Bedrohung

Türkischer Geheimdienst nimmt Essener Kritiker ins Visier

Burak Çopur, Politikwissenschaftler und Türkei-Experte ist dem türkischen Staat ein Dorn im Auge. Der Geheimdienst MIT bedroht nun deshalb seine Familie.

Burak Çopur, Politikwissenschaftler und Türkei-Experte ist dem türkischen Staat ein Dorn im Auge. Der Geheimdienst MIT bedroht nun deshalb seine Familie.

Foto: Olaf Ziegler / FUNKE Foto Services

Essen.  Burak Copur ist ein angesehener Türkei-Experte. Wegen seiner Kritik am Erdogan-Regime, „warnt“ der türkische Geheimdienst jetzt seine Familie.

Unzählige Male wurde er schon angefeindet, beleidigt, bedroht. Für türkische Nationalisten und für Anhänger des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan ist er schon lange ein rotes Tuch.

Burak Copur hat sich von den Trollen in den Sozialen Netzwerken dennoch nicht einschüchtern lassen, ein ums andere Mal aufgezeigt, wie sehr die Türkei zu einem autokratischen Staat umgebaut wurde, indem Kritiker mundtot gemacht werden. Wahlweise indem sie selbst zu Terroristen oder feindlichen Agenten erklärt werden – wie beispielsweise der Welt-Korrespondent Deniz Yücel – oder indem die Familien der für den Staatschef unliebsamen Kritiker bedroht werden.

Angesehener Politikwissenschaftler aus Essen gerät ins Visier des türkischen Geheimdienstes

Jetzt ist auch der Essener ins Visier des türkischen Geheimdienstes geraten. Mitarbeiter des MIT machten Copurs Eltern in der Türkei deutlich, Copur solle aufhören, Staatschef Erdogan zu kritisieren und die Kurden sowie die prokurdische HDP, in Schutz zu nehmen.

Was Copur und möglicherweise seine Verwandten zu befürchten haben, wenn sich der Politikwissenschaftler nicht an diese Mahnung hält, sollen die MIT-Agenten nicht weiter ausgeführt haben. Müssen sie auch nicht.

Spätestens seit der gewaltsamen Zerschlagung der Gezi-Bewegung 2013, die als Engagement zur Erhaltung eines Parks im Herzen Istanbuls anstelle eines Wiederaufbaus einer Osmanischen Kaserne begann, und sich zu einem landesweiten Protest gegen das Erdogan-Regime entwickelte, haben die türkischen Strafverfolgungsbehörden unzählige Kritiker wegen vermeintlicher Verbreitung terroristischer Propaganda oder Präsidentenbeleidigung weggesperrt.

Netz mit Tausenden türkischen Spitzeln in Deutschland

Dass die türkischen Behörden ihn schon eine ganze Weile auf dem Schirm haben, hat Burak Copur schon lange geahnt. Denn der türkische Staat hat hier in Deutschland ein Netzwerk aus Spitzeln, Denunzianten und Nationalisten aufgebaut, das für Kritiker sehr gefährlich werden kann. Von bis zu 8000 Agenten und Informanten in Deutschland, die für den MIT tätig sind, gehen Experten aus. „Eine gigantische Zahl“, wie der Geheimdienstexperte Erich Schmidt-Eenboom dem ZDF sagte. Seiner Einschätzung nach ist der MIT damit in Deutschland präsenter als der amerikanische Geheimdienst (CIA).

Schon einfache Äußerungen in Sozialen Netzwerken können für Erdogan-Kritiker deshalb schon zum Verhängnis werden. Der lange Arm des türkischen Staates, er reicht auch bis zu den Facebook- und Twitterseiten in Deutschland lebender Politikwissenschaftler.

Copur lässt sich nicht unterkriegen

So wurde Burak Copur 2019 beispielsweise massiv bedroht, weil er sich im Internet positiv zu einer Fernsehdokumentation geäußert hatte. „Extreme Nationalisten und kemalistische Kreise haben E-Mails an meine Universität geschickt, in denen sie meine Entlassung forderten“, erklärt der 43-Jährige, der auch an der Uni Essen lehrt. „Akademiker, die sich kritisch mit den historischen und politischen Tatsachen auseinandersetzen, sollen in Deutschland zum Schweigen gebracht werden, wie es in der Türkei bereits der Fall ist“, sagt Copur mit aufgewühlter Stimme. Und er sagt: „Diesen Gefallen werde ich denen aber nicht tun. Ich werde nicht schweigen, nicht zulassen, dass dieses Regime das Klima der Angst auch hier erfolgreich verbreitet.“

Und doch lässt ihn die Mahnung des MIT nicht kalt. Dass er gleich bei der Einreise in Gefangenschaft genommen würde, ist nicht bloß graue Theorie. Mahnende Beispiele hat es in jüngster Vergangenheit allzu viele gegeben.

Leserkommentare (4) Kommentar schreiben