Sexualdelikte

Vorwürfe um Ermittlungspannen nach Massenvergewaltigungen

Den Essener Behörden wird Untätigkeit nach der ersten Massenvergewaltigung vorgeworfen. Bei der Staatsanwaltschaft will man aber nicht von einer Ermittlungspanne sprechen. (Symbolbild)

Den Essener Behörden wird Untätigkeit nach der ersten Massenvergewaltigung vorgeworfen. Bei der Staatsanwaltschaft will man aber nicht von einer Ermittlungspanne sprechen. (Symbolbild)

Essen.  Nach der ersten Vergewaltigung sollen die Ermittler den mutmaßlichen Täter nicht sofort festgenommen haben. Obwohl sie wussten, wer er war.

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Der Vorwurf wiegt schwer: Bei den Ermittlungen zur Massenvergewaltigung in Essen soll es eine Panne beim Amtsgericht Essen gegeben haben. Dabei soll nach der ersten Anzeige Ende Dezember 2017 kein Durchsuchungsbefehl für die Wohnung eines mutmaßlichen Täters ausgestellt worden sein, obwohl Staatsanwaltschaft und Polizei unter Hochdruck ermittelt hätten.

Einen Tag nach der ersten Vergewaltigung Ende Dezember 2017 hat das Opfer Anzeige bei der Polizei erstattet und einen der mutmaßlichen Täter namentlich benannt, bestätigte Oberstaatsanwältin Anette Milk auf Nachfrage unserer Redaktion. Das Amtsgericht Essen aber lehnte einen Durchsuchungsbeschluss am 4. Januar ab, weil man der Auffassung gewesen sei, dass die Beweislage keine Durchsuchung rechtfertige, so Milk.

Staatsanwaltschaft legte Beschwerde ein

Dagegen habe die Staatsanwaltschaft am darauffolgenden Tag Beschwerde eingelegt, sodass dem Durchsuchungsbeschluss schließlich noch am Abend des gleichen Tages stattgegeben worden sei. Weitere vier Tage später habe die Polizei versucht den Beschluss zu vollstrecken, so Milk. Den Tatverdächtigen trafen die Ermittler jedoch nicht an der Adresse seiner Familie an, eine Fahndung wurde daraufhin eingeleitet.

Dass zwischen der Anzeige, der hin und her um den Durchsuchungsbeschluss und der tatsächlichen Fahndung nach dem Tatverdächtigen mehrere Tage lagen, erklärt Oberstaatsanwältin Milk mit dem Jahreswechsel und einem Wochenende, das dazwischen lag. "Die Polizei muss eine Durchsuchung vorbereiten und die haben nicht immer alle Kräfte da", sagte Oberstaatsanwältin Milk. "Obwohl wir versucht haben den Beschluss zeitnah zu vollstrecken, ist uns das nicht gelungen."

Warum der erste Antrag auf einen Durchsuchungsbefehl ursprünglich abgelehnt wurde, konnte Michael Schütz, Pressesprecher am Amtsgericht Essen, auf Nachfrage nicht erklären. Die entsprechenden Akten dazu lägen mittlerweile beim Landgericht. Untätigkeit will man sich bei der Staatsanwaltschaft nicht vorwerfen lassen. Gemeinsam mit der Polizei hätte die Behörde nach der ersten Vergewaltigungs-Anzeige schnell reagiert und sei an das Amtsgericht herangetreten.

Ermittler wollten Chatverläufe auf Handy sichern

Bei der Durchsuchung ging es Polizei und Staatsanwaltschaft in erster Linie um das Handy des Tatverdächtigen. Die Ermittler wollten darüber an die Chatverläufe gelangen, um weitere mutmaßliche Täter zu identifizieren. Die fünf Männer im Alter von 16 bis 23 Jahre aus Essen und Gelsenkirchen sollen sich in einem privaten Chat verabredet haben, um junge Mädchen, die sie kannten, in die Falle zu locken und sie zu missbrauchen. Deshalb habe man auch den richterlichen Beschluss abwarten müssen, ehe man zu dem Verdächtigen ausrückte. Dieser wäre ansonsten gewarnt gewesen und hätte die entsprechenden Chatverläufe von seinem Mobiltelefon löschen können.

Von den intensiven Ermittlungen ließ sich die Männergruppe offenbar nicht abschrecken. Nur wenige Tage später sollen sie sich weitere Opfer gesucht und diese missbraucht haben. Einen weiteren Tatverdächtigen nahm die Polizei daraufhin am 18. Januar fest. Auch er soll an den Gruppenvergewaltigungen beteiligt gewesen sein. Über sein Mobiltelefon gelangten die Ermittler an weitere Informationen über die Mittäter. Oberstaatsanwältin Milk bezeichnete dies als "Schneeballsystem".

Erst Ende Januar wurden drei weitere Haftbefehle ausgestellt und wenige Tage später vollstreckt. Hierbei wurde auch der Mann festgenommen, den die junge Frau Ende Dezember angezeigt hatte. Insgesamt sollen mindestens sieben Mädchen vergewaltigt worden sein. In drei Fällen blieb es offenbar bei Versuchen.

Hinweise auf weitere Täter

Eine Warnung vor den Vergewaltigern sprachen die Behörden nicht aus, obwohl rund einen Monat mit Nachdruck ermittelt wurde. Von Ermittlungspannen will die Essener Staatsanwaltschaft aber nicht sprechen. "Die Polizei hat sich in die Ermittlungen sehr reingehängt", unterstrich Oberstaatsanwältin Anette Milk. Nach der zweiten Anzeige hätten die Ermittler dann unter Zeitdruck "sehr viel auf die Beine gestellt".

Gegen die fünf Verdächtigen hat die Staatsanwaltschaft Essen Anklage wegen gemeinschaftlicher Vergewaltigungen in sieben Fällen erhoben. Es gebe sogar Hinweise auf weitere Täter, denen die Staatsanwaltschaft nachgehe, so Oberstaatsanwältin Milk.

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