Prozess

Versuchter "Ehrenmord": Stadt Essen will Geld vom Opfer

Seit dem 21. Januar 2019 müssen sich 13 Mitglieder eines syrisch-kurdischen Familienclans wegen versuchten Mordes vor dem Essener Schwurgericht verantworten. Der Prozess findet unter strengen Sicherheitsvorkehrungen statt.

Seit dem 21. Januar 2019 müssen sich 13 Mitglieder eines syrisch-kurdischen Familienclans wegen versuchten Mordes vor dem Essener Schwurgericht verantworten. Der Prozess findet unter strengen Sicherheitsvorkehrungen statt.

Foto: Kai Kitschenberg / FunkeFotoServices

Essen  Er ist das Opfer, überlebte den "Ehrenmord"-Anschlag knapp. Jetzt will die Stadt Essen Geld von ihm. 766 Euro fordert sie für den Notarzteinsatz.

Ordnung muss sein. Und deshalb soll laut Gebührenbescheid der Stadt Essen ausgerechnet das Opfer des versuchten "Ehrenmordes" die Kosten für den Anschlag auf sein Leben zahlen. Insgesamt 766 Euro verlangt die Feuerwehr, Stadtamt 37 der Stadt Essen, von dem halb tot geprügelten Mohammad A. für Transport und Notarzteinsatz. „Unglaublich“, sagt sein Anwalt Aykan Akyildiz, „jetzt soll er auch noch dafür zahlen, dass er fast getötet wurde“.

Dankbar ist der 20 Jahre alte Syrer der Feuerwehr natürlich, dass sie am 31. Mai vergangenen Jahres um 0.59 Uhr so schnell zur Steeler Straße im Essener Stadtteil Huttrop kam. Weil er ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau aus einem syrisch-kurdischen Familienclan hatte, soll diese Familie aus vermeintlich verletzter „Ehre“ seinen Tod beschlossen haben.

Sein Leben hing am seidenen Faden

Schlimm sah es aus für ihn an jenem 31. Mai, sein Leben hing an einem seidenen Faden. In unterschiedlicher Beteiligung hatten männliche Mitglieder der Familie ihn in den Hinterhof eines verlassenen Getränkemarktes gejagt. Einen Fluchtweg gab es nicht, ausgeliefert war er ihnen. Mit Holzlatten prügelten sie auf ihn ein, Messerstiche verletzten ihn im Bauchbereich.

Videos nahmen sie auf. Sie zeigen, wie er misshandelt wurde, wie er um sein Leben wimmerte. Nur weil eine couragierte Nachbarin rief, sie habe die Polizei alarmiert, ließen die Schläger von ihm ab. Mohammad A. rettete sich auf die Steeler Straße, wo ihn Polizei und Feuerwehr fanden.

Familienclan muss sich vor Gericht verantworten

Rechtsmediziner listeten später die lebensbedrohlichen Verletzungen auf, Staatsanwältin Birgit Jürgens sprach von einer Teilskalpierung des am Kopf verletzten Mohammad A.. Ärzte im Universitätsklinikum Essen retteten mit Notoperationen sein Leben. Aktuell müssen sich 13 Mitglieder des Familienclans vor dem Essener Schwurgericht wegen versuchten Mordes oder Beihilfe dazu verantworten.

Mohammad A. ist als Nebenkläger, als eindeutiges Opfer, an diesem Prozess beteiligt, lässt sich durch seinen Anwalt Aykan Akyildiz vertreten. In den ersten Tagen ging es um angebliche Übersetzungsfehler in der ins Kurdische übertragenen Anklage. Das Schwurgericht wies entsprechende Anträge aus den Reihen der Verteidiger als unbegründet zurück.

Leid des Opfers bislang im Hintergrund

Dann sagte einer der Angeklagten aus und wollte sich nicht so recht erinnern, warum er dabei war und was er getan hatte. Als unwürdig empfanden es Beobachter, dass er zwar wenig über das Leid des Opfers berichtete, dafür aber wortreich seine eigene Betroffenheit erwähnte. Er habe nämlich durch die U-Haft den Geburtstag seiner kleinen Tochter verpasst.

Das alles wird Anwalt Akyildiz seinem Mandanten aus dem Prozess berichtet haben.

Gebührenbescheid der Feuerwehr über 766 Euro

Und jetzt der Gebührenbescheid 18/59870 für die Feuerwehr-Einsatznummer 067078. Er gilt für die „Inanspruchnahme Rettungstransport/Stadtfahrt, med. Notfall“ für 380 Euro und für die „Behandlung durch den Notarzt“, der mit 386 Euro zu Buche schlägt. Das macht „Gesamt (EUR) 766,00“, die bis zum 08.04.2019 auf ein Konto der Finanzbuchhaltung Essen einzuzahlen sind. Überweisungsvordruck anbei.

Formal mag das seine Richtigkeit haben, dass die Stadt zunächst nicht nach dem echten Verursacher sucht, wenn sie ihr Geld eintreiben will. Rechtsanwalt Aykan Akyildiz vermisst dennoch ein sensibles Vorgehen der Behörde bei Opfern von Gewaltdelikten.“So kann das nicht richtig sein“, meint er.

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