U-Bahn-Unfall

U-Bahn-Unfall: Junge war womöglich mit Jacke eingeklemmt

Ruhrbahn-Betriebsleiter Martin Dreps  (rechts) an einem baugleichen Wagen, so wie er am Donnerstagmorgen in Altenessen im Einsatz war. Gemeinsam mit Ruhrbahn-Sprecher Nils Hoffmann (links) demonstriert er, dass die Schiebetüren von selbst aufgehen, wenn ein Körperteil dazwischengerät.

Ruhrbahn-Betriebsleiter Martin Dreps (rechts) an einem baugleichen Wagen, so wie er am Donnerstagmorgen in Altenessen im Einsatz war. Gemeinsam mit Ruhrbahn-Sprecher Nils Hoffmann (links) demonstriert er, dass die Schiebetüren von selbst aufgehen, wenn ein Körperteil dazwischengerät.

Foto: Stefan Arend

Essen.   Schüler liegt weiter in künstlichem Koma. Ruhrbahn betont: Unsere Fahrzeuge sind alt, aber verkehrssicher. Türen reagieren nicht auf Stoff.

Einen Tag nach dem dramatischen U-Bahn-Unfall in Altenessen, bei dem ein 13-Jähriger 200 Meter weit mitgeschleift wurde, deuten sich erste Erklärungen für das Unglück an. Der schwer verletzte Schüler, der mit einem Helikopter ins Krankenhaus gebracht wurde, schwebt nach einer Kopf-Operation weiter in Lebensgefahr und liegt dem Vernehmen nach im künstlichen Koma.

Die entscheidende Frage, warum der Junge sich in der hinteren Tür der U11 verfangen konnte, ist noch nicht abschließend beantwortet – jedoch steht jetzt fest: Die Schiebetüren der Ruhrbahn-Wagen springen sofort wieder auf, wenn ein Körperteil dazwischengerät. Auf dünnen Stoff allein jedoch können sie nicht reagieren, genauso wenig wie auf Hundeleinen.

Warum konnte er sich nicht losreißen?

Das heißt: Somit könnte sich der Junge nur mit seiner Jacke in der Tür verfangen haben. Dies hatten auch zwei Augenzeugen gegenüber dieser Redaktion unmittelbar nach dem Unfall so geschildert: „Seine Jacke hing in der Tür fest.“ Unklar bleibt aber, warum er sich nicht losreißen konnte – die Gummilippen der Türen geben nämlich nach. Der Moment, in dem der Schüler vom Wagen abfiel und schwer verletzt im Tunnel der Haltestelle Karlsplatz liegenblieb, ist nicht auf Video dokumentiert – anders als die Szenen der Entstehung des Unglücks, das sowohl im Wagen als auch am Bahnsteig gefilmt wurde. Die Polizei wertet die Bilder derzeit aus.

Der Unglückswagen aus der „Docklands“-Reihe, in England 1986 konstruiert und 1997 in Essen komplett umgebaut, war erst vor fünf Tagen kontrolliert worden. „Unsere Flotte ist nicht zu alt, die Wagen sind stets in verkehrssicherem Zustand“, betonte Ruhrbahn-Betriebsleiter Martin Dreps am Freitag. Neben den „Docklands“ sind auch noch so genannte B-Wagen in Essen im Einsatz, die Ende der Siebziger gebaut wurden. In den Jahren 2023 und 24 wird die Ruhrbahn ihre Schienenfahrzeug-Flotte komplett modernisieren. „Das Alter der Fahrzeuge ist durchaus normal“, so Dreps. Dass die Schiebetüren der „Docklands“-Wagen nicht auf dünnen Stoff reagierten, sei im Übrigen den Vorschriften entsprechend. „Einen technischen Defekt an dem eingesetzten Wagen können wir derzeit nicht erkennen.“

Not-Signal kam 21 Sekunden nach Abfahrt

Mittlerweile steht auch fest, warum der Wagen nicht anhalten konnte, obwohl Passagiere die Notbremse zogen und lautstark auf sich aufmerksam machten: Das Signal kam zu spät. „Es ging 21 Sekunden nach der Abfahrt ein“, berichtet Ruhrbahn-Sprecherin Sylvia Neumann. Dann ist der Fahrer dazu angehalten, im nächsten Bahnhof anzuhalten. Anders ist es, wenn innerhalb der ersten acht Sekunden nach Abfahrt die Notbremse gezogen wird: „Dann bremst der Wagen, ohne dass der Fahrer Einfluss nehmen kann.“ Danach ist die Notbremse-Funktion nicht mehr möglich, stattdessen erhält der Fahrer in seiner Kabine ein akustisches Warnsignal. „Unser Fahrer“, betont Sylvia Neumann, „hat nach jetzigem Kenntnisstand alles richtig gemacht.“ Der 62-Jährige steht unter Schock.

Unterdessen melden sich Fahrgäste, die seit dem Unglück verstärkte Sicherheits-Warnhinweise wahrnehmen: Laufschriften an Anzeigetafeln appellieren an die Fahrgäste, bei vollen Zügen auf den nächsten zu warten. Oder verstärkt auftretende Durchsagen von Fahrern: „Zurückbleiben, bitte!“

Keine verstärkten Sicherheitsmaßnahmen nach Unfall

„Die Anzeigetafeln sind derzeit auf Messe-Betrieb eingestellt“, berichtet Sylvia Neumann. Und wenn Fahrer öfter „zurückbleiben“ rufen, hat das auch etwas mit den Lichtschranken an den Türen zu tun: Die schließen nämlich nicht, wenn Fahrgäste auf den Trittstufen stehen.

Die Ruhrbahn-Vertreter haben am Freitag erneut berichtet, dass der Fahrer – wie auch die Passagiere im ersten Wagen – von dem Zwischenfall nichts mitbekommen haben. Als das Notsignal ertönte, war der Fahrer bereits dabei, die Haltestelle „Karlsplatz“ anzusteuern. Auch im Rückspiegel habe er nichts gesehen. Zwischen Fahrerkabine und Zug-Ende, wo sich der Vorgang abspielte, liegen etwa 60 Meter.

Ruhrbahn-Sprecher Nils Hoffmann betont, dass in den letzten zehn Jahren vier Vorfälle bekannt wurden, in denen Passagiere an Türen in Bedrängnis gerieten – zuletzt im Dezember 2017, als der Kinderwagen einer Frau stecken blieb. Verletzt wurde niemand. Die Ruhrbahn zählt jährlich etwa 120 Millionen Beförderungen.

Leserkommentare (13) Kommentar schreiben