Rassismus-Projekt

Gladbeck: 20-Jähriger will sich gegen Rassismus stellen

Achmed Khodr will die Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund thematisieren. Ein entsprechendes Schreiben hat er bei Instagram veröffentlicht, zudem plant er einen eigenen Kanal bei YouTube.

Achmed Khodr will die Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund thematisieren. Ein entsprechendes Schreiben hat er bei Instagram veröffentlicht, zudem plant er einen eigenen Kanal bei YouTube.

Foto: Oliver Mengedoht / FUNKE Foto Services

Gladbeck.  Achmed Khodr kritisiert, dass seine Mutter aus einem Fitnessstudio geflogen sei, weil sie dort arabisch sprach. Das Fitnessstudio widerspricht.

Achmed Khodr hat Alltagsrassismus am eigenen Leib schon das eine oder andere Mal selbst erfahren. Der junge Mann, dessen Eltern aus dem Libanon stammen, hat davon jetzt genug. Er möchte einen eigenen Kanal bei YouTube eröffnen, dort Videos zu dem Thema einstellen, um Experten und Betroffene darin zu Wort kommen zu lassen. Und in einem ersten Video über einen konkreten Vorfall berichten, eine Erfahrung seiner Mutter in einem Fitnessstudio in Gladbeck, die der 20-Jährige zum Anlass seines Vorhabens nimmt.

Gemeinsam mit zwei Freundinnen sei sie im Fitnessstudio Injoy gewesen, um Sport zu treiben. In der Umkleidekabine hätten sich die drei unterhalten – auf Arabisch. Das habe eine Trainerin bemängelt und den Frauen gesagt: „Übrigens, hier wird nur Deutsch gesprochen.“ Am folgenden Tag sei ihnen der Vertrag gekündigt worden. „Eine Erklärung gab es nicht“, kritisiert das aktive Jugendrats-Mitglied, und er schrieb seinen Ärger auf. Das Schreiben teilte er auf Instagram – und bekam viele Reaktionen. „Der Beitrag verbreitete sich wie ein Lauffeuer.“

Bei der Auseinandersetzung sei es nicht um die Sprache gegangen, so die Geschäftsführerin des Fitnessstudios

Stefanie Muckermann, Geschäftsführerin des Fitnessstudios an der Helmutstraße, stellt den Vorfall anders dar. Zwar habe es eine Auseinandersetzung zwischen den drei Frauen und einer Mitarbeiterin gegeben; dabei sei es jedoch nicht um die Sprache gegangen, sondern darum, dass sich auch Männer in dem Studio aufhalten, das nur für Frauen vorgesehen ist. „Das heißt aber nicht, dass nicht auch einmal ein Mann in unserem Club auftauchen darf. Ein Instruktor, der einen Kurs gibt, ein Lieferant, der Ware bringt, der Hausmeister, der nach dem Rechten schaut, oder – wie in diesem Fall – ein Mann, der sein Kind aus der Kinderbetreuung abgeholt hat, weil seine Frau noch am Kursprogramm teilnimmt“, so Muckermann auf WAZ-Anfrage.

Damit seien die drei Frauen jedoch nicht einverstanden gewesen: „Sie haben ihren angeblichen Anspruch sehr lautstark und in unangemessener Form zum Ausdruck gebracht.“ Das habe dazu geführt, dass eine Mitarbeiterin ein Kündigungsschreiben versendet hat. Allerdings, räumt die Geschäftsführerin ein, sei der Inhalt nicht korrekt, zudem sei der Brief nicht mit ihr abgesprochen worden. Muckermann betont: „Die Kündigung erfolgte ausschließlich wegen des Verhaltens und bezieht sich nicht auf die Sprache.“

In der Hausordnung sei lediglich die Bitte formuliert, deutsch zu sprechen

Vielmehr liege der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund in dem Studio bei rund 60 Prozent. Natürlich sei es erlaubt, dort eine andere Sprache zu sprechen. In der Hausordnung sei lediglich die Bitte und der Wunsch formuliert, sich wegen der Betreuungsqualität und des freundlichen Miteinanders auf Deutsch zu verständigen. „Unseren Mitarbeiterinnen fällt es natürlich leichter, auf Deutsch Trainingsmethoden, Testauswertungen, Übungsanleitungen und andere Dinge zu erklären, um die Kundinnen gut zu betreuen“, sagt Muckermann.

„Wir weisen darauf hin, dass in allen Räumen unsere Landessprache zu nutzen ist“, heißt es in der Hausordnung wörtlich. Zudem sei das Tragen von Kopfbedeckungen und Kopftüchern nicht gestattet. Achmed Khodr sieht darin einen Fall von Rassismus. „Ich bin in Deutschland aufgewachsen, wo Vielfalt groß geschrieben wird.“

Achmed Khodr sagt: Wer über seine Erfahrungen spricht, ist mutig

„Rassismus wird im Alltag normal“, bemängelt er. Auch an der Uni habe er schon entsprechende Erfahrungen gemacht. „Als ich mal erzählt habe, dass ich 2015 ein Schülerstipendium bekommen habe, fragte ein Mitstudent nach dem Grund. Ich hätte doch bestimmt gesagt, ich sei ein Flüchtling. Und deshalb hätte ich die Förderung bekommen.“ Als Reaktion lachte Khodr, der heute ein duales Studium zum Stadtinspektoranwärter in der Stadtverwaltung Gladbeck macht. „Ich wollte die Stimmung nicht verderben.“ Jetzt aber sei er der Meinung: „Nur wer darüber spricht, ist mutig.“ Auf seinem geplanten Youtube-Kanal will er auch andere Betroffene dazu ermutigen, über ihre Erfahrungen zu sprechen. „Die Reaktionen auf mein Schreiben bei Instagram haben mir deutlich gemacht, dass so ein Projekt auch 2020 noch nötig ist.“

Miteinander gesprochen haben Achmed Khodr und die Betreiber des Fitnessstudios bisher nicht. „Ich habe abgewartet, ob eine Reaktion kommt. Ich bin auf jeden Fall bereit für ein Gespräch“, so der 20-Jährige.

Leserkommentare (2) Kommentar schreiben