60 Jahre Musiktheater

Das Gelsenkirchener MiR als „Spielraum der Demokratie“

Dr. Franz Schmitz (Berlin), Dr. Alexandra Apfelbaum (Dortmund), Stadtplaner Clemens Arens und ISG-Leiter Daniel Schmidt (v.r.n.l.) saßen auf dem Podium bei der Diskussion zum Thema „Spielraum der Demokratie, das Musiktheater im Revier als Ort demokratischer Repräsentation". Die Moderation übernahm Dramaturg Stefan Steinmetz (im Vordergrund).

Dr. Franz Schmitz (Berlin), Dr. Alexandra Apfelbaum (Dortmund), Stadtplaner Clemens Arens und ISG-Leiter Daniel Schmidt (v.r.n.l.) saßen auf dem Podium bei der Diskussion zum Thema „Spielraum der Demokratie, das Musiktheater im Revier als Ort demokratischer Repräsentation". Die Moderation übernahm Dramaturg Stefan Steinmetz (im Vordergrund).

Foto: Michael Korte / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen-Altstadt.  Die Bedeutung des Musiktheaters für Gelsenkirchen und die Demokratisierung nach dem Krieg: Darüber diskutierten Besucher und Experten im MiR.

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Ist das Musiktheater im Revier ein „Spielraum der Demokratie“? Ist Werner Ruhnaus architektonisches Kleinod der perfekte Rahmen dafür und wollte es das bei der Planung sein? Die Bedeutung des vor 60 Jahren eingeweihten Gebäudes für die Stadt und deren Wahrnehmung im Land stand im Mittelpunkt der Podiumsdiskussion im Musiktheater am Dienstagabend. Die Kunsthistoriker Frank Schmitz (Uni Hamburg) und Alexandra Apfelbaum (Uni Dortmund), Chefstadtplaner Clemens Arens und Daniel Schmidt, Leiter des Instituts für Stadtgeschichte, lieferten die Hintergründe dazu.

100 Theaterinteressierte fanden bei der Jubiläumsveranstaltung im MiR

Rund 100 Theaterinteressierte fanden sich zu dieser ersten Jubiläumsveranstaltung des MiR im Foyer ein. Theaterbauten von 1949 bis -75 und deren Rolle für die Gesellschaft widmet sich ein Projekt unter Leitung von Frank Schmitz. Das Brechen des elitären Charakters des Theaters durch die Öffnung und Einsehbarkeit des Theaterraumes für die Öffentlichkeit durch die Transparenz der Glasfassade habe sicher in Richtung Demokratisierung gezielt, erklärte Schmitz. Allerdings sei der Baustoff Glas auch der großen Bedeutung der Glasindustrie für Gelsenkirchen geschuldet gewesen. Theaterbauten in jenen Jahren dienten, so Schmitz, auch als Identifikationsmöglichkeit der Städte. Wie das Bochumer Schauspielhaus die roten Ziegelsteine als Symbol für die Industriearchitektur ihrer Stadt nutzte, so sei es in Gelsenkirchen das Baumaterial Glas gewesen.

„Der Bau hat die Stadt in den Rang kultureller Großstädte katapultiert“

Das Musiktheater als „Humus der Urbanität für das noch formlose Stadtgebilde Gelsenkirchen“ würdigte zur Eröffnung 1959 die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Das Lob des Rezensenten Albert Schulze Fellinghausen galt der außerordentlichen Architektur, dem Mut zu diesem für die Zeit mit zehn Millionen Mark Baukosten extrem kostspieligen Bauwerk. „Damit hatte die Stadt, die sich zum Zeitpunkt der Eröffnung bereits auf dem Scheitelpunkt der wirtschaftlichen Entwicklung befand, prompt überhoben“, dämpfte Daniel Schmidt.

Krise der Bekleidungsindustrie, Kohle und Glas folgten bald

1958 bereits begann die Krise der Bekleidungsindustrie, Kohle und Glas folgten bald darauf, das MiR musste aus Geldmangel die Schauspielsparte schließen. Der Bau auf der lange unbebauten, von den Nationalsozialisten als Aufmarschplatz geplanten „Wiese“, so Schmidt, habe Gelsenkirchen „in den Rang der kulturellen Großstädte katapultiert“.Als das Revier noch voranging – ein Architekturführerals das revier noch voranging – ein architekturführer

Aus den anderen, zum Teil ebenfalls spektakulären Theaterneubauten des Landes sticht der Glastempel Ruhnaus dennoch dank der einzigartigen Einbindung der Kunst heraus, betonte Alexandra Apfelbaum. Wie einst bei den mittelalterlichen Bauhütten seien hier wegweisende Künstler wie Norbert Kricke, Yves Klein und Paul Dierkes in den Bau einbezogen worden, die Kunst sei vor Ort entstanden und integriert. Das habe Impulse für die lokale Kunstszene und die Zero-Gruppe gegeben. Kunst am Bau sei andernorts häufig nur dekoratives Beiwerk geblieben.

architekt des musiktheaters im revier ist totStadtplaner Clemens Arens widmete sich vor allem der Bedeutung des Hauses als markantem Endpunkt der Achse bis hin zum Bahnhof und als Lebensader. Die entsprechende Gestaltung der Ebertstraße und das unverzichtbare „Aufräumen“, das bei der wegen der Baumfällungen umstrittenen Umgestaltung in jüngster Vergangenheit stattgefunden habe, sei unverzichtbar gewesen.

Lutz Heidemann: „Achsen sind nicht demokratisch“

„Achsen sind nicht demokratisch, auch Gebäude können das nicht sein“, goss der ehemalige Stadtplaner und Historiker Lutz Heidemann in der Diskussion Wasser in den Wein der Euphorie. Auch Ruhnau habe das Gebäude nicht immer mit der Achse gedacht. „Entscheidend für das Demokratische ist, was im Theater gespielt wird.“ Selbst Frank Schmitz zweifelte am einst definierten Ziel, ein Haus für die „schwer schaffende Bevölkerung“ zu errichten. „Das Versprechen, die Arbeiterschaft reinzuholen, wurde nicht ganz eingelöst. Aber das ist nirgends in Deutschland gelungen, selbst in Recklinghausen nicht.“

Versäumnis der Gewerkschaften

Ludwig Baum, Intendant am MiR von 1988 bis 2001, mochte das nur bedingt bestätigen. „In den Besucherringen waren lange Jahre auch viele Gewerkschaftsmitglieder.“ Die Gewerkschaften hätten es nicht genug weiter betrieben, die Menschen ans Theater heranzuführen.

Die Bedeutung und Bewunderung für das bis heute hochmoderne, faszinierende Theatergebäude gleichwohl blieb im MiR-Foyer unbestritten. Um die damit gefüllten Inhalte wird es in der kommenden Woche gehen.

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