Krisenhilfe

Corona: Telefonseelsorge erreichen deutlich mehr Anrufe

Die ehrenamtlichen Seelsorger bei der Telefonseelsorge erreichen aktuell deutlich mehr Anrufe als sonst. Das Coronavirus und das damit verbundene Kontaktverbot schürt bei den Menschen Ängst (Symbolfoto).

Die ehrenamtlichen Seelsorger bei der Telefonseelsorge erreichen aktuell deutlich mehr Anrufe als sonst. Das Coronavirus und das damit verbundene Kontaktverbot schürt bei den Menschen Ängst (Symbolfoto).

Foto: Daniel Reinhardt / dap

Gelsenkirchen.  Die Corona-Krise schürt Ängste bei Menschen in Gelsenkirchen. Die Telefonseelsorge kann helfen. Was die Anrufer dort in diesen Tagen bewegt.

Schulen und Kitas sind geschlossen, die Kinder bleiben zu Hause. Das Büro wird ins Wohnzimmer verlegt, alle Freizeitaktivitäten sind bis auf weiteres auf Eis gelegt, dazu gilt ein strenges Kontaktverbot. Das überfordert, macht Angst und nicht selten extrem einsam. Die Corona-Krise, sie trifft nicht nur die Wirtschaft mit voller Härte. Sie ist auch eine emotionale Belastungsprobe für die Menschen. Viele suchen sich in diesen schwierigen Zeiten Hilfe. Die Ehrenamtler bei der Telefonseelsorge versuchen, Fragen zu beantworten und Ängste zu lindern. Und ihr Engagement ist in diesen Tagen sehr gefragt.

Rund 50 Prozent mehr Anrufe als an gewöhnlichen Tagen – und in fast jedem zweiten Gespräch geht es um das Virus. Die Nachfrage bei der Telefonseelsorge und anderen telefonischen und digitalen Seelsorge-Angeboten schnellt angesichts Coronavirus-Pandemie deutlich in die Höhe. Das zeigt eine Umfrage bei den Telefonseelsorge-Stellen im Ruhrgebiet und dem märkischen Sauerland. Auch bei den Kontakten via E-Mail oder Chat nehme die Nachfrage insgesamt und konkret zum Thema Corona zu, heißt es bei den Telefonseelsorgern.

Viele Fragen zu Einschränkungen

Weil Gelsenkirchen keine eigene Telefonseelsorge hat, können Menschen sich mit ihren Sorgen an die Stellen der Caritas in Essen oder Bochum wenden. Da alle Anrufe anonym bleiben, ist nicht genau bekannt, wie viele Gelsenkirchener das Hilfsangebot nutzen. Ludger Storch, Leiter der Bochumer Telefonseelsorge, zählt aber aktuell doppelt so viele Gespräche wie sonst. Viele Menschen, so erzählt er, hätten zunächst ganz praktische Fragen zu Maßnahmen und Regeln. "Die Unsicherheit über weitere Einschränkungen war besonders in der vergangenen Woche groß."

Seit dem Wochenende herrscht immerhin Klarheit darüber, dass ein Ausgangsverbot in NRW zunächst vom Tisch ist. Das und die klaren Regeln, so Storch, gebe den Menschen zwar Halt, viele hätten trotzdem Fragen. Er berichtet, dass zurzeit viele anrufen, die das Angebot sonst nicht nutzen. Oft hätten sie konkrete Fragen zum Alltag. Einige würden große Sorgen umtreiben: "Gerade Ältere haben Angst, krank zu werden und zu sterben", sagt Storch.

Einsamkeit und familiäre Konflikte beschäftigen die Anrufer

Für die ehrenamtlichen Seelsorger eine echte Herausforderung. Sie sollen plötzlich Tipps zu Hygienemaßnahmen oder Einkaufsverhalten geben. Dass viele Menschen sich mit ganz praktischen Problemen an die Seelsorger wenden, erklärt sich Storch durch die mangelnden Sozialkontakte und damit fehlenden Austauschmöglichkeiten: "Wenn Leute ein Thema in der Kneipe oder mit Freunden diskutieren, rufen sie selten die Telefonseelsorge an." Dort drehten sich viele Kontakte sonst eher um nicht-öffentliche Themen wie Gewalt, sexuelle Orientierung oder Missbrauch.

Elisabeth Hartmann, Leiterin der Essener Telefonseelsorge, erzählt von vielen Menschen, die unter der Isolation von der Außenwelt leiden. Besonders Anrufer über 80, aber auch unter 40-Jährige litten unter dem Alleinsein. "Ängste, familiäre Beziehungen und Einsamkeit" seien in Essen die großen Themen bei Gesprächen über Corona, sagt Hartmann. Doch nicht nur fehlende Gesellschaft führt zu Problemen. In Familien, in denen die Kinder plötzlich den ganzen Tag zuhause sind und die Eltern im Homeoffice arbeiten, steigt das Konfliktpotential, warnt Storch. "Es gibt immer mehr Eskalationen."

Seelsorger stellen sich auf "Langstreckenlauf" ein

Da zurzeit nicht abzusehen ist, wie lange die Pandemie das öffentliche Leben lahmlegen und das private auf den Kopf stellen wird, stellen sich die Seelsorger auf einen "Langstreckenlauf" ein, sagen Storch und Hartmann. Beide heben das außergewöhnliche Engagement der freiwillegen Telefonseelsorger hervor, die trotz allem weiter im Einsatz sind und zum Teil sogar Extraschichten übernehmen, um möglichst allen Anrufern zu helfen.

So ist die Telefonseelsorge erreichbar

Die Telefonseelsorge ist bundesweit einheitlich rund um die Uhr über die Rufnummern 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 erreichbar. Die Anrufe sind kostenlos und anonym. Telefonnummern der Anrufer werden nicht gespeichert oder im Einzelverbindungsnachweis des Anrufers aufgeführt. Ein Zugang zur – ebenfalls anonymen – Beratung per E-Mail oder Chat ist über die Internetseite www.telefonseelsorge.de möglich.

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