Scratch-Projekt

Hagen hat beim Scratch Alleinstellungsmerkmal für Sänger

Aus der ganzen Region kommen die Sänger zum Scratch-Projekt mit Haydns Schöpfung.

Aus der ganzen Region kommen die Sänger zum Scratch-Projekt mit Haydns Schöpfung.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Hagen.   Warum tut man sich das an? Scratch-Chorsingen macht glücklich und ist das letzte Abenteuer unserer Zeit

Endlich einmal die Schöpfung singen! Und zwar mit großem Chor, einem Profi-Orchester und unter der Leitung eines waschechten Generalmusikdirektors. Die Hagener Philharmoniker ermöglichen mit dem Scratch-Projekt eines der letzten Abenteuer unserer Zeit: einen ganzen Tag, der ausschließlich dem gemeinsamen Musizieren gewidmet ist. Amateursänger aus der Region und weit darüber hinaus treffen sich dabei, um an einem einzigen Tag ein bedeutendes Chorwerk von Anfang an zu proben und aufzuführen.

9.36 Uhr:

„Der große Zeh geht in den Boden, alle anderen Zehen nach oben und umgekehrt.“ Singen ist zwar Yoga für Geist und Seele, aber einige Aufwärmübungen schaden nicht. GMD Joseph Trafton leitet sein zweites Scratch. Er will es gut machen, und dazu gehört auch die körperliche Vorbereitung. „Die Füße sind ganz wichtig beim Singen.“

9.58 Uhr:

Jetzt übernimmt Kapellmeister Steffen Müller-Gabriel für eine Stunde die Damen. Die Schöpfung ist nichts für Angsthasen; es gibt viele unfallträchtige Stellen. „Nicht passiv mitsingen! Nicht dranhängen! Sie machen die Musik!“, rät der Dirigent. „Barockmusik ist wie guter Jazz. Diesen Groove müssen Sie spüren.“

11.48 Uhr:

Der GMD hat sich in „Verzweiflung, Wut und Schrecken“ verrannt und exerziert die Konsonanten in diesem Satz durch. Wir sind erst