Medizin-Skandal

Wie ein Essener Frauenarzt zu einer unerwarteten Tochter kam

Prof. Dr. Thomas Katzorke in den Räumen seiner Praxis in der Innenstadt, die „Novum“ heißt.

Prof. Dr. Thomas Katzorke in den Räumen seiner Praxis in der Innenstadt, die „Novum“ heißt.

Foto: Carsten Klein

Essen.   Thomas Katzorke ist Pionier der künstlichen Befruchtung und nahm es in jungen Jahren mit der Ethik nicht immer genau. Geschichte einer Tragödie.

Prof. Dr. Thomas Katzorke ist einer, der Leben erschafft, und es besteht kein Zweifel, dass er stolz darauf ist. Rund 100.000 Kindern, schätzt der bekannte Essener Arzt, hat er in seiner seit 1981 bestehenden Praxis mit den immer ausgefeilteren Mitteln der Reproduktionsmedizin ins Leben verholfen. Für unfreiwillig kinderlose Frauen und Männer war und ist Katzorke so etwas wie die letzte Hoffnung, dass es doch noch klappt mit dem ersehnten Nachwuchs. Der 70-Jährige ist aber nicht nur einer der Pioniere der deutschen Reproduktionsmedizin, er hat sich in dieser Funktion auch häufig ins politische Kampfgetümmel gestürzt. Zumal in Deutschland gibt es wohl keine Medizin-Sparte, die moralisch aufgeladener wäre.

Ein juristisches Minenfeld ist etwa das Thema anonyme Samenspende, und ausgerechnet Katzorke ist dabei vor einem Jahr mit einer weit ins Private reichenden Nachricht konfrontiert worden, die einem Drehbuch-Autor als allzu konstruiert und unrealistisch um die Ohren gehauen würde. Aber die Genom-Analyse ist eindeutig: Eine Frau, mit der Katzorke schon mehrfach vor Gericht stritt, stellte sich völlig unerwartet als seine biologische Tochter heraus, deckte die Wochenzeitung „Die Zeit“ auf.

Katzorkes biologische Tochter fiel aus allen Wolken, als ihr die Wahrheit klar wurde

„Hollywoodreif“ sei das, sagt Thomas Katzorke im Gespräch mit dieser Zeitung und versucht ein etwas müdes Lächeln. Für seine biologische Tochter Christina Motejl, eine 39-jährige Juristin, war die Erkenntnis wohl noch etwas grundstürzender. Sie habe das Gefühl gehabt „mir selbst in einer schlechten Vorabendserie zuzuschauen“. Die gebürtige Duisburgerin hat ihrerseits einen Teil ihres Lebens der Reproduktionsmedizin gewidmet, wenn auch aus anderer, wenn man so will: gegensätzlicher Perspektive.

Der Reihe nach: Mit 26 wird Christina Motejl von den Eltern offenbart, dass ihr sozialer Vater nicht ihr leiblicher ist, dass ihre Mutter vielmehr 1980 durch eine Samenspende im Essener Uniklinikum schwanger wurde, und es kommen die Fragen auf, die so viele andere Menschen, mit einem solchen familiären Hintergrund bewegen. Wer ist mein wahrer Vater, wessen Gene trage ich zur Hälfte in mir? Letztlich: Wer bin ich?

Mit den Mitteln der Öffentlichkeitsarbeit und mit juristischen Mitteln kämpft Motejl darum, dass die Reproduktionsmediziner die Namen der Samenspender offen legen müssen – immer das Ziel vor Augen, endlich zu erfahren, von wem sie abstammt. Ärzte wie Thomas Katzorke haben ein anderes Interesse. „Die Samenspende war früher mit der Zusicherung der Anonymität verbunden“, sagt er. Männer, die unter dieser Prämisse spendeten, hätten ein Recht auf Vertrauensschutz. Katzorke empfiehlt die Anonymität aber auch aus übergeordneten Gründen: „Die Gene werden überschätzt, viel wichtiger ist die Prägung durch den sozialen Vater“, glaubt er.

Mehrfach trafen sich Vater und Tochter vor Gericht - ohne dass sie ihre Verwandtschaft kannten

Für diese Überzeugung trat Katzorke auch öfter vor Gericht auf, als Sachverständiger, Interessenvertreter und nicht zuletzt als Beklagter. Und traf dort auf der gegnerischen Seite unter anderem auf Christina Motejl, die sich mit anderen Mitstreitern am Ende durchsetzte.

Basis für den vollständigen Sieg war das Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1989, wonach jeder ein Recht hat, seine Abstammung zu erfahren. Stück für Stück fiel in den folgenden Jahren und Jahrzehnten die Festung der Ahnungslosigkeit und Anonymität, hinter der sich die Reproduktionsmedizin verschanzt hatte. Der Durchbruch kam im Jahr 2013, als das Oberlandesgericht Hamm Katzorke dazu verurteilte, der damals 22-jährigen Klägerin Sarah P. den anonymen Samenspender zu nennen, dem sie ihre Existenz verdankt.

