Marathon

Tod eines Läufers überschattet den Vivawest-Marathon

Tausende Läufer passieren dabei das Gelände des Weltkulturerbes Zollveren. Foto: Sebastian Konopka / WAZ FotoPool

Tausende Läufer passieren dabei das Gelände des Weltkulturerbes Zollveren. Foto: Sebastian Konopka / WAZ FotoPool

Gelsenkirchen.  Von einem tragischen Todesfall wurde der Vivawest-Marathon durchs Ruhrgebiet überschattet. Ein 30-Jähriger brach zwei Kilometer vor dem Ziel zusammen.

„Lauf, Eva, lauf!“ Eine Handvoll Zuschauer feuert die Mittfünfzigerin an. Die Steigung auf der Florastraße kostet Kraft. Sieben Taiko-Trommler der Gruppe Arashi Daiko geben vor dem „Asia Star“ alles, um die Läufer anzupeitschen. Zum dritten Mal ist die schlagkräftige Truppe von Bernd Heckmann beim Marathon dabei. „Bis 16 Uhr werden wir durchhalten. Morgen werden wir das merken.“

Noch 350 Meter, kurz hinter dem Zentralbad geht es auf den schwarz-goldenen Teppich, den Vivawest ausgelegt hat – durchs Ziel. „Laufen, wo das Herz schlägt“ gilt wieder als Motto für den Marathon durch Gelsenkirchen, Essen, Gladbeck und Bottrop.Laufen, so schnell die Füße tragen, gilt für die meisten Teilnehmer.

30 Jahre alter Läufer stirbt beim Halbmarathon

Überschattet wir der Tag von einem tragischen Zwischenfall: Bei Kilometer 19 bricht ein 30 Jahre alter Halbmarathon-Läufer zusammen. Ein Arzt, der unmittelbar hinter ihm läuft, leistet Hilfe, wird später von Sanitätern unterstützt. Doch der Mann stirbt wenig später im Krankenhaus. „Wir sind zutiefst betroffen, dass im Rahmen der Veranstaltung ein Sportler verstorben ist. Das ist unfassbar tragisch und äußerst traurig. Unsere Gedanken sind bei der Familie und den Angehörigen“, so Philipp Weber vom Veranstalter MMP.

Viele Läufer bekommen von der Tragödie nichts mit. Manch einer legt noch einen Schlussspurt ein, macht auf den letzten Metern Plätze gut. Persönliche Zeit nehmen, Finisher-Medaille abgreifen, Abklatschen mit dem Laufpartner der letzten Kilometer, Selfie machen, Freunde grüßen, durchschnaufen – und ran an die Erfrischungsstände. Tausendfach wird das Sonntag bis 16 Uhr so exerziert.

Mehr als 7800 Läufer gingen Sonntag an den Start

Weit früher werden schon Sieger geehrt. 2:29:50 Stunden hat Matthias Graute (TRC Essen 84) für die 42,195 Kilometer durchs Revier gebraucht. Er siegt bei den Männern vor Muharrem Yilmaz und Marian Bunte. Die schnellsten Frauen sind Eva Offermann (2:56:47, DJK JS Herzogenrath), Laura Lienhart und Ina-Pascale Radix. „Super Strecke, aber unterwegs wenig los am Straßenrand“, findet ein Läufer im Ziel. Immerhin. An Kilometer 36, dem Fanpoint Nordsternpark an der Vivawest-Zentrale, wird die Stimmung zwischendurch angekurbelt.

Gut 7800 Läufer sind Sonntag in Etappen am Musiktheater an den Start gegangen. Ab 9 Uhr in vier Blöcken die Halbmarathonläufer, um 9.30 Uhr knapp 100 Marathon-Aspiranten. „Bravo“-Rufe begleiten sie. Und aufmunternde Worte: „Jens, viel Spaß, du bist vorne“, bekommt ein Starter mit auf den Weg. Die Zugläufer sind an der Spitze dabei. „3:00 Std.“ steht auf einem Ballon, der über den Köpfen schwebt. Wer hier antritt, gehört zu den Ambitioniertesten. NRW Verkehrsminister Michael Groschek gibt den Startschuss. „Das ist ein Volksfest in Bewegung. So viel Ruhrgebiet ist selten“, lobt Groschek und freut sich: „Ich bin staufrei hier hin gekommen.“

Marathon ist eine Massenbewegung mit unterhaltsamer Note 

Es läuft in Gelsenkirchen. Stimmen und Stimmungen von der Strecke:

Am Musiktheater

Am Start ist Oberbürgermeister Frank Baranowski natürlich mit dabei – allerdings diesmal nicht in Sport-Kluft, sondern im Anzug. Der Laufverzicht hat Gründe: „Ich bin in den letzten Wochen nicht zum Training gekommen. ich hatte anderes zu tun“, spielt der OB auf die Belastung durch den Jugendamtsskandal an.

In 1.56 Stunden hat Matthias den Halbmarathon hinter sich gebracht. Seine Frau und die beiden Kleinkinder warten „als Fangrupe“ im Ziel. „Super-Stimmung, tolle Strecke“, freut sich der ambitionierte Läufer und ergänzt: „Samstag waren wir bei den Schalkern im Stadion. Da war die Stimmung schlechter.“

Fanpoint Nordsternpark

Am Nordsternpark ist viel los zwischen Kinderaktionen, Sambagruppe und Spendenmatte (gesammelt wurde für soziale Zwecke.) Wolfgang Kellmer und Carola Szewczyk fiebern am Zuschauerrand mit. „Ich warte auf einen hochroten Kopf. Mein Bruder läuft zum ersten Mal einen Halbmarathon“, erklärt Kellmer lachend.

