Nationalsozialismus

Wie Nazis eine Kommunistin aus Haarzopf ermordeten

Der Stolperstein in Haarzopf in der Fängershofstraße 35 erinnert an Charlotte Zinkes Ermordung durch die Nazis.

Der Stolperstein in Haarzopf in der Fängershofstraße 35 erinnert an Charlotte Zinkes Ermordung durch die Nazis.

Foto: Fabian Vogel / FUNKE Foto Services

Essen.  Die Gestapo sperrte Charlotte Zinke 1944 ins KZ, Briefe an ihren Mann Willy zeugen von ihrer Not – zwei Nachbarinnen denunzierten sie.

Läuft man durch die beschauliche Wohnsiedlung in Essen-Haarzopf, fällt es schwer sich vorzustellen, wie Nazis 1944 hier in Charlotte Zinkes Haus eindrangen, sie verhafteten und die politisch Verfolgte im Konzentrationslager töteten. Heute erinnert ein Stolperstein vor dem ehemaligen Wohnhaus der Zinkes an der Fängershofstraße 35 an die Ermordung. Wie die Nazis Zinke hier finden konnten, erfährt ihr Ehemann, Willy, erst Jahre später.

Eine Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, nennen wir sie Helga Müller, hat viele Quellen aufbewahrt, die Charlotte Zinkes Leben dokumentieren: Briefe aus dem Gefängnis an ihren Mann Willy, alte Zeitungsartikel und ein Schreiben der Nazis, in dem sie Willy den Tod seiner Frau mitteilen.

Essen-Haarzopf: Nazis haben Charlotte Zinke 1944 verhaftet und ermordet

Charlotte Zinke, 1891 in der Nähe von Frankfurt an der Oder geboren, zieht schon als junge Frau ins Ruhrgebiet. Sie heiratet den drei Jahre älteren Maurer Willy Zinke im Dezember 1910, der der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) angehört. „Die wusste, wie man Sachen anpackt, hat sich nicht weggeduckt“ sagt Müller. „Sie vertrat ihre Meinung.“

Zunächst ist Zinke in der SPD aktiv, wechselt 1920 in die KPD. Zu der Zeit lebte sie in Frohnhausen, an der Düsseldorferstraße 39. In den Preußischen Landtag wird sie 1928 und ins Essener Stadtparlament 1929 gewählt. Bis zur Machtübernahme der Nazis ist Zinke Abgeordnete im Reichstag in Berlin. Aus Angst vor den Nazis flieht sie in die Niederlande. Aus diesem Grund schloss die KPD sie 1934 aus, und weil sie sich nicht an illegalen Aktionen der Partei beteiligen wollte.

Zinke hat nicht mit der Verhaftung durch die Nazis gerechnet

Ein Jahr später zieht sie mit ihrem Mann nach Haarzopf. Sie habe selten das Haus verlassen, erzählt Müller. Zwischenzeitlich sei Willy Zinke verhaftet worden, weil er den Nazis nicht verraten habe, wo sich seine Frau aufhält.

Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli verstärken die Nazis die Verfolgung politischer Feinde. Die Gestapo findet Zinke am 26. August 1944 in ihrem Wohnhaus an der Fängershofstraße 35 und sperrt sie ins Gefängnis in Essen.

Offenbar hat sie nicht mit der Verhaftung gerechnet. In einem Brief an ihren Mann schreibt sie: „Willy ich bin verhaftet, habe kein Geld, nichts.“ Sie bittet ihren Mann, dass er noch unvollendete Hausarbeiten erledigt: Die Wäsche trocknen, Brombeeren einwecken.

Sie schmuggelt aus dem Zug ins KZ einen letzten Brief an ihren Mann Willy

Im Gefängnis fehlen ihr die einfachsten Dinge. Sie schickt Willy eine Liste, was sie alles braucht, unter anderem: eine Zahnbürste, Zahnpasta, Waschlappen, Büstenhalter. „Alles in Zeitung einwickeln daß wir Klopapier haben“, bittet sie. Er soll einige der Dinge von ihren Freundinnen Gustowski, Hasselb, Hartmann abholen. Willy besucht sie im Gefängnis. Doch dann überführen die Nazis sie nach Ravensbrück.

Aus dem Zug dorthin schmuggelt sie einen Brief, der Willy erreicht. „Hoffentlich habe ich die Kraft, das alles auszuhalten.“ Sie sehe schwarz, habe nichts Gutes gehört über das Konzentrationslager, schreibt sie in unleserlicher Schrift mit Bleistift. „Werde auf Gott vertrauen. Werde nicht verzagen“.

Etwa zwei Monate nach ihrer Festnahme in Haarzopf ist sie tot. Laut einem Schreiben aus dem Konzentrationslager starb Charlotte Zinke an einer Lungenentzündung. Sie habe die „bestmöglichste medikamentöse und pflegerische Behandlung“ erhalten, und sie habe keinen letzten Wunsch geäußert, heißt es in dem Schreiben. Unterzeichnet ist es von einem Sturmbannführer. Doch das ist eine Lüge. Müller sagt, dass die Nazis Zinke am 6. November 1944 ermordet haben.

Willy Zinke stellt die Frauen, die seine Ehefrauen denunzierten, nie zur Rede

Willy Zinke hat 1945 einen Gedenkstein im Garten seines Hauses errichtet. Bis heute liegt er dort, die Müllers pflegen ihn, vor dem Stein brennt eine Kerze. Viele Jahre nach Kriegsende hat Willy Zinke erfahren, dass zwei Frauen aus seiner Nachbarschaft Charlotte Zinke an die Nazis verraten haben.

Die „ Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten “ (VVN-BdA) hat ihm die Namen der Frauen genannt. In Haarzopf nannte man die Frauen braune Pferde. Noch viele Jahre lebten sie in der unmittelbaren Nachbarschaft von Willy Zinke. Er muss ihnen beinahe täglich begegnet sein. Er hat sie nie zur Rede gestellt.

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