Sozialer Arbeitsmarkt

Wie ein Langzeitarbeitsloser wieder eine Chance bekam

Markus Jost ist seit 1. April beim Garten- und Landschaftsbaubetrieb Stadtgrün beschäftigt. Dort baute er an den Spielgeräten für die neue Kita an der Elisenstraße mit.

Markus Jost ist seit 1. April beim Garten- und Landschaftsbaubetrieb Stadtgrün beschäftigt. Dort baute er an den Spielgeräten für die neue Kita an der Elisenstraße mit.

Foto: Klaus Micke / FUNKE Foto Services

Essen.  Markus Jost aus Essen war lange arbeitslos. Nun hat er eine Stelle bei einem Gala-Bau-Betrieb gefunden. Dabei half eine neue staatliche Förderung

Markus Jost hat schon viele Jobs in seinem Leben gehabt. Er war Kfz-Mechaniker, war bei der Feuerwehr, Schweißer im Rohrleitungsbau und später in einem Fertigungsbetrieb. Doch mit 48 Jahren warf er das Handtuch und meldete sich arbeitslos, nachdem sein damaliger Chef keinen Lohn mehr gezahlt hat. „Ich hätte sicher wieder Arbeit finden können. Aber für sieben Euro die Stunde, die mir geboten wurden, mach ich keinen Job. Wissen Sie, was ich früher auf den Baustellen bekommen habe?“

Heute ist Markus Jost 56 Jahre alt. Über die letzten sieben Jahre hat er von Hartz IV gelebt, musste zwischenzeitlich seine Eltern pflegen und war in verschiedenen „Maßnahmen“, wie er sagt. Unter anderem arbeitete er im Essener Arbeitslosen-Projekt „Neue Wege zum Wasser“ mit, das von der städtischen Beschäftigungsgesellschaft EABG geleitet wird. Die Hoffnung, wieder eine „richtige“ Arbeit zu bekommen, habe er dabei nie aufgegeben. Dass dies mit zunehmendem Alter immer schwieriger würde, das war ihm jedoch auch klar. „Aber ich wollte immer arbeiten, muss ja noch ‘was für die Rente tun.“

Seit dem 1. April dieses Jahres hat er wieder eine Arbeitsstelle. Sogar einen sozialversicherungspflichtigen Job, in dem er über zwölf Euro die Stunde verdient. Markus Jost ist ein Beispiel dafür, wie Langzeitarbeitslose über den Sozialen Arbeitsmarkt nach langen Jahren ohne Chance wieder in Beschäftigung kommen.

Das neue Gesetz mit dem sperrigen Namen „Teilhabechancengesetz“ ist seit Anfang Januar in Kraft. Den Arbeitgebern wird dabei die Einstellung eines Langzeitarbeitslosen schmackhaft gemacht: Sie bekommen in den ersten beiden Jahren die vollen Lohnkosten vom Staat gezahlt, danach nimmt die Förderung schrittweise ab. Seither haben schon 480 Essener Langzeitarbeitslose davon profitiert.

Unternehmen bekommen zwei Jahre 100 Prozent Förderung

Der Unternehmer Dirk Kolacek hat Markus Jost eingestellt. Er suchte für seine Firma Stadtgrün Ruhr, die im Garten- und Landschaftsbau tätig ist, Helfer für die Grünpflege. „Ich stehe dabei schon länger mit der EABG Kontakt.“ Auch im Fall von Markus Jost war dies so. Die EABG organisierte das Bewerbungsgespräch. Neben Jost hat Kolacek noch zwei weitere Langzeitarbeitslose eingestellt. Auch sie werden über den Sozialen Arbeitsmarkt gefördert.

Dirk Kolacek hatte dabei keine Vorurteile wie manch anderer Unternehmer. „Ich halte Arbeit für extrem sinnstiftend und ich möchte den Menschen die Teilhabe an der Gesellschaft wieder ermöglichen.“ Die staatliche Förderung habe die Entscheidung vielleicht vereinfacht, schließlich erbringen die neuen Mitarbeiter auch noch nicht die Leistung, die sie schaffen müssten. Aber die Förderung sei für ihn nicht ausschlaggebend gewesen.

Als Unternehmer müsse man schon sich schon bewusst machen, dass dieser Schritt kein leichter Gang ist. Denn die Mitarbeiter hätten oftmals einen „anderen Lebensweg als der Rest der Belegschaft“, die das auch nicht immer nachvollziehen können. Mit Markus Jost sei das zwar problemlos gelaufen. „Wir hatten in der Vergangenheit aber auch schon Mitarbeiter, die mehr Probleme hatten, sich ins Team zu integrieren.“ Bei manchen habe es an der Pünktlichkeit gemangelt, anderen wieder sei es schwer gefallen, acht Stunden konzentriert und aufmerksam zu arbeiten und das auch noch am nächsten Tag. „Das erfordert auch von einem Unternehmer eine hohe Bereitschaft, sich darauf einzulassen.“ Wenngleich ihm natürlich bewusst sei, welch großer Schritt es für Langzeitarbeitslose ist, wieder Arbeit in einem wirtschaftlichen Unternehmen zu leisten. „Das ist etwas ganz anderes als in geschützten Bereichen wie einer Beschäftigungsgesellschaft.“

Unternehmer wünscht sich Coaching für gesamte Belegschaft

Unternehmen wie Stadtgrün Ruhr aber auch Mitarbeiter wie Markus Jost können deshalb vom Jobcenter ein Coaching bekommen. Das soll in erster Linie die ehemals Langzeitarbeitslosen begleiten, damit sie nicht vorschnell wieder das Handtuch werfen. Die Abbrecherquote in Essen ist gering. Erst zehn Fälle gibt es seit Jahresbeginn, meint Jobcenter-Leiter Dietmar Gutschmidt.

Dirk Kolacek wünscht sich jedoch, dass es ein Coaching für seine restliche Belegschaft gibt. Denn die wüsste nicht immer, wie sie mit den neuen Mitarbeitern in schwierigen Situationen umgeht. „Auch meine Kompetenzen übersteigt das bei Weitem.“

Dass die Einstellung eines Langzeitarbeitslosen einen Unternehmer fordert, sei unbestritten, sagt Gutschmidt. „Mal abgesehen von der hohen Förderung, die ein Unternehmen bekommt, ist noch eine Menge Eigenleistung notwendig.“ Denn auch wenn viele, wie Markus Jost, über eine Beschäftigungsgesellschaft an das Arbeitsleben herangeführt wurden, „ist der Schritt ins Unternehmen nochmal etwas ganz anderes“, so Gutschmidt.

Ehemals Langzeitarbeitsloser fühlt sich wieder geachtet

Markus Jost hat sich in den über fünf Monaten bei Stadtgrün gut eingearbeitet. Sein Chef setzt ihn längst nicht mehr in der Pflege ein, sondern gibt ihm technische Aufgaben. „Es hat sich schnell herausgestellt, dass Markus aufgrund seiner früheren Tätigkeiten dort besser eingesetzt ist.“

Auch Markus Jost ist mit seiner Arbeit zufrieden. Er fühlt sich wieder gebraucht und geachtet. „Man wird von anderen ganz anders akzeptiert, wenn man sagt, dass man arbeitet.“ Und an manchen Tagen gönnt er sich nach der Arbeit nun auch mal ein Abendessen mit seiner Lebensgefährtin. „Das war mit Hartz IV nicht drin.“

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