KWI

Wieso eine Historikerin spontan beim Essener KWI einspringt

Ute Schneider ist als Historikerin seit 2007 in Esesn beschäftigt.

Foto: Foto: Ulrich von Born

Ute Schneider ist als Historikerin seit 2007 in Esesn beschäftigt. Foto: Foto: Ulrich von Born

Essen.   Die Historikerin Ute Schneider hat kurzfristig die kommissarische Leitung des Kulturwissenschaftlichen Instituts übernommen. Wieso tut sie das?

Wieso übernimmt jemand vorübergehend einen Leitungs-Posten – ohne Aussicht darauf, langfristig etwas bewirken zu können? Die Historikerin Ute Schneider hat kommissarisch die Direktion des Kulturwissenschaftlichen Instituts (KWI) übernommen, nachdem der Kandidat für die Nachfolge von Claus Leggewie, der Freiburger Historiker Jörn Leonhard, im Mai abgesagt hatte.

Frau Schneider, Sie haben kommissarisch die Leitung des KWI übernommen. Warum?

Das KWI ist zu bedeutend, um es über längere Zeit ohne Führung zu belassen. Das KWI hat eine bundesweit reichende Strahlkraft – mindestens. Als ich 2007 von Darmstadst nach Essen ging, sagten meine Kollegen damals schon: Ah, Essen, da ist doch das wunderbare KWI!

Was würde passieren, wenn das KWI länger ohne Leitung bliebe?

Es droht die Gefahr, dass Mitarbeiter abgeworben werden und abwandern. Der Zusammenhalt des Kollegiums muss sichergestellt sein, und ich erfahre jetzt in den ersten Wochen hier, dass die Unterstützung seitens der Mitarbeiter großartig ist. Ohne sie würde ich diese Aufgabe nicht ohne Weiteres bewältigen können.

Was glauben Sie – wie lange werden Sie Ihr Amt im KWI ausüben?

Es gab eine Findungskommission, die sich um die Nachfolge von Herrn Leggewie gekümmert hat. Jetzt gibt es eine Liste, auf der stehen mehrere Namen. Es handelt sich um Kandidaten, die sehr gut im Wissenschafsgeschäft etabliert sind – Sie können sich vorstellen, dass die Dinge da etwas länger dauern. Aber ich gehe davon aus, das ich bis zum Frühjahr 2018 hier sein werde.

Und nebenbei üben Sie noch ihren normalen Job als Historikerin an der Uni Duisburg-Essen aus?

Ja. Der Zufall will es, dass ich im kommenden Wintersemester keine Vorlesungen halte, aber Seminare und Übungen mache ich natürlich trotzdem.

Wie wollen Sie das schaffen?

Ich habe mir fest vorgenommen, beiden Anforderungen gerecht zu werden und so viel wie möglich auch am KWI zu sein, nicht nur einmal wöchentlich, um die wichtigsten Unterschriften zu leisten. Ich möchte hier mehr als nur eine Übergangsphase verwalten.

Und was?

Das KWI soll noch mehr als bisher eine Ideenschmiede sein für den jungen Forschungsnachwuchs der Universitäts-Allianz Ruhr. Eine Plattform, die Workshops anbietet, aus denen konkrete Veranstaltungen und Projekte entstehen können, gibt es so noch nicht in dieser Form. Das KWI ist dafür aber, mit seinem interdisziplinären Ansatz und seiner breit aufgestellten Themenvielfalt, wie gemacht.

Was wäre, wenn Sie doch länger bleiben als vorgesehen?

Letztlich stellt sich diese Frage so nicht. Doch inhaltlich möchte ich gerne stärker jene Themen positionieren, die sich in der Bandbreite von internationalen Beziehungen, Recht und Politik bewegen. Dazu planen wir eine Tagung, die sich mit dem Thema Kompromisskultur beschäftigt. Es wird darum gehen, wie Gesellschaften Kompromisse in der Gegenwart aushandeln oder in der Vergangenheit ausgehandelt haben.

Als Sie gefragt wurden, die kommissarische Leitung des KWI zu übernehmen – haben Sie da eigentlich lange gezögert?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin seit 2014 im Vorstand dieses Hauses und sehe es als meine Pflicht an, Flagge zu zeigen – trotz der Doppelbelastung, die für mich jetzt entstanden ist. Und ich sehe es als spannende Herausforderung.

Wenn Sie Gefallen an der Aufgabe finden – warum werden Sie dann nicht gleich dauerhaft Chefin am KWI?

Weil es Tradition ist, dass jemand von außen kommt, kein Mitglied einer der Ruhrgebiets-Universitäten. Und das finde ich auch richtig.

>>> Die schwierige Suche nach einem Nachfolger

Claus Leggewie gab im August nach zehn Jahren den Direktorenposten des KWI ab – doch ein Nachfolger war bis dahin noch nicht gefunden: Ende Mai hatte der Freiburger Historiker Jörn Leonhard abgesagt. „Aus persönlichen Gründen“, wie es damals hieß. Die Suche nach einem Nachfolger für Leggewie laufe, heißt es weiter.

Die Historikerin Ute Schneider studierte in Düsseldorf Geschichte und Sprachwissenschaft und arbeitete von 1993 bis 2007 an der Technischen Universität Darmstadt. Dort hatte sie unter anderem die Redaktion der Zeitschrift „Neue politische Literatur“ inne. Im Jahr 2007 kam Ute Schneider nach Essen, ist seitdem Professorin für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte.

Das KWI wurde 2007 in die Universitäts-Allianz Ruhr (UA Ruhr) überführt – eine Verbindung der Ruhr-Uni Bochum, der TU Dortmund sowie der Uni Duisburg-Essen. Das KWI ist eine Art Forschungszentrum dieser Unis.

Das Kulturwissenschaftliche Institut (KWI) ist eins der „wichtigsten Forschungseinrichtungen in Europa“. Sagt nicht das KWI, sondern die Tageszeitung „Die Welt“. An der Goethestraße, direkt neben dem Folkwang-Museum, werden große gesellschaftliche Themen erforscht, immer interdisziplinär und nicht selten mit Beteiligung einiger wissenschaftlicher Prominenz.

Stand das KWI unter der Ära von Jörn Rüsen (1997 – 2007) vor allem unter dem Thema „Humanismus“, machte sein Nachfolger Claus Leggewie unter anderem den Klimawandel zum Thema – und engagierte auch Wissenschaftler wie Harald Welzer, der wegen seiner Veröffentlichungen in überregionalen Tageszeitungen einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde. Leggewie, heißt es, öffnete das KWI sehr stark nach außen und warb große Mengen an Drittmitteln von Stiftungen ein. Ein neuer KWI-Chef, heißt es, müsse sehr stark die Außendarstellung im Blick haben.

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