Wo Martin Luther die Gäste beguckt

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GASTRONOMIE. Vor 125 Jahren gründete ein Pfarrer die Stiftung "Herberge zur Heimat". Daraus wurde der noble "Essener Hof"

Martin Luther hat im Essener Hof einen guten Blick über die Gäste. Dort, wo früher Männergesangsvereine Lieder schmetterten, Schützen über neue Ziele parlierten, Zimmerleute auf der Walz nächtigten und sich die Gäste zur Morgenandacht versammelten, hängt sein Portrait und wird wohl auch nie abgenommen: Auch heute - 125 Jahre nachdem ein evangelischer Pfarrer namens Lenssen am 10. November 1883 die Stiftung "Herberge zur Heimat" gründete, um mit Spendengeldern ein "ehrbares Gasthaus" zu bauen" - ist der Essener Hof, Am Handelshof, ein Hotel mit religösem Hintergrund und Mitglied im "Verband christlicher Hotels".

Gemeinschaftsbäder und Schlafsäle

Der Glaube blieb, aber der Standard änderte sich: Mit vier Sternen fing man im 19. Jahrhundert nicht an. 31 000 Mark Spendengelder hatte der Geistliche auch bei seinen Gemeindemitgliedern und Alfred Krupp gesammelt. 1887 begann der Bau. Zunächst waren die Zimmer einfach, aber der Weg zum Luxus vorgezeichnet: "Anfangs gab es fast nur Schlafsäle mit mehreren Betten und Gemeinschaftsbäder auf dem Gang", erzählt Maximilian Bosse, der den Essener Hof in vierter Generation leitet.

Sein Urgroßvater August Bosse, der zweiter Direktor des Hotels war, bot aber auch Salons mit Waschgelegenheit und Doppelbett an. Ab 1,75 Mark war eine Unterkunft zu haben. Kostenlos dazu gab's den strengen Blick des Herbergsvaters: August Bosse überzeugte sich persönlich von der Reinlichkeit seiner Gäste und rief zu Zucht und Ordnung auf.

Heute setzt man auf Service statt Strenge, aber immer noch ist der Essener Hof in den Händen der Stiftung: "Fürs Haus hat das viele Vorteile. Wir müssen genauso wirtschaften wie andere Betriebe, aber die Gewinne fließen sofort wieder ins Hotel und die Renovierungen", erzählt der 52-jährige Bosse.

In den Dimensionen wie man das Gebäude heute kennt, steht es allerdings erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts und auch der Name hat sich verändert: Aus der "Herberge zur Heimat" wurde das bürgerliche "Hotel Vereinshaus" und 1975 der "Essener Hof". Die Namen werden von einer wechselhaften Geschichte begleitet: In der jetzt frisch renovierten Eingangshalle gingen nicht nur Gäste ein und aus. Zwischen den beiden Weltkriegen benutzten französische Besetzer die Lobby als Pferdestall, und die Soldaten schliefen in den Hotelzimmern. Die Familie Bosse ließ sich nicht vertreiben: "Wir bleiben", sagte sie zu den Franzosen.

Nach dem Krieg kamen die fetten Jahre. In den 20er und 30er Jahren brummte das Hotel und wurde sogar um zwei Stockwerke erhöht. Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg machten alles wieder zunichte: Das Haus wurde beschädigt. Allerdings konnte das Rote Kreuz noch eine Betreuungsstelle für Kriegsheimkehrer darin einrichten. Aber schon ab 1948 - wird das Hotel komplett renoviert, ein weiteres Mal wird es in 60ern erweitert.

Heute hat das Haus nichts mehr mit der Herberge aus dem 19. Jahrhundert zu tun: Es gibt Internetanschlüsse, Zimmerservice, Klimaanlagen und elektrische Türen. Frühandachten stehen nicht mehr auf dem Tagesplan. Trotzdem wird immer ein Platz für das Bild Martin Luthers frei sein. Das 125-jährige Bestehens wird am 14. November mit einem russischen Abend gefeiert: Ab 19 Uhr liest die turkmenische Schriftstellerin Tatjana Kutschewskaja aus ihrem Buch über die Transsibirische Eisenbahn. Küchenchef Dirk Ellinghaus serviert russische Küche, dazu gibt es Akkordeonmusik. Hotel-Chef und Russland-Liebhaber Maximilian Bosse hatte die Idee zu dem Abend. Das Essen kostet ohne Getränke 45 Euro. Reservierungen unter: Tel: 24 250. Der Erlös fliest in die Restaurierung des Mosaiks an der Kreuzeskirche.

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