Ausstellung

Hagen ehrt Ulla Schumacher: Muse, Managerin und viel mehr

Ursula und Emil Schumacher 1989

Ursula und Emil Schumacher 1989

Foto: Emil Schumacher Museum Hagen. Fotograf: Stefan Moses

Hagen.  Einen sehr privaten Blick auf das Werk Emil Schumachers ermöglicht die Ausstellung „Für Ulla“ in Hagen.

Künstlerfrauen stehen oft im Schatten ihrer berühmten Männer und bilden dennoch häufig den Schlüssel zum Werk. So widmet das Emil-Schumacher-Museum Hagen jetzt erstmals Ursula Schumacher (1919 - 2009), der Frau des international berühmten Malers, eine Ausstellung. Die Schau zum 100. Geburtstag stellt teils erstmals gezeigte Arbeiten vor, darunter eine Serie von 25 kleinformatigen Gouachen aus dem Jahr 1996 mit der Widmung „Für Ulla“ sowie frühe Zeichnungen und Pastelle, in denen sie ihrem Mann Modell sitzt. Diese Werke ermöglichen einen bisher unbekannten privaten Blick auf das Schaffen von Emil Schumacher. Und sie rücken eine Frau ins Bild, die Muse und Managerin zugleich ist.

Der Familie Schumacher kommt der Betrachter so ganz nahe. Eine Kohlezeichnung von 1946 hält fest, wie Ulla Schumacher den damals fünfjährigen Sohn Ulrich abseift, der zu diesem Zweck auf einem Stuhl steht. „Die Ausstellung geht mir schon sehr nahe“, bekennt Stiftungsvorsitzender Dr. Ulrich Schumacher, „beim Blick zurück in die Kindheit und Jugend sind viele Erinnerungen wach geworden.“

Wo lernt ein angehender Künstler seine Muse kennen? Auf der Hagener Kirmes am Kettenkarussell. Wir schreiben das Jahr 1936. Ursula Klapprott ist gerade 17 Jahre alt. Es handelt sich um Liebe auf den ersten Blick. 1941 wird geheiratet. Später, nach dem Krieg 1948, hat Emil Schumacher diesen glückhaften Kirmes-Moment in einem Linolschnitt verewigt.

Die junge Familie verkauft Bilder gegen Naturalien

Die junge Frau wird am 16. Oktober 1919 geboren, stammt aus Hagen-Eppenhausen, der Vater ist Zigarettenvertreter, sie selbst macht eine Ausbildung im Textilgroßhandel und wechselt dann als Telefonistin zur Post, also in einen Zukunftsberuf. Die Eltern Klapprott sind anfangs nicht glücklich über die Verbindung. „Die haben gesagt: Heirate doch einen, der bei der Stadt ist. Meine Mutter hat alle Risiken des Lebens mit ihrem Mann getragen. Am 8. Mai 1945, als der Krieg beendet war, hat sie meinen Vater sofort bewogen, seine Stelle als technischer Zeichner bei der Akku aufzugeben und freier Maler zu werden, wie er es immer wollte.“

Die erste Zeit ist hart. Ein kleiner Kreis von Freunden kauft dem noch unbekannten Maler Werke gegen Naturalien ab. Doch ab Mitte der 1950er Jahren stellen sich erste Erfolge ein, später kommen dann die großen internationalen Reisen, die Ehrungen, die Gastprofessuren. Ursula Schumacher wird zur Managerin ihres Mannes, sie pflegt die Kontakte in der ganzen Welt; in den Anfangsjahren begleitet sie die Bilder auch als Kurierin zu Ausstellungen, damit Emil Schumacher in Ruhe weiterarbeiten kann. „Sie war sozusagen auch seine Stimme, denn das ohnehin nicht geschätzte Telefonieren fiel ihm mit zunehmender Schwerhörigkeit in den 60er Jahren nicht mehr leicht“, konstatiert Ulrich Schumacher.

Kritische Bezugsperson

Aber auch künstlerisch ist Ulla Schumacher für ihren Mann eine außerordentlich wichtige, da kritische Bezugsperson. „Er rief sie oft ins Atelier, um ihren Rat und ihre Meinung einzuholen. Ohne meine Mutter wäre es meinem Vater kaum möglich gewesen, seinen Weg als Künstler zu gehen und ein Werk zu entwickeln, das Anerkennung in der ganzen Welt fand.“ Freunde und Nachbarn in Hagen haben das Ehepaar Schumacher so in Erinnerung, wie es der Fotograf Stefan Moses 1989 aufgenommen hat: Er, der verschlossen blickende, fast schüchterne Künstler und sie, die fröhliche, kommunikative Frau, die gerne und viel lacht.

Die häuslichen Szenen und Akte verraten eine weitere unbekannte Seite von Emil Schumacher: Der Maler führt den Stift mit traumwandlerischer Sicherheit, er ist ein begnadeter Zeichner, was durchaus Einfluss auf den gestischen Impuls in seinem späteren abstrakten Schaffen nimmt.

Theaterzeichnungen für die Ruhrfestspiele Recklinghausen

Ebenfalls kaum im Bewusstsein: Emil Schumacher hat Illustrationen geschaffen, für Buchverlage und für die Programmhefte der beginnenden Ruhrfestspiele. Auf einer dieser Theaterzeichnungen sitzt Ulla Schumacher ganz mondän mit breitkrempigem Hut und Zigarettenspitze an einem Cafétisch. Den Hut muss sie sich extra dafür von der Hagener Malerin Lis Goebel leihen.

Emil Schumacher stirbt 1999 mit 87 Jahren. Die größte Hoffnung seiner Witwe ist es, die Fertigstellung des Emil-Schumacher-Museums noch erleben zu dürfen, für das sie gemeinsam mit ihrem Sohn der Stadt Hagen eine bedeutende Bildersammlung stiftet. Doch ein halbes Jahr vor der Eröffnung 2009 wird Ursula Schumacher im Alter von 89 Jahren vom Tod ereilt. Den Begriff Künstlergattin hat sie für sich immer voller Spott abgelehnt. Sie ist das Gegenüber ihres Mannes. 59 Ehejahre lang auf Augenhöhe.

www.esmh.de

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