Kältebus

Unmut über den Kältebus von Essener AfD-Politiker Guido Reil

Guido Reil und der Kältebus der AfD, mit dem Obdachlose versorgt werden sollen.

Foto: Lex/AfD

Guido Reil und der Kältebus der AfD, mit dem Obdachlose versorgt werden sollen. Foto: Lex/AfD

Essen.   Der Essener AfD-Kreisverband besitzt neuerdings einen Kältebus. Wohlfahrtsverbände und Initiative „Essen packt an“ zweifeln soziale Motive an.

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Guido Reil möchte seinen „Finger in die Wunde“ legen – beim Thema Obdachlosigkeit. Warum das aus seiner Sicht nötig ist, erklärt der AfD-Politiker in einem von ihm auf der Internetplattform Youtube veröffentlichten Video: Obdachlose Menschen würden „vollkommen im Stich gelassen, bekommen von niemandem Unterstützung, keiner kümmert sich“. Eine Aussage, die Björn Enno Hermans wundert: „Die Infrastruktur für Obdachlose ist in Essen sehr, sehr gut“, sagt der Caritas-Direktor. „Es gibt theoretisch nichts, was es nicht gibt.“

Kältebus soll durch die Städte des Ruhrgebiets fahren

Doch Reil findet, „ es tut not“, er wolle Abhilfe schaffen: Kürzlich hat der Essener Kreisverband der AfD daher einen sogenannten „Kältebus für Obdachlose“ angeschafft. Dieser soll, wenn es nach Reil geht, ab November durch die Städte des Ruhrgebiets, wenn nicht sogar durch ganz NRW, touren und Obdachlose versorgen – etwa mit Kaffee, Suppe und Schlafsäcken.

„Diese Menschen brauchen sicher nicht den sechsten oder siebten Schlafsack. Oder eine heiße Tasse Kaffee, wenn sie mit einem sauren Magen kämpfen“, zürnt Markus Pajonk. Für den Sprecher der Initiative„Essen packt an“ geht der Kältebus völlig am Bedarf der Menschen ohne festen Wohnsitz vorbei. Das sei ein „Sozial-Porno“ der AfD, formuliert Pajonk drastisch. Reil stelle die Realität völlig verzerrt dar.

Caritas-Direkto zweifelt die rein sozialen Motive an

„Das ist einzig und allein eine Aktion, die plakativ zeigen soll, dass es Obdachlosigkeit gibt. Diese Menschen werden ehrenamtlich schon gut versorgt.“ Deshalb ist Pajonk auch so empört: „Da werden Ehrenamtliche mit Füßen getreten, die sich seit Jahren für Obdachlose engagieren.“ Guido Reil tue fast so, „als habe er die Obdachlosenhilfe erfunden. Aber das ist keine neue Sache“.

Was es wirklich brauche, seien zielgerichtete Hilfen, etwa ein Ausbau der nächtlichen Versorgung oder mehr psychologische Betreuung. „Herr Reil hat mit keinem der Aktiven gesprochen, was zielführend wäre. Er macht sein eigenes Ding und zieht eine Show ab.“

Auch Caritas-Direktor Björn Enno Hermans zweifelt die rein sozialen Motive des medienerfahrenen früheren Sozialdemokraten an: „Herr Reil hat durchaus einen sozialen Anspruch“, so Hermans. Doch „Zeitpunkt und Machart“ ließen vermuten, „dass auch andere Motive mitspielen“.

Lange Zeit hatte Reil gern darauf hingewiesen, dass er zu den Initiatoren des Seniorenbusses der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Karnap gehörte. Doch nach seinem Wechsel zur AfD war er 2017 aus dem Kreisverband der Awo ausgeschlossen und so auch vom Steuer dieses Busses verbannt worden.

Reil stellte Kältebus per Video vor

Seinen neuen, den Kältebus, hat Reil dieser Tage per Video vorgestellt — wenige Tage nach Frühlingsbeginn. Er „habe es einfach nicht früher geschafft“, liefert er auch gleich selbst die Erklärung für den zumindest überraschenden Zeitpunkt. Während er das sagt, steht er neben einer Bank, auf der ganz offenkundig ein Obdachloser die Nacht verbracht hat. Für Pajonk werfen solche Aktionen die Obdachlosenhilfe „um Monate zurück“, weil sie Vertrauen zerstörten.

Reil hat vor, nun noch ein paar Touren zu fahren und dann das ganze Jahr „Promotion zu betreiben“, erklärte er im Gespräch mit dieser Redaktion. „Der Bus wird bei meinen Veranstaltungen dabei sein, um die Aktion bekanntzumachen und Spenden einzuwerben.“

10.000 Euro hat sich der AfD-Kreisverband den Kleinbus samt Grundausstattung kosten lassen – finanziert aus Spenden von Parteimitgliedern und -anhängern. Vorbesitzer des VW-Busses ist der Landesverband der Partei. Guido Reil ist das Fahrzeug daher bestens vertraut: Er tourte damit schon im Wahlkampf durch NRW.

Hier finden Obdachlose Unterstützung

Die Notschlafstelle an der Lichtstraße bietet rund 70 Menschen das ganze Jahr über eine Übernachtungsmöglichkeit. Die Diakonie betreibt das Haus im Auftrag der Stadt.

Zehn weitere Übernachtungsplätze bietet das Deutsche Rote Kreuz bei eisigen Temperaturen ab fünf Grad unter Null in seinem Wärme-Zelt in Borbeck. Auch Hunde dürfen dort übernachten.

Die Ehrenamtlichen von „Essen packt an“ fahren regelmäßig zu den bekannten Schlafplätzen der Obdachlosen und bieten Hilfe an.

Das Sozialzentrum Maxstraße beherbergt eine Beratungsstelle für Obdachlose, eine Suppenküche und eine Kleiderkammer.

Auch die Bahnhofsmission ist eine wichtige Anlaufstelle.

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