Soziales

Wenn bloßes Dasein Mut macht

Wolfgang Hirsch ist 1. Vorsitzender des Förderverein Essener Telefonseelsorge.

Foto: WAZ Fotopool

Wolfgang Hirsch ist 1. Vorsitzender des Förderverein Essener Telefonseelsorge. Foto: WAZ Fotopool

Essen.   38.500 mal pro Jahr rufen Menschen in Not bei der katholischen und der evangelischen Telefonseelsorge an. Letztere sucht aktuell neue Mitarbeiter, beide nach weiteren Sponsoren. Mit einem eigenen Förderverein.

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„Manchmal höre ich nur leises Weinen, verhaltenes Schluchzen oder es empfängt mich minutenlanges Schweigen. Ich merke, wie meine Umwelt zurücktritt und sich meine Wahrnehmung nur auf den Menschen konzentriert, der versucht, sich mir mitzuteilen“, berichtet eine freiwillige Helferin der Telefonseelsorge. So wie sie sie engagieren sich in Essen knapp 130 Ehrenamtliche aus verschiedenen Erfahrungsfeldern und Berufen für Menschen, die verzweifelt sind. Und ha­ben ein offenes Ohr für sie. Sich auf andere Menschen, ihre Sorgen und Probleme einlassen zu können, das ist Grundvoraussetzung für alle, die bei einem der zwei lokalen Trägern mitarbeiten wollen: 1961 gegründet, sucht die Telefonseelsorge Essen, getragen vom Evangelischen Stadtkirchenverband, derzeit neue Helfer. Nach den Sommerferien soll die Ausbildung starten, bei dem die Helfer zum Beispiel lernen, wie sie am Telefon richtig reagieren.

Neben der evangelischen Stelle für Hilfesuchende gibt es seit 1961 ebenso die katholische Telefonseelsorge Ruf und Rat, betrieben von der Caritas für die Stadt Essen. Gemeinsam sorgen sich beide um die Anrufenden aus Essen, Bottrop, Gelsenkirchen, Gladbeck, Velbert und Heiligenhaus – ein Einzugsbereich von 1,1 Millionen Menschen. Da die katholische Stelle ihren Standort verlassen musste, arbeiten beide Seelsorgen nun räumlich unter einem Dach zusammen. „Wir werden weiterhin unter den bisherigen Telefonnummern 0800 / 111 0 111 für die evangelische und 0800 / 111 0 222 für die katholische Telefonseelsorge erreichbar sein, rund um die Uhr und an allen Tagen des Jahres“, sagt der Theologe Peter Heun, der die katholische Einrichtung leitet.

„Doch ob evangelisch oder katholisch, natürlich können Muslims, Juden, Hindus und auch Nichtgläubige bei uns anrufen – jeder der in Not ist“, betont Wolfgang Hirsch, Ehrenamtsbeauftragter im evangelischen Kirchenkreis Essen. Und Vorsitzender jenes Fördervereins, der beide Stellen jährlich mit 8.000 bis 12.000 Euro fördert. „Es ist ein ganz kleiner Verein mit wenigen Mitgliedern“, verdeutlicht Hirsch. Daran will er nun etwas ändern, mit Hilfe von Fördermitgliedern. Einige prominente Essener hat er bereits für seinen Verein begeistern können – so Stadtkämmerer Lars Martin Klieve: „Ich unterstütze die Telefonseelsorge, weil dort allzeit Sprechstunde ist und menschliche Krisen keine Öffnungszeiten kennen.“ Gleiches gilt für den Geschäftsführer der Industrie und Handelskammer zu Essen, Hans Michaelsen, Essens früheren Stadtdirektor Christian Hülsmann und Simone Stachelhaus von der lokalen Agentur CP Compartner, die in den Helfern Vorbilder sieht: „Ich habe großen Respekt vor den Menschen, die sich dieser Aufgabe widmen. Nie weiß man im Voraus, wer anruft und welche Problematik sich bei den – oft sehr persönlichen – Gesprächen ergibt.“ Und so kommt es schon mal vor, dass selbst Seelsorger zum Hörer greifen und sich an die Telefonseelsorge wenden, „weil auch Seelsorger Betreuung und Begleitung brauchen“, so die Apothekerin Madeleine Dikobe, die zum Kreis der bisher 30 Förderer zählt. Der Verein hat die jüngst neu bezogenen Räume erst ermöglich, finanziert Teile der Aus- und Fortbildung der Helfer mit und macht öffentlich auf beide Seelsorgen aufmerksam.

Die Evangelische Telefonseelsorge hat dokumentiert, wer bei ihr anruft. Die daraus entstandene Statistik fasst ein Jahr zusammen: 17.074 mal hat das Te­lefon geläutet; das bedeutet, dass durch­schnittlich 47 Mal innerhalb von 24 Stunden der Hörer abgenommen wurde. Die Gesprächszeit betrug durchschnittlich gut 11 Minuten, so dass die Anrufenden viel Zeit hatten, ihre Sorgen und Pro­bleme zu erzählen und zu klären. Die Mitarbeitenden haben somit etwa 22 Minuten je Stunde telefoniert.

78,8% der Anrufenden haben von dem Angebot Gebrauch gemacht, ihren Namen nicht nennen zu müssen. Die Altersgruppe 30 bis 39 Jahre war mit 8,3%, 40 bis 49 mit 11,8%, 50 bis 59 mit 22,8%, 60 bis 69 mit 4,7% vertreten. 44% der Anrufenden waren Frauen, 27% Männer, 29% von der Stimme her nicht einzuordnen. Etwa 13% wurden als Scherzanrufe registriert.

Mitmachen und helfen

Wer bei der evangelischen Telefonseelsorge mitar­beiten will, wendet sich unter 74 74 80 an Pfarrer Werner Korsten, unter 32 00 30 ist das Büro der katholischen Telefonseelsorge erreichbar, Wolfgang Hirsch vom Förderverein unter 41 03 50. Infos, eine Chat- und E-Mail-Beratung gibt es zudem im In­ternet auf: www.telefonseelsorge.de

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