A40

Wohnen auf dem A40-Standstreifen in Essen – ohne Lärmschutz

Bruno Rygus schaut aus dem Fenster in Essen-Frillendorf. Direkt davor brettert der Verkehr über die A40. Zum Bau neuer, höherer Lärmschutzwände hat Straßen NRW den alten Lärmschutz abgerissen.

Bruno Rygus schaut aus dem Fenster in Essen-Frillendorf. Direkt davor brettert der Verkehr über die A40. Zum Bau neuer, höherer Lärmschutzwände hat Straßen NRW den alten Lärmschutz abgerissen.

Foto: FUNKE Foto Services

Essen.   Das Haus von Bruno Rygus steht in Essen-Frillendorf direkt an der Autobahn 40. Damit es künftig leiser bei ihm wird, ist es derzeit lauter als sonst.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Himmel und Hölle liegen bei Bruno Rygus, 73, nur eine Kopfdrehung auseinander. Wenn er in seinem bequemen Wohnzimmer-Sessel sitzt, sieht der Stoppenberger rechts seinen Himmel. Dort ist der Garten mit den Blumen, dem Vogelhäuschen und dem Grill. Mit Gattin Christa, die im Beet buddelt und kurz winkt. Und mit ganz viel Ruhe. Die Hölle sieht Bruno Rygus, wenn er den Kopf nach links dreht. Vor seinem Wohnzimmerfenster hat die A40 ihre schwarzen Spuren verlegt. Er wohnt auf dem Standstreifen der Autobahn. Hätte der Rentner Zeit, Geduld, Lust und keinen Schlaf, könnte er in 24 Stunden 120 000 Fahrzeuge zählen, die an seinem Haus vorbeikutschieren. Im Moment sieht er diese bunte wie unendliche Blechkarawane besser denn je: Die Lärmschutzwände sind abgebaut und werden auf 1600 Metern erneuert. Damit es künftig leiser wird, ist es derzeit lauter als sonst.

Kinderfreuden - der Bagger vorm Fenster

Früher war alles anders. „Unsere Nachbarn hatten noch Nachbarn auf der anderen Seite der B1. Da konnte man damals rüberspazieren“, erklärt Bruno Rygus. Seine Nachbarn wohnen nicht mehr gegenüber, sondern nur noch links und rechts von ihm an der Huckarder Straße. Silke Kaletta ist so eine Nachbarin. Sie ist an der A40 aufgewachsen. Früher hat sie auf der anderen Autobahnseite gewohnt. „2005 bin ich an die Huckarder gezogen.“ Der Lärm? „An den gewöhnt man sich. Der Dreck nervt gerade“, sagt sie. Und lächelt. Sohn Auwa, 4, hat Spaß an der Baustelle vor der Tür. „Er könnte von seinem Kinderzimmerfenster im ersten Stock den ganzen Tag dem gelben Bagger zuschauen“, sagt die Mama. Und lacht.

Bruno Rygus hat vor seinem Haus viele Bagger, Bauarbeiter und Baustellen kommen und gehen sehen. Der Rentner wohnt seit 43 Jahren an der A40, fünf Meter sind es zur rechten Fahrspur. Über das erste Lärmschutz-Mäuerchen schaute er noch drüber. Dann wurde der Verkehr mehr. Er ließ neue Fenster einbauen. „Zu früh“, sagt er und schaut wie ein Pokerspieler, der sich verzockt hat: „Ein Jahr später hat uns das Land Lärmschutzfenster spendiert. Seitdem ist Ruhe“, sagt Rygus. Kaum hat er den Satz beendet, ist auch Ruhe. Das feine und stetige Ticken der goldenen Wanduhr macht sein kleines Wohnzimmer-Idyll perfekt.

Fachgespräche mit den Bauarbeitern

Täglich schaut Bruno Rygus, der Schlosser im Bergbau war, auf die Baustelle und führt mit den Arbeitern Fachgespräche. Die richten gerade die drei Tonnen schweren und drei Meter hohen Betonpfeiler auf, die das Skelett der neuen Lärmschutzwand bilden. Seit April wird gebaut, im Juni soll die Wand stehen. 26 Millionen Euro investiert Straßen NRW in den Lärmschutz am Autobahndreieck Essen-Ost. Statt bislang vier Meter ist die Wand bald acht Meter hoch.

Zwölf Dezibel weniger sollen künftig an der A40 in Frillendorf gemessen werden. „Prima. Und ich schaue auf die Berliner Mauer“, hadert Rygus. Er hat bald ein Beton-Panorama vor dem Wohnzimmerfenster. Erst ab Meter vier kommen die transparenten Wandelemente, die zumindest den Blick auf die 120 000 Fahrzeuge pro Tag erlauben.

Bruno Rygus lehnt sich in seinem Wohnzimmer-Sessel zurück. Er schaut eh lieber nach rechts, wo im ruhigen Garten die Blumen, das Vogelhäuschen, der Grill und vor allem seine Christa grüßen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (5) Kommentar schreiben