Essener Tafel

Tafel-Chef Jörg Sartor: „Das läuft schief im Ruhrgebiet“

Jörg Sartor (r.) stellt sein Buch „Schicht im Schacht“ vor. Oberbürgermeister Thomas Kufen hört interessiert zu, was der streitbare Tafel-Chef zu sagen hat.

Jörg Sartor (r.) stellt sein Buch „Schicht im Schacht“ vor. Oberbürgermeister Thomas Kufen hört interessiert zu, was der streitbare Tafel-Chef zu sagen hat.

Foto: Foto: Carsten Klein

Essen.  Der Ausschluss von Ausländern bei der Essener Tafel hat Jörg Sartor bundesweit bekannt gemacht. Nun hat der 63-Jährige ein Buch geschrieben.

Tafel-Chef Jörg Sartor hat ein Buch geschrieben. So manchem, der davon gehört hat, mag es ergangenen sein wie Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen: „Muss das jetzt noch auch noch sein?“, habe er sich spontan gefragt. Kufen hielt das nicht davon ab, das Buch gemeinsam mit Sartor am Dienstag vor der Presse vorzustellen. Beide kennen und schätzen einander. Und Publicity tut beiden gut.

„Schicht im Schacht“ lautet der Titel des Taschenbuchs, das im Heyne-Verlag erschienen ist. Jörg Sartor hat es gemeinsam mit dem Journalisten Axel Spilcker verfasst – mehr als eineinhalb Jahre, nach dem Sartor bundesweit für Schlagzeilen sorgte, weil seine Essener Tafel vorübergehend keine Ausländer als neue Kunden aufnahm. Warum jetzt, wo sich die ganze Aufregung längst wieder gelegt hat und das Verhältnis von Deutschen und Nicht-Deutschen unter den Tafel-Gängern wieder in der Waage ist, wie Sartor selbst sagt?

Der Verlag setzt darauf, dass sich die Leser an Jörg Sartor erinnern

Er habe lange überlegt, als die Anfrage über eine Agentur an ihn herangetragen wurde. Nicht, dass einer meint, „jetzt dreht er ganz am Rad.“ Sartor sagte zu, weil er „einigen noch mal den Spiegel vor die Nase halten wollte“ und weil er „aus der Sicht eines Normalbürgers“ über Dinge schreiben wollte „die nicht ganz in Ordnung sind“.

Der Heyne-Verlag setzte darauf, dass sich potenzielle Leser an den streitbaren Tafel-Chef aus dem Ruhrgebiet erinnern werden. Der hätte sich einen anderen Titel gewünscht, wie Sartor am Rande seiner Pressekonferenz gestand. „,Schicht im Schacht’ fand ich zu abgenudelt.“ Die Leute vom Verlag waren anderer Meinung. „Das Buch soll sich ja auch in Bayern verkaufen.“

Die Leser erfahren, wie das damals war mit dem vorübergehenden Ausschluss von Ausländern und dem Echo, dass die Essener Tafel in Politik wie Medien auslöste. Doch Sartors Buch ist mehr als ein Rückblick. „Verarmung, gescheiterte Integration, gespaltene Gesellschaft – der Niedergang des Ruhrgebiets“ lautet der Untertitel. Eine „Streitschrift“ soll es sein. Es ist Bestandsaufnahme mit biografischen Zügen. Es ist ein Blick auf die Entwicklung und die Lebenswirklichkeit im Ruhrgebiet, wo die Dinge aus Sartors Sicht so gar nicht in Ordnung sind: Altersarmut, Rekordverschuldung, Integrationsprobleme. Ist also bald „Schicht im Schacht?“

Stellenweise liest sich das Buch wie eine Abrechnung mit der SPD

„Wir sind auf einem guten Weg“, sagt Jörg Sartor in Richtung OB und klingt dann doch versöhnlich. „Die Fehler wurden vor 30, 40 Jahren gemacht.“ Kufen muss sich nicht angesprochen fühlen. Er ist erst seit 2015 im Amt. „Wer hat denn die Libanesen vor 30 Jahren in die Rahmstraße nach Altenessen geholt? Wer hat denn das Hörsterfeld gebaut und nachher die Spätaussiedler da reingesetzt?“, fragt Sartor im Zwiegespräch. Für Verfehlungen in der Integrationspolitik und in der Stadtentwicklung macht er die Sozialdemokraten verantwortlich. Dass ihn Spitzengenossen auf dem Höhepunkt der „Tafel-Krise“ persönlich angingen, mag ein Übriges getan haben. Jörg Sartor und die SPD, die er 40 Jahre lang gewählt hat – das wird nichts mehr. Es gibt Stellen, da liest sich sein Buch wie eine Abrechnung.

Dabei soll es auch ein Hilferuf sein. Ein Appell, dass es so nicht weitergehen kann. „Wenn Menschen 40 Jahre gearbeitet haben und es am Ende nicht zu mehr reicht als zur Grundsicherung, dann stimmt was nicht“, sagt Sartor und denkt dabei wohl auch an jene, die mittwochs vor dem Wasserturm an der Steeler Straße stehen, um sich bei der Tafel anzumelden.

Sartor will sich nicht vereinnahmen lassen: „Den Rechten sag’ ich, dass sie Idioten sind.“

Andere gehen seit einigen Wochen in Altenessen auf die Straße, weil sie unzufrieden sind. Was sagt Jörg Sartor dazu, der in Altenessen zuhause ist? Grundsätzlich habe er Verständnis für Leute, die ihre Meinung äußern wollen, sagt Sartor und klingt ungewohnt diplomatisch. Ob „eine Art Marsch“ die richtige Form des Protestes ist, wo doch jede Woche im Stadtteil Steele Rechte aufmarschieren? Sartor hat da seine Zweifel. Den Fehler, sagt er, habe schon Guido Reil gemacht, damals noch Genosse, als er mit Ortsvereinen im Essener Norden auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise eine Demonstration für eine „gerechte Verteilung“ der Zugezogenen auf die Beine stellen wollte. Die Parteispitze Essen und Düsseldorf waren damals alles andere als angetan von der Idee und machten Druck. Die Demo wurde abgesagt.

Guido Reil sitzt heute für die AfD im Europaparlament. Jörg Sartor ließ sich von niemandem vereinnahmen und hat ein Buch geschrieben, das politischen Zündstoff bietet. Was macht er, sollten Rechte abermals versuchen, ihn zu umarmen, will ein Journalist wissen. „Dann sag, ich denen, dass sie Idioten sind“, antwortet der Autor. Und was macht er mit dem vielen, schönen Geld, sollte sich sein Buch gut verkaufen. Jörg Sartor setzt ein breites Grinsen auf: „Damit kauf’ ich mir ne Finca auf Mallorca.“ So ist er.

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