Jugendliche

Wie eine Essener Schulschwänzerin die Kurve kriegen will

Djamila (Name geändert) in der Essener Zentralbibliothek: Dort gab es erstmals eine Vermittlungsbörse für Jugendliche, die drohen, aus dem Raster zu fallen, weil ihr Zeugnis zu schlecht ist für eine Lehrstelle.

Djamila (Name geändert) in der Essener Zentralbibliothek: Dort gab es erstmals eine Vermittlungsbörse für Jugendliche, die drohen, aus dem Raster zu fallen, weil ihr Zeugnis zu schlecht ist für eine Lehrstelle.

Foto: Bastian Haumann / FUNKE Foto Services

Essen.  Djamila (16) ging regelmäßig nicht zur Schule. Immerhin schaffte sie den Hauptschul-Abschluss. Jetzt will sie die Kurve kriegen - am Berufskolleg.

Erstmals hat die Stadt eine Vermittlungsbörse eingerichtet für Jugendliche ohne Schulabschluss - oder für jene mit einem Zeugnis, das garantiert keine Lehrstelle bringt. Die Berufskollegs bieten extra Bildungsgänge für solche Kandidaten an – weil sie noch schulpflichtig sind. In der Zentralbibliothek kamen jetzt rund 100 solcher Jugendliche zusammen, um sich an ein Berufskolleg oder die Arbeitsagentur vermitteln zu lassen - dies ist die Geschichte von Djamila (Name geändert).

Ihr Handy klingelte auf dem Schulflur

Djamila ist 16, ihre Eltern kommen aus dem Libanon, und zuletzt ging sie zur Gesamtschule Bockmühle. Dort sind, wie an den meisten Essener Schulen, Handys verboten. Doch Djamila hielt sich nicht dran, und ihr Handy summte, als gerade die große Pause vorbei war und sie zurück in die Klasse wollte, Deutschunterricht, „da waren meine Leistungen katastrophal“. Eine Freundin fragte per Telefon, ob sie nicht lieber „was frühstücken“ wollten, und Djamila sagte „au ja“, machte sofort kehrt. Raus aus der Schule, rauf auf die Altendorfer Straße. „Da hab’ ich zum ersten Mal geschwänzt.“

Es sollte die Regel werden: Morgens ging sie zur Schule, „damit meine Eltern nichts merken“, aber die dritte und vierte Stunde, oft auch länger, ging sie einfach auf die Altendorfer statt in den Unterricht. „Die Lehrer fragten, wo ich war, aber das war mir egal.“ Dass sie in den Fächern den Anschluss verlor, nichts mehr kapierte – auch egal. Irgendwann kam ein Brief nach Hause: „Ankündigung eines Bußgeldbescheids“, falls sie weiter ihrer Schulpflicht nicht nachkomme. Wenn Schüler zu oft fehlen, können sie belangt werden, ab dem 14. Lebensjahr müssen sie sogar selbst bezahlen, 80 bis 150 Euro pro Fehltag. „Meine Eltern haben mit mir geredet, ganz ruhig, Schreien bringt ja eh nichts.“

Sie wurde ständig angerufen im Unterricht - „was soll ich machen?“

Also ging sie wieder hin – doch ihr Handy, nein: ihre Handys nahm sie weiter mit. „Ich hab zwei. Ich will erreichbar sein. Falls mal was Wichtiges ist.“ Obwohl die in der Schule verboten sind? „Ja. Außerdem, was soll ich denn machen, wenn ich ständig angerufen werde?“ Die Handys ausmachen vielleicht? „Nein.“ Djamila lacht.

So saß sie im Unterricht, war aber ständig abgelenkt. Die Lehrer schmissen sie aus dem Unterricht, erzählt sie. Die Folge: ein Zeugnis, immerhin, einfacher Hauptschulabschluss nach Klasse zehn. Aber mit miserablen Noten. Deshalb ist sie jetzt runter von der Schule. „Ich will ans Berufskolleg, die Mittlere Reife machen. Und dann im Handel arbeiten. Mathe kann ich ganz gut.“ Sie habe sich auch schon informiert: Das Brost-Kolleg bietet einen Schwerpunkt an mit Berufen im Handel, aber das Hugo-Kükelhaus-Berufskolleg interessiert sie auch. Dort werden kreative Fächer unterrichtet.

Djamila setzt sich vor eine Beraterin, die geht ihre Unterlagen durch, die Beraterin fragt: „An welches Kolleg wollen Sie denn jetzt?“ Djamila sagt: „Brost.“ Dann, nach wenigen Sekunden: „Ach nee, doch lieber Kükel.“ Die Beraterin vermerkt es und schickt sie zum Tisch vom Kükelhaus-Kolleg, das Kükelhaus heißt, nicht Kükel. Wie auch immer.

„Friseurin! Super!“

Am Tisch vom Kükelhaus-Kolleg spricht sie kurz mit der Schulleiterin, Reinhild Vogt trägt Djamila ein für den Bildungsgang „Berufsgrundschuljahr mittlerer Schulabschluss; Schwerpunkt Körperpflege/Friseurhandwerk“. Der Bildungsgang dauert ein Jahr, bedeutet nicht, dass man eine Lehrstelle bekommt, sondern schult nur Schwerpunkte. Djamila bekommt den Zettel ausgehändigt und ruft überrascht und entzückt, so, als ob sie etwas geschenkt bekommt: „Friseurin! Super!“ Dann sagt Reinhild Vogt ernst: „Unsere Schule ist nicht weit von hier entfernt. Gehen Sie jetzt dort direkt hin und lassen Sie sich verbindlich anmelden. Und seien Sie morgen früh da, acht Uhr, es geht direkt los!“ Den Ton in ihrer Stimme verrät: Sie hat Erfahrung mit Schülern, die sich anmelden, aber dann doch nicht zum Unterricht erscheinen. „Na klar“, sagt Djamila fröhlich und packt die Unterlagen in ihre Handtasche, steht auf.

„Gas geben. Mitmachen. Sonst ist das Scheiße“

Wir haben fast Mitte September. Die Sommerferien sind seit zwei Wochen vorüber. „Trotzdem kommen immer wieder Kandidaten“, berichtet Reinhild Vogt, „die sich nicht pünktlich zu den Bildungsgängen anmelden. Obwohl wir aufnehmen bis zum Ende der Sommerferien.“ Die Pädagogin zuckt mit den Schultern. Regelmäßig beklagen Berufsschulleiter, dass sie mit Schülern zu tun haben, die kaum im Bilde sind über die verschiedenen Wege zu Schulabschlüssen und Ausbildungsberufen.

Letzte Frage an Djamila: Was würdest Du jemandem raten, der zwei Jahre jünger ist als Du? „Gas geben. In der Schule mitmachen. Aufpassen. Sonst ist das Scheiße.“ Dann zieht sie los. Hoffentlich zum Kükelhaus-Berufskolleg. Hoffentlich ist sie dort angekommen.

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