Ruder-Abenteur

Rellinghauser überquerte 1972 den Ärmelkanal im Ruderboot

Wolfram Neufert ist seit 1956 Mitglied im Ruderklub am Baldeneysee (RaB) und überquerte 1972 mit seinen Sportfreunden den Ärmelkanal.

Foto: Kerstin Kokoska

Wolfram Neufert ist seit 1956 Mitglied im Ruderklub am Baldeneysee (RaB) und überquerte 1972 mit seinen Sportfreunden den Ärmelkanal. Foto: Kerstin Kokoska

Essen-Bredeney/Rellinghausen.   Wolfram Neufert wagte mit seinen Ruderfreunden vor 45 Jahren die Überfahrt von England nach Frankreich. Die Erinnerungen sind noch sehr präsent.

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45 Jahre ist es jetzt her, dass Wolfram Neufert und seine damaligen Ruderkollegen das Abenteuer ihres Lebens bestanden haben: Am 26. August 1972 überquerten sie im Riemenvierer mit Steuermann den Ärmelkanal, ruderten vom englischen Dover ins 39 Kilometer entfernte Calais/Frankreich. Völlig durchnässt, mit schmerzenden Schultern und blutigen Händen, kamen sie nach fünfeinhalb Stunden an: glücklich, es geschafft zu haben, aber erschöpft, nicht nur aufgrund der körperlichen Anstrengung.

An die Dramatik jenes Tages erinnerte sich Wolfram Neufert, als er vor kurzem die Geschichte eines Surfers in unserer Zeitung las, der vor 40 Jahren den Ärmelkanal bezwungen hatte. Darin war die Überquerung im Ruderboot fünf Jahre zuvor ebenfalls erwähnt.

„Wir hatten unterwegs regelrecht Todesangst. Ein Luftkissenboot kam direkt auf uns zu. Ausweichen ging nicht mehr. Wir wollten schon unter das Boot tauchen, in der Hoffnung, dass das Schiff über uns hinweg fährt. Zum Glück ist es knapp vorbeigefahren, alles ist gut gegangen“, erinnert sich Neufert an die dramatische Begegnung. Was die fünf Ruderer nicht wussten: Der Besitzer des Begleitbootes hatte bereits Kontakt zum Kapitän des Schiffes aufgenommen und über die Gefahr aufgeklärt.

Wolfram Neufert rudert noch immer beim RaB

Wenn Wolfram Neufert vom Abenteuer auf hoher See berichtet, klingt das, als sei es gestern gewesen. Der immer noch sportliche 79-Jährige ist seinem Stammverein, dem Ruderclub am Baldeneysee (RaB) treu geblieben, steigt immer noch ins Boot. „Wir rudern oft sonntags nach Kupferdreh, halten dort mit den Ruderkollegen einen Plausch auf der Terrasse und trinken ein Bier. Dann geht es zurück nach Bredeney“, erzählt Neufert, der seit über 30 Jahren in Rellinghausen wohnt. Zwei vom damaligen Team, Karsten Neuheuser und Karl Kleine-Brockhoff, sind bereits verstorben. Mit im Boot saßen damals Jochen Rudloff und Steuermann Reiner Budweg, Klaus Knörchen fungierte als Betreuer.

Seit 1956 ist Wolfram Neufert Mitglied im RaB. „Rudern war immer meine große Leidenschaft, obwohl ich viele Sportarten betrieben habe: Judo, Reiten, Leichtathletik, Skifahren und so weiter“, blickt der Rellinghauser zurück. Als junger Mann habe er zahlreiche Regatten im Umkreis gefahren. Ungewöhnliche Ruderaktionen waren damals nicht so selten. So pflegten die Alten Herren des RaB eine Freundschaft mit Ruderern im österreichischen Linz.

Der erste Versuch scheiterte, bevor er begann

Die besuchten die Essener mal per Ruderboot, was wiederum jüngere RaB-Kollegen veranlasste, die Fahrt über den Rhein einmal in umgekehrter Richtung, also gegen die Strömung, zu probieren. Die Idee, den Ärmelkanal zu überqueren, entstand bei der Regatta in Hamburg – und elektrisierte Wolfram Neufert sofort.

„Da gab es noch einige bürokratische Hindernisse zu überwinden, aber im Juni 1972 sollte es dann losgehen“, erinnert er sich. Der erste Versuch der Ärmelkanal-Überquerung scheiterte, bevor er begonnen hatte. „Wir hatten kein Begleitboot und ohne war es wegen der großen Tanker zu gefährlich“, so Neufert. Eigentlich wollten die fünf Männer von Calais nach Dover rudern, doch als es am 26. August 1972 endlich losging, wählten sie den umgekehrten Weg. Engländer hatten sich angeboten, das Ruderboot auf die Insel zu transportieren, was die Essener Ruderer gern annahmen. „Wir hatten inzwischen einen Düsseldorfer Industriellen kennengelernt, der sich bereit erklärt hatte, uns mit seinem Boot zu begleiten“, so Neufert, der sich gut erinnern kann, dass es ein komisches Gefühl war, mitten auf dem Kanal kein Land mehr zu sehen.

Das Team landete einsam am Strand von Calais

Das Wetter sei an dem Tag kalt, windig und regnerisch gewesen, nicht gerade das optimale Ruderwetter. „Sonne und 20 Grad wären natürlich schöner gewesen, aber wir wollten es einfach tun. Wenn es an diesem Tag nicht geklappt hätte, hätten wir unseren Plan aufgegeben“, ist Neufert glücklich, dass es am Ende funktionierte.

Von ihrer sportlichen Leistung habe in Calais kaum jemand etwas mitbekommen. „Wir sind weit draußen am Strand gelandet. Da war niemand zum Empfang. Später haben wir einen Cognac und ein Bier getrunken. Aber einer musste ja nüchtern bleiben, denn wir sind noch in der Nacht zurück nach Hause gefahren“, blickt Neufert zurück. Noch tagelang habe ihnen alles weh getan, so groß sei die Anstrengung gewesen.

Sein großer Traum von Gibraltar blieb unerfüllt

„Wir waren ein tolles Team“, sagt Neufert, der bis heute beruflich in der Immobilienbranche tätig ist. Seine beiden Söhne seien ebenfalls gerudert. „Mein großer Traum war es immer, einmal durch die Straße von Gibraltar zu rudern, entweder mit jüngeren Vereinskollegen, oder auch gern mit meinen Söhnen. Aber die hatten dafür keine Antenne“, bedauert er.

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