Essener Geschichte

Wie Essen die politischen Umbrüche von 1916 bis 1919 erlebte

Vor der Zentrale der Firma Krupp, dem so genannten „Turmhaus“ an der Altendorfer Straße, haben sich 1919 zahlreiche protestierende Arbeiter versammelt.

Vor der Zentrale der Firma Krupp, dem so genannten „Turmhaus“ an der Altendorfer Straße, haben sich 1919 zahlreiche protestierende Arbeiter versammelt.

Foto: Historisches Archiv Krupp

Essen.  „Unruhige Zeiten“ heißt ein neues Buch des früheren Leiters der Essener Stadtarchivs, Klaus Wisotzky. Thema ist die Umbruch-Phase vor 100 Jahren.

Unruhige Zeiten - viele meinen, derzeit in solchen zu leben. Man kann das so sehen, manche politische Sachfrage wird in einer Weise ausgetragen, die mit unversöhnlich noch vornehm umschrieben ist. Vor genau 100 Jahren allerdings war die Unruhe sehr viel existenzieller, als nach Ende des Ersten Weltkriegs Millionen Tote zu betrauern waren, Hungersnöte herrschten, die Staatsform der Monarchie unterging, eine sozialistische Wirtschaftsform zu drohen schien und radikale Kräfte von rechts und links sich mit Waffen bekämpften. „Unruhige Zeiten“ - so heißt ein neues Buch des früheren Essener Stadtarchiv-Leiters Klaus Wisotzky über die Jahre 1916 bis 1919 in Essen.

Essen war zu diesem Zeitpunkt eine alte Industriestadt mit einer stark von der Arbeiterschaft dominierten Bevölkerung. Das heißt allerdings nicht, dass es hier besonders wüst zuging. „Während es in Berlin oder Leipzig Massenstreiks und viele Tote gab, blieb es in Essen vergleichsweise ruhig“, sagt Wisotzky. Dafür gab es verschiedene Gründe.

Die Krupp-Arbeiter neigten wenig zu Streiks und politischem Radikalismus.

Traditionell neigten die Arbeiter bei Krupp wenig zu Ausständen und politischem Radikalismus. Die Loyalität zur Eigentümerfamilie, der man eine soziale Grundhaltung zugute hielt, war ungebrochen groß, zumal Gustav Krupp von Bohlen und Halbach sich nach dem Waffenstillstand im November 1918 und dem sofortigen Zusammenbruch der Waffenproduktion mühte, zumindest die Stammarbeiter auf den Lohnlisten der Firma zu halten. Erstmals hat Wisotzky für sein Buch die Akten im Historischen Archiv Krupp eingesehen und konnte dabei manche Legende entkräften. Nicht 4000 Kruppianer, wie es lange hieß, begaben sich in den Ausstand, sondern lediglich 1500, und das auch nur für kurze Zeit.

Bei einer Belegschaft, die wegen der Kriegsgüter-Produktion über 100.000 Köpfe zählte, war das nicht viel. Zur Deeskalation trug entscheidend bei, dass Krupp Geld in die Hand nahm, um die vielen, nun entbehrlichen Arbeiter zu bewegen, in ihre Heimatorte zurückzukehren.

Bürgerkriegsähnliche Zustände im Februar 1919 in Essen

Ein anderes Bild entstand im Februar 1919, als „für einige Tage bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten“, schreibt Wisotzky. Die Sozialisierungsbewegung, die der Essener Arbeiter- und Soldatenrat ausgelöst hatte, führten zu heftigen Auseinandersetzungen. Es gab Schlägereien vor den Toren der vielen Essener Schachtanlagen, Streikwillige und Streikbrecher bekämpften einander, auf den Straßen standen bewaffnete Arbeiter den Regierungstruppen und den Freikorps-Kämpfern, die häufig besondere Brutalität an den Tag legten.

Der Historiker Wisotzky erzählt dies alles auf Basis akribischer Forschungsarbeit, die immer wieder auch den Blick über den Tellerrand wirft, Ereignisse in anderen Ruhrgebietsstädten heranzieht und die Dinge in die großen nationalen Zusammenhänge einordnet. Wisotzky skizziert die Folgen der Auseinandersetzungen für das Essener Parteiengefüge und die Wahlkämpfe der Weimarer Republik. Insgesamt wird hier eine Phase der Essener Geschichte lebendiger, die bislang zwar nicht unterbelichtet war, aber doch sehr stark von politisch interessegeleiteten Interpretationen lebte.

Erster Band einer neuen Reihe über Forschungen aus dem Stadtarchiv

Unruhige Zeiten ist das erste Buch einer neuen Reihe, die sich „Veröffentlichungen des Hauses der Essener Geschichte/Stadtarchiv“ nennt. Die nächsten beiden Bände sind laut Wisotzky bereits in Vorbereitung. Zum einen werden die „Aufsch reibungen des Krupp-Arbeiter Paul Maik“, der von 1918 bis 1970 eine Art Tagebuch führte, erstmals veröffentlicht. Ferner wird es eine Jubiläumsschrift zum zehnjährigen Bestehen des Hauses der Essener Geschichte geben.

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