Fahrradunfälle

Viele Radfahrer verunglücken auf Straßenbahn-Gleisen

Unterschätzte Gefahr: An Straßenbahngleisen (hier ein Bild von der Klarastraße) verlieren Pedaler schnell die Kontrolle und rutschen mit dem Rad in die Rille. Die Polizei fordert Abhilfe und will mit der Politik nach Lösungen suchen.

Unterschätzte Gefahr: An Straßenbahngleisen (hier ein Bild von der Klarastraße) verlieren Pedaler schnell die Kontrolle und rutschen mit dem Rad in die Rille. Die Polizei fordert Abhilfe und will mit der Politik nach Lösungen suchen.

Foto: Knut Vahlensieck

Essen.   Im Vorjahr verunglückten 43 Radler in Essen, weil sie in Bahngleise rutschten und das Gleichgewicht verloren. Die Polizei reagierte überrascht.

43 Radfahrer verunglückten allein im vergangenen Jahr an Straßenbahngleisen im Essener Stadtgebiet. Sie rutschten mit dem Rad in die Rille und verloren das Gleichgewicht. Das ergab eine Sonderauswertung der Essener Polizei zu den Fahrradunfällen 2018. „Uns hat das erschreckt. Damit hatten wir nicht gerechnet“, erklärt Polizei-Verkehrsdezernent Wolfgang Packmohr. Jetzt soll mit Hilfe des Verkehrsauschusses und der städtischen Unfallkommission nach Lösungen gesucht werden.

Und zwar speziell auch für die Kreuzung Weidkamp/Hülsmannstraße in Borbeck. Dort verunglückten im Vorjahr sieben Radfahrer im Gleisbereich. Drei von ihnen wurden schwer, vier leicht verletzt. Die Kreuzung wird von vielen Radlern gerne genutzt, um zur Rad-Trasse Rheinische Bahn oder zum Rhein-Herne-Kanal zu kommen. Für sie müsse laut Packmohr entweder eine Alternativroute gefunden oder die Gefahrenstelle beseitigt werden.

Gummilippen sollen Fahrradunfälle am Gleis verhindern

Packmohr sprach sich an dieser Stelle für ein Versuchsprojekt aus. Sein Vorschlag: An die Gleis-Rille könnten Gummilippen angebracht werden. Die wären für die schwere Tram kein Hindernis. Nach der Vorbeifahrt würden die Gummilippen die Rille wieder schließen, so dass die kreuzenden Radler (wie in Zürich) nicht mehr darüber stürzen können.

Das Polizeipräsidium hatte vor wenigen Wochen eine Sonderkommission unter Leitung von Michael Krüger gebildet, die jeden Fahrrad- und Pedelec-Unfall des Vorjahres noch mal einzeln betrachten sollte. Auslöser war die drastische Steigerung von 290 auf 374 Unfälle in nur einem Jahr allein in Essen. Dabei stellte sich heraus, dass offenbar viele Opfer ihr Fahrrad nicht beherrschten. Mehr als jeder vierte Sturz (100) war ein Alleinunfall ohne Fremdverschulden. Und darunter waren fast 36 Prozent an Straßenbahngleisen.

Radfahrer fahren zu schnell an Fußgängern vorbei

Die Mehrzahl der Unfälle (insgesamt 131) ist aber darauf zurückzuführen, dass Autofahrer beim Ein- und Abbiegen an Kreuzungen und Einmündungen sowie an Ein- und Ausfahrten Radfahrer schlicht übersehen. Dies gilt vor allem auf unübersichtlichen Radwegen. Hier müsse mehr Sicherheit für die Radler geschaffen werden, indem sie – wie auf Fahrradstreifen – besser gesehen und Gefahrenpunkte an Kreuzungen und Einmündungen entschärft werden.

Aber auch Radfahrer begehen mitunter verhängnisvolle Fehler. „Viele wissen nicht, dass auch für sie ein Rechtsfahrgebot gilt“, sagt Krüger. Jeder fünfte Abbiege-Unfall passierte deshalb, weil der Autofahrer nicht mit dem Radfahrer rechnete, der aus der falschen Richtung kam beziehungsweise verbotswidrig einen Weg benutzte.

Auch ein Problem: rücksichtsloses Verhalten von Radfahrern und Fußgängern auf gemeinsamen Trassen. Passanten machen nicht Platz, vor allem sind etliche Radler zu schnell. „Wir haben darunter regelrechte Poser“, beklagt Packmohr. „Die leben ihr Ego aus.“ Und gefährden sich und andere. Im Essener Süden sei es vermehrt zu Zusammenstößen zwischen Radfahrern und Fußgängern gekommen.

>>WEITERE ERGEBNISSE AUS DER UNFALL-ANALYSE

  • Jeder Dritte, der einen Alleinunfall verursachte, ist über 60 Jahre alt.
  • Im Straßenverkehr verunglücken inzwischen mehr Kinder auf dem Fahrrad als bei der Mitnahme im Auto.
  • Nur sehr wenige Unfälle im Dunkeln sind auf Mängel der Fahrradbeleuchtung zurückzuführen. Auch Eis und Schnee sowie die Beschaffenheit der Fahrbahn spielen kaum eine Rolle.
  • Pedelec-Unfälle machen „nur“ fünf Prozent aus. Die meisten Verunglückten sind hier über 60.

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