle Genossen der Wohnungsgenossenschaft“, klagt Weber. Gerade in Zeiten von Wohnungsknappheit könne man doch über eine befristete Nutzung, zum Beispiel durch Studenten, nachdenken, meint er.

Die GE-WO Osterfelder habe in den vergangenen Jahren einiges investiert: Die Nachtspeicher-Heizungen seien 2011 durch eine Gaszentralheizung ersetzt worden, auf der großen Gemeinschaftsgrünfläche hinter den Häusern gebe es seit 2013 ein Spielgerät, Kellerdecken seien isoliert worden. Bei ihm selbst, so Weber, sei das Bad 2012 saniert worden. In anderen Wohnungen hätten Nutzer auf einige Kosten Verbesserungen vorgenommen.

Bewohner nutzen Grünfläche gemeinsam

Die Bewohner fürchten, dass die Neubauten sicherlich größer als die alten Häuser ausfallen werden. „Schlimm wäre es, wenn dann die große Grünfläche wegfiele oder stark verkleinert würde“, so Weber. Außerdem sei man über die Pläne nicht richtig informiert worden. Der Vorstand der Genossenschaft sei trotz Einladung nicht zur Nutzerversammlung gekommen. „Das hier etwas geplant ist, haben wir erst vor etwa einem Jahr zufällig gemerkt, als Vermessungsleute hier herumgelaufen sind.“ Dass die Genossenschaft die Mitglieder bei der Suche nach einer neuen Bleibe unterstützen wolle, sehen die Nachbarn ebenfalls kritisch: „Hier hängen gerade mal sechs Angebote für Alternativwohnungen. Das ist ein bisschen wenig.“

Pläne für Abriss und Neubau sind noch nicht weiter fortgeschritten

Laut Anne Michael, Sprecherin der GE-WO Osterfelder Wohnungsgenossenschaft, seien die Abrisspläne nicht verhandelbar. Es werde an der Angerstraße schon aus baurechtlichen Gründen eine Bebauung geben, die sich in das Umfeld einfüge. Die Planungen seien, auch aufgrund der Corona-Krise, noch nicht weiter fortgeschritten.

In der Tat habe man in den letzten Jahren viel Geld in die Häuser gesteckt. Die Häuser seien aber mittlerweile 100 Jahre alt und entsprechend verwohnt. Vor gut drei Jahren sei man an der Angerstraße an einen Punkt gelangt, wo sich Sanierungsbemühungen wie die Beseitigung der Nässe der Souterrainwohnungen und Maßnahmen gegen den mangelnden Schallschutz, nicht mehr rechnen würden. Seitdem würden die Wohnungen bei Auszug nicht mehr neu vermietet, um die Häuser sukzessive leerzuziehen, so die Sprecherin. In den nächsten Wochen würden zwei weitere Mietparteien ausziehen.

Die Wohnungsgenossenschaft lege sehr großen Wert auf großzügige Grünanlagen und Gartenflächen und wolle das auch bei Neubauten entsprechend gewichten. Dass die Neubauabsichten nicht bei allen auf Gegenliebe stoßen würden, sei den Verantwortlichen bei der GE-WO Osterfelder Wohnungsgenossenschaft natürlich bewusst gewesen.

Genossenschaft verspricht Unterstützung

„Wir führen derzeit Einzelgespräche. Immerhin haben wir einen sehr langen zeitlichen Vorlauf von über fünf Jahren“, so Sprecherin Anne Michael. Es werde für jeden Nutzer eine Lösung gefunden, von der Bevorzugung bei der internen Wohnungsvergabe bis hin zur Umzugsbeihilfe, so die Zusage. Andere Essener Wohnungsgenossenschaften hätten ihre Unterstützung zugesichert. Es bestehe natürlich auch die Möglichkeit, später in die Neubauten zurückzuziehen.

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