Inzwischen eine Kelleretage gemietet, um der Dokumentationspflicht zu genügen

Längst wird den Praxisinhabern auferlegt, alle ihre Schritte zu dokumentieren, insbesondere die Namen der Samenspender zu archivieren, um leiblichen Kindern die Chance zu geben, auf Wunsch Kontakt aufzunehmen.Ob dieser Kontaktwunsch erwidert wird, ist eine andere Frage. „Zwingen kann man niemanden“, betont Katzorke. An der Dokumentation, so Katzorke, scheitere es jedenfalls nicht. Eine ganze Kelleretage habe er mittlerweile gemietet, um alle Dokumente unterbringen zu können. Mittlerweile müssen sie 110 Jahre aufbewahrt werden.

Als die Mutter von Christina Motejl im Jahr 1979 im Essener Uniklinikum Spendersamen erhielt, konnte von Dokumentation keine Rede sein. „Das war eine Pionierzeit“, erinnert sich Katzorke. Und in Pionierzeiten gehe es eben schon mal ein bisschen wild und unordentlich zu. Obwohl es schon damals klar gegen die ärztliche Ethik und – wie Motejl darlegt – auch gegen Handreichungen der Bundesärztekammer verstieß, sprangen die Ärzte selbst immer wieder als Samenspender ein, etwa wenn ein eigentlich vorgesehener Spender den vereinbarten Termin platzen ließ.

„Wir wussten ja, welche Kollegen gesund waren, und dann hieß es, gib mal her“

„Zwei, drei Mal“, schätzt Katzorke, habe allein er dann sein eigenes Sperma zur Verfügung gestellt, das den nichts ahnenden Frauen inseminiert wurde. Für Christina Motejl ist das eine schwere und folgenreiche Grenzüberschreitung: „Während meine Mutter dachte, dass sie mit dem Sperma eines ihr unbekannten Mannes befruchtet wird, hat der sie behandelnde Arzt eigenmächtig entschieden, dass er sich mit ihr fortpflanzen möchte.“

Auch andere Ärzte im Klinikum spendeten freigiebig. „Wir wussten ja, welche Kollegen kerngesund waren, und dann hieß es, gib mal her“, beschreibt Katzorke die damals am Uniklinikum offenbar ziemlich lockere Atmosphäre, die er als junger Assistenzarzt erlebte. Der Bundesärztetag hatte zwar bereits 1970 eine „einwandfreie Dokumentation“ empfohlen, doch hatten die Ärzte offenbar dennoch das Gefühl, in einer unkontrollierbaren Grauzone zu handeln. Dokumentiert wurde jedenfalls nach Auskunft von Katzorke keineswegs. Und da somit alles anonym ablief, wurde Katzorke auch nicht von einem schlechten Gewissen geplagt. Wildwest eben. „Hätte ich gewusst, dass es einmal DNA-Datenbanken gibt, hätte ich das nicht gemacht.“

Christina Motejl verklagte das Uniklinikum Essen, jedoch ohne Erfolg

Von ihrer Mutter wusste Christina Motejl, dass Katzorke damals der behandelnde Arzt war, und die Ironie will es, dass sie schon als 26-Jährige bei ihm anfragte, ob er ihr helfen könne bei der Suche nach dem genetischen Vater. Der Arzt, tatsächlich oder vermeintlich ahnungslos, verneinte. Weder könne er sich an die konkrete Behandlung ihrer Mutter erinnern noch gebe es seiner Kenntnis nach Unterlagen im Klinikum. Eine Klage Motejls gegen das Uniklinikum scheitert.

Noch vor wenigen Jahren wäre die Geschichte der Vatersuche von Christina Motejl an dieser Stelle zu Ende gewesen. Inzwischen aber gibt es Datenbanken, in denen Millionen Menschen ihre DNA gespeichert und gestattet haben, dass ihr Erbgut mit dem anderer Menschen abgeglichen werden darf. Viele tun dies, um im Rahmen ihrer Ahnenforschung Verwandte zu finden, manche suchen – wie Christian Motejl – ihren genetischen Vater. Und wieder andere versäumen schlicht, ein Häkchen zu setzen, das ihre Daten sperrt – zu letzteren gehört nach eigenen Angaben Thomas Katzorke.

Eine Genom-Datenbank bringt sie via Kanada auf die Spur ihres genetischen Vaters

Im Frühjahr 2018 erhält Christina Motejl eine Mail von einem der zwei Anbieter, die sie beauftragt hat. In Kanada ist ein naher Verwandter von ihr gefunden, vermutlich ein Cousin. Er heißt mit Vornamen Guido. Motejls Recherche im Internet fördert unter anderem eine Todesanzeige zutage, in der Guido den Tod seines Vaters bekanntgibt, eines gebürtigen Deutschen, der 1953 auswanderte. Und mit ihm trauert auch ein Verwandter in Deutschland, ein Neffe des Verstorbenen. Er heißt Dr. Thomas Katzorke.

