Telefonseelsorge

Warum der Chef der Essener Telefonseelsorge anders zuhört

Von Geburt an stark sehbehindert, mittlerweile blind: Werner Korsten hat 32 Jahre die Telefonseelsorge der Evangelischen Kirche geleitet.

Von Geburt an stark sehbehindert, mittlerweile blind: Werner Korsten hat 32 Jahre die Telefonseelsorge der Evangelischen Kirche geleitet.

Foto: Christof Köpsel / FUNKE Foto Services

Essen.  Werner Korsten hat 32 Jahre lang Menschen am Telefon Lebensmut vermittelt. Jetzt geht der erblindete Chef der Telefonseelsorge in den Ruhestand.

Was macht man, wenn jemand anruft und sagt, er steht auf einer Brücke und will springen? „Im Zeitalter der Handys kommt das durchaus vor“, sagt Werner Korsten (68). Er hat 32 Jahre lang die Telefonseelsorge der Evangelischen Kirche in Essen geleitet und geht jetzt in Ruhestand. „Wenn man unbedingt Menschen retten will, liegt man falsch“, sagt er. Aber: „Im Gespräch herausfinden, warum jemand vielleicht doch noch leben will, obwohl er gerade auf der Brücke steht. Schließlich hätte er ja nicht anrufen müssen. Das ist, so ungefähr, die Aufgabe der Telefonseelsorge in diesem Fall.“

Die Telefonseelsorge der Evangelischen Kirche in Essen bekommt 18.000 Anrufe im Jahr. „Man muss im Schnitt sieben Mal anrufen, um durchzukommen“, berichtet Korsten. Nicht umsonst wünscht sich der Theologe, der eigentlich Gemeindepfarrer werden wollte, schon lange eine zweite Leitung für seine Einrichtung. 74 Ehrenamtliche sind derzeit bei der Evangelischen Telefonseelsorge beschäftigt, unter den zentralen, kostenfreien Nummern bekommt man rund um die Uhr jemanden an den Hörer; ist in Essen besetzt, wird nach Duisburg oder Wesel weitergeleitet.

Das größte Thema bei der Telefonseelsorge ist die Einsamkeit

Bei weitem ist nicht jedes Gespräch so dramatisch – dass sich gerade jemand umbringen will. „Rund zwei Prozent der Themen handeln vom Selbstmord“, sagt Korsten. Viel öfter geht es um Einsamkeit, Partnerschaftsprobleme, gesundheitliche Sorgen.

„Senioren rufen an, weil sie das Gefühl haben, übrig zu sein, weil alle anderen um sie herum gestorben sind. Oder weil die Kinder sich nicht ausreichend kümmern.“ Und auch Schüler melden sich: „Weil sie gemobbt werden und nicht weiterwissen.“ Viele Jugendliche, die sich melden, seien nach einem Gespräch immer sehr erleichtert: „,Da hört ja jemand richtig zu’, sagen die dann, das kennen die von WhatsApp gar nicht.“

Sexueller Missbrauch von Kindern als schwierigste Herausforderung

Andere Telefonate, in denen Kinder anrufen, zählen zu den schwierigsten Herausforderungen der Telefonseelsorge: „Wenn ein Kind sagt, dass es sexuell missbraucht wird.“ Denn die Mitarbeiter dürfen nicht den Schutz der Anonymität aufheben, nach Namen und Adressen fragen oder gar die Polizei zum Anrufer schicken. Stattdessen: „Wir ermuntern jeden jungen Anrufer, sich jemandem anzuvertrauen.“

Korsten studierte Theologie in Bonn und Wuppertal, wollte eigentlich „ganz normaler Pfarrer“ werden, doch dann hörte er in einer Vorlesung über die Arbeit der Telefonseelsorge. „Da reicht ja das Hören“, dachte er damals, „ich war sehr naiv.“

„Ich höre nicht besser als jemand, der sehen kann, aber vielleicht bewusster“

Werner Korsten ist stark sehbehindert seit Geburt. „Anfangs konnte ich noch zehn Prozent sehen, mittlerweile ist alles dunkel.“ Nach vielen Jahren seelsorgerischer Tätigkeit und Fortbildungen gelang es ihm schließlich, der hauptamtliche Leiter der Telefonseelsorge in Essen zu werden, „und das Hören reicht natürlich nicht“.

Als Leiter hat er schließlich auch mit Budget- und Personalplanung und anderen bürokratischen Notwendigkeiten zu tun. Doch er streitet nicht ab, dass ihn seine körperliche Beeinträchtigung gut vorbereitet hat auf den Beruf: „Ich höre nicht besser als jemand, der sehen kann, aber vielleicht höre ich bewusster. Im Alltag muss ich es ja, um mich zu orientieren.“ Und beim Telefonieren bedeutet das: „Die Botschaften hinter dem Gesagten hören, Stimmungen spüren, was meint jemand eigentlich, wenn er was sagt.“

Ein Drittel der Anrufer hat psychische Probleme

Gibt es saisonale Schwankungen bei der Telefonseelsorge? Der trübe November vielleicht? „Nein, eher der Mai“, berichtet Korsten. „Dann, wenn es draußen bunt wird und warm, die Leute werden fröhlicher, dann rufen die an, die sagen: ,Bei mir bleibt alles grau.’“ 30 Prozent der Anrufer, schätzt Korsten, hätten psychische Probleme, auch Depressionen, „von 17 Prozent wissen wir es“.

Wer ehrenamtlich mitarbeiten will bei der Telefonseelsorge, wird ein Jahr lang vorbereitet und besucht während der Dauer seines Engagements regelmäßige Gruppensitzungen, in denen die Kollegen über das Erlebte sprechen, angeleitet zumeist von einem Psychologen. „Supervision“ nennt man so etwas. „Ohne sehr gute Ausbildung und Begleitung aller Mitarbeiter“, sagt Korsten, „kann Telefonseelsorge nicht funktionieren.“ Wer sich für den ehrenamtlichen Job bei der Telefonseelsorge entscheidet, macht das meist, „weil er Gutes erlebt hat und etwas zurückgeben will.“

Wenn Korsten gegangen ist, wird sich einiges ändern bei der Essener Telefonseelsorge: Die Dienste der evangelischen und katholischen Kirche werden zusammengelegt. Die Vorbereitungen dafür laufen längst. Denn eins ist klar: Fragen der Konfession spielen bei den Gesprächen der Telefonseelsorge nun wirklich kaum noch eine Rolle.

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