100(0) Jahre Gladbeck (15)

Im Jahr 1923 besetzen Belgier und Franzosen Gladbeck

Die Erlenstraße um 1920 – mit der weiteren Stadtentwicklung nach dem Krieg wurde auch das Gelände östlich der Bahnlinie erschlossen.

Die Erlenstraße um 1920 – mit der weiteren Stadtentwicklung nach dem Krieg wurde auch das Gelände östlich der Bahnlinie erschlossen.

Foto: Sammlung Opora

Gladbeck.  Die Besatzer blieben über zwei Jahre und hielten die Entwicklung Gladbecks auf. Nach Abzug der Truppen baute OB Jovy weiter an der Gartenstadt.

Einen Rückschlag in der städtischen Entwicklung gab es im Januar 1923, als Gladbeck – wie das gesamte Ruhrgebiet – von französischen und belgischen Truppen als Folge ausbleibender Reparationszahlungen an die Siegermächte des Ersten Weltkriegs besetzt wurde. Die Besatzung sollte mehr als zwei Jahre bis Juli 1925 dauern. Die Repräsentanten der Stadt wurden aus dem Besatzungsgebiet ausgewiesen oder wurden sogar – wie Bürgermeister Hermann Kappen – verhaftet. Als menschliche Schutzschilde mussten prominente Bürger der Stadt, aber auch einfache Leute Kohlenzüge nach Belgien begleiten, um sie vor Anschlägen zu schützen.

Die Kohleförderung wurde mehr und mehr eingestellt

Die Lage in der Stadt war bedrückend und die weitere Entwicklung eingeschränkt. Die Kohleförderung wurde mehr und mehr – wegen des passiven Widerstands gegen die Besatzer – eingestellt, von der Verwaltungsspitze durfte nur der SPD-Beigeordnete Heinrich Krahn bleiben, dem das Zentrums-Ratsmitglied Franz Riesener als unbesoldeter Beigeordneter zur Seite stand.

Die Polizei wurde entwaffnet, Geschäfte geplündert und Gaststätten verwüstet. Die Badeanstalt war nur noch für die Besatzer geöffnet, acht Schulen wurden beschlagnahmt, die Kinder zur Betreuung ins unbesetzte Gebiet verschickt. Als die fremden Truppen abrückten, bedurfte es „eines erheblichen Aufwands“, wie es heißt, Gebäude zu säubern und Schäden zu beseitigen.

Nach dem Abzug der fremden Truppen ging der Stadtausbau weiter

Nach dem Abzug der Besatzer gaben alsbald der Ausbau des Straßenbahnnetzes (1925 nach Buer, 1926 nach Rentfort/Kirchhellen, 1927 nach Bottrop, 1929 nach Schultendorf/Zweckel), die städtebauliche Entwicklung des Geländes nördlich der Hochstraße (u.a. entstand zwischen 1927 und 1929 an der Mühlenstraße das evangelische Vereinshaus „Vestischer Hof“ mit einem Saal für 1200 Gäste) und die Verbesserung der Wasserversorgung im gesamten Stadtgebiet neue Impulse für die Stadtentwicklung.

Nahe dem Rathaus – an der Stelle der alten Aloysiusschule – entstand 1928 das neue Postgebäude, in dem 72 Mitarbeiter beschäftigt waren. Ab 1929 entstand als neue Straßenverbindung zwischen dem Bahnhof West und Buer die Vestische Straße (die heutige Konrad-Adenauer-Allee).

Wesentlichen Anteil an der Entwicklung des Stadtbildes, vor allem auch in den Außenbezirken, hatten die Schulbauten. In Zweckel entstand die monumental wirkende Pestalozzischule, in Butendorf die Kreuzschule. Und am Westrand der Innenstadt baute die Stadt die prachtvolle Aloysiusschule – mit wunderschöner Aula, Lehrküche, Schulgarten und Sporthalle galt sie als Musterschule ihrer Zeit. Sie entstand in Nachbarschaft zum ansehnlichen Jovyplatz, der Anfang 1924 bis 1926 als vorzeigbare städtische Grünfläche entstand.

Die Stadt baute OB Jovy an der Friedrichstraße sogar eine Dienstvilla

Drumherum wurden das Finanzamt (1923) und das Polizeigebäude (1925) sowie eine gehobene Wohnbebauung für städtische Bedienstete neben dem 1913 eröffneten Kaiser-Wilhelm-Bald und dem 1917 eingeweihten Amtsgericht errichtet. Gladbeck entwickelte sich insgesamt deutlich städtischer – für OB Jovy wurde an der Friedrichstraße sogar eine moderne Stadtvilla gebaut, die er mit seiner siebenköpfigen Familie 1929 bezog. Innerhalb weniger Jahre hatte sich Gladbeck von einer industriellen Streusiedlung zu der gewünschten Gesamtgartenstadt mit ansprechender Stadtmitte entwickelt.

Das führte dazu, dass sich Gladbeck Ende der 20er Jahre sehr selbstbewusst gab: Bei der kommunalen Neugliederung 1928 sinnierte der Stadtrat sogar darüber, die bis dahin selbstständige Landgemeinde Horst und den zu Buer gehörenden Stadtteil Scholven einzugemeinden, da beide Ortsteile siedlungstechnisch miteinander verflochten seien. Ziel war laut Jovy eine „große Nordstadt des Reviers“.

Mit der Weltwirtschaftskrise Ende 1929 ging der Aufschwung zu Ende

Dazu zählte auch die Idee eines neues Zentralbahnhofes im Gleisdreieck am heutigen Nordpark. Die Postallee (damals Mühlenstraße) sollte schnurgerade vom Rathaus aus dorthin führen und auch die Schultenkolonie an die Stadtmitte anbinden.

Die Träume der Stadt zerplatzten allerdings mit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise Ende 1929. Ab Mitte 1930 mussten die Bergwerke die Förderung reduzieren, nach und nach entließen die Zechen die Kumpel. Mitte 1931 wurde die Förderung auf allen fünf Zechen komplett eingestellt. Statt 13.500 Männer waren nur noch 5380 Bergleute beschäftigt. Folge: Die Steuereinnahmen der Stadt sanken dramatisch, gleichzeitig explodierten die Ausgaben für die Sozialfürsorge. Eine schwere Zeit zog herauf.

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