Maike und Wibke Brügner warten zusammen mit Oma Gisela hinter der Absperrung auf ihren Vater. „Papa hat hin und wieder mal für den Lauf geübt“, so die kleine Maike. Gerd Blum wäre gerne mitgelaufen, hätte er sich nicht einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen. „Es tut mir richtig weh nicht dabei zu sein. Ich bin Sportler durch und durch“, sagt der 75-Jährige. Seit dem 18. Lebensjahr macht er Sport und war bereits zwei mal Deutscher Meister im Duathlon.

Wilhelm Weiß und Ewald Sitter von der IG BCE Ortsgruppe Horst sind ehrenamtlich vor Ort, um die Läufer mit Getränken zu versorgen. Sitter: „Ich habe 39 Jahre auf der Zeche als Reviersteiger gearbeitet. Ich unterstütze den Lauf gerne.“ Helmut Lauschus, ebenfalls von der Ortsgruppe Horst, meint scherzhaft: „Ich verpflege lieber die Menschen, als selbst mitlaufen zu müssen.“

Kiosk am Starenkasten

Ulrich Serowy vom Kiosk am Starenkasten an der Arnoldstraße hat ebenfalls ein Programm organisiert. „Ich sehe das als Stadtteilfest, um Leute zusammenzubringen“, sagt er. Zum Programm gehörte auch das Schlager-Duo Domenico de Angel und Andrea TiAmo. „Wir heizen gerne den Gelsenkirchenern ein“, so die Sängerin. Der Feldmarker Bernd Kappert findet „toll, dass alle Altersklassen mitlaufen. Da nehme ich gern in Kauf, dass man das Auto nicht aus der Straße bekommt.“ Die Läufer Thomas Lindner und André Grassmann gönnten sich gar ein Bierchen beim Zwischenstopp. „Zeit spielt keine Rolle, mitmachen ist alles,“ so Grassmann, der seinen vierten Halbmarathon läuft.

2016, das kündigte Vivawest an, wird es die nächste Auflage geben.

Der dritte Vivawest-Marathon in Zahlen 

Teilnehmer: 7841 Starter hatten sich in diesem Jahr für den Vivawest-Marathon angemeldet – 500 mehr als noch 2014.

Zahlenwerk: An 13 Verpflegungsstellen wurden u.a. 20 000 Wasser-Schwämme, 16 000 Bananen, 7000 Müsliriegel, 2300 Äpfel, 5000 Liter Cola und auch 3700 Liter Elektrolyt-Getränke und 250 Fleischwurstringe sowie 100 Graubrote bereit gestellt.

Strecken-Helfer: 550 Volontäre, 600 Sicherheits- und 250 Sanitätskräfte wurden längs der Strecke eingesetzt.

Sperrgut: Zum Einsatz kamen auch 240 Bierbänke, 8000 Meter Sperrgitter und 227,5 Tonnen Absperrmaterial.

Abgeschleppt: Längs der Laufstrecke wurden vor dem Start 107 Fahrzeuge abgeschleppt, die dem reibungslosen Ablauf der Veranstaltung buchstäblich im Wege standen. „Das bewegt sich im Rahmen der Zahlen der letzten Jahre“, so Polizeisprecher Olaf Brauweiler.

Festnahmen: Drei Personen erwischte die Polizei im Start- und Zielbereich beim Versuch, Kleidungsgegenstände zu stehlen. Dort hatten viele Läufer ihre persönlichen Sachen deponiert.

Vertretung: Peter Preilowski konnte nicht wie geplant selbst laufen: „Mein Sohn ist heute für mich eingesprungen. Er trägt meine Startnummer und läuft die zehn Kilometer“, so der stolze Vater.

Mit Startnummer 1298 auf Spendenjagd für Amigonianer 

Michael Hermann (49), ehemals Bezirksvorsitzender der Gelsenkirchener St. Georgs-Pfadfinderschaft DPSG, hat am Sonntag seinen allerersten Marathon absolviert – und dabei gleich eine gute Tat vollbracht. Für jeden gelaufenen Kilometer hatte er sich nämlich einen Sponsoren gesucht. Als der Startschuss fiel, hatte er sogar 47 Sponsoren zusammen. 1298 war seine Startnummer – und in etwa so viele Euro dürften auch zusammengekommen sein. „Wie viele es genau sind, weiß ich noch gar nicht“, so Hermann.

Sicher ist derweil: Das Geld spendet er den Amigonianern. Und die können laut Bruder Anno Müller davon den vom Land NRW geforderten Eigenanteil für geförderte Projekte bestreiten und zusätzliche Gruppen im Jugendtreff einrichten. Dabei war der Lauf harte Arbeit: „Bei Kilometer 37 wollten meine Beine einfach nicht mehr“, erzählt Michael Hermann, der schon öfter Halb-Marathon gelaufen war. „Ich musste mich für ein paar Minuten hinsetzen. Und nette Anwohner haben mir Magnesium vorbei gebracht“, lobt er die Hilfsbereitschaft.