Noch eine Mail erhält Christina Motejl, der Zufall will es, dass sie einen Tag später eintrudelt. Ein anderes Labor hat dort einen „TK“ registriert, der 49,8 Prozent genetische Übereinstimmung mit ihr aufweist. Die angebotene Diagnose zum Verwandtschaftsgrad ist denkbar einfach: „Father“.

„Dies ist nicht mein erster Brief an Sie, aber sicherlich der schwierigste“

Christina Motejl ist am Ziel: eigentlich. Dass aber ausgerechnet der Arzt ihr Erzeuger ist, mit dem sie seit Jahren über Kreuz liegt, ist eine dieser Geschichten, die man sich nicht ausdenken kann. Nach einiger Zeit meldet sich Christina Motejl per Email bei Katzorke und eröffnet ihm das enge Verwandtschaftsverhältnis. „Dies ist nicht mein erster Brief an Sie, aber sicherlich der schwierigste.“ Sie schreibt, sie habe weder finanzielle Interessen „noch möchte ich Ihre Familie irgendwie stören“, aber ein paar Fragen, die habe sie schon.

Details kriegen plötzlich eine andere Bedeutung, auch äußerliche, etwa die rote Haarfarbe, die beim Arzt und bei ihrer ältesten Töchter dieselbe ist. Anders als Katzorke es für sich selbst entschied, hat die genetische Abstammung für Christina Motejl – wie wohl für die meisten Menschen – sehr wohl einen hohen Stellenwert. Und zu Anfang lässt sich Katzorke durchaus auch auf sie ein, schildert ihm seine Familiengeschichte, die ja nun in gewisser Weise auch ihre ist.

Katzorke bleibt dabei, dass der genetische Vater aus seiner Sicht nicht wichtig ist

Dann bricht der Kontakt auf Wunsch des Arztes ab. „Ich möchte es nicht“, bestätigt Katzorke knapp auch im Gespräch mit dieser Zeitung. Einmal mehr betont er die überragende Wichtigkeit des sozialen Vaters, deutet allerdings auch an, dass seine Familie nicht gerade erbaut ist über die neue Verwandtschaft. Der 70-jährige ist verheiratet und hat drei Töchter ungefähr im Alter von Christina Motejl, eine wird im nächsten Jahr seine Praxis übernehmen.

Christina Motejl sagt, sie hätte sich natürlich einen Erzeuger gewünscht, der ihr gegenüber zugewandter wäre. So muss ein „Babybuch“ reichen, das sie für ihre zwei Töchter anlegte, und in dem es auch ein Foto von Thomas Katzorke gibt, dem „genetischem Opa“, wie es dort heißt. Im übrigen fühlt sie sich in ihrem jahrelangem Kampf bestätigt. „Meine Geschichte zeigt, dass die Reproduktionsmediziner keine neutrale vermittelnde Stellung inne haben und auch niemals inne hatten, sondern selbstverständlich auch von eigenen Interessen geleitet handeln.“

Christina Motejl hält die These von den Wildwest-Zeiten für allzu simpel

Die Reproduktions-Pioniere hätten eigennützige Gründe für das lange Bremsen und Mauern gehabt, als es um die Spendernamen ging. Sie wüssten eben, was damals alles geschehen ist, mutmaßt sie. „Wir sind sehr gespannt, wer in unserem Verein ,Spenderkinder’ sich noch als Kind des behandelnden Arztes herausstellen wird.“ Ihr sei schleierhaft, weshalb ein Arzt seinen Samen für die künstliche Befruchtung benutzt und sich nicht interessiert, was dabei herauskommt.

Die These vom „Wildwest“ hält Motejl für zu simpel und für zu romantisch. Letztlich werde hier etwas vorgeschoben: „Es handelt sich um eine bewusste Nicht-Einhaltung von Regeln mit der Erwartung, dass die Spenderkinder nie etwas von ihrer Zeugungsart erfahren.“ Eine persönliche Kritik will sie Katzorke nicht ersparen: „Ich hätte ihn für professioneller gehalten.“ Auch die Uniklinik erklärte auf Anfrage, man sei „irritiert“ über das Verhalten ihres damaligen Angestellten. Thomas Katzorke wiederum räumt ein, dass er damals falsch gehandelt hat. Im übrigen aber sei juristisch alles verjährt.

Thomas Katzorke bleibt ein verdienter Essener Arzt, der unzähligen Menschen geholfen hat. Manchmal aber spielte er offensichtlich den Halbgott in Weiß. Eine Tragödie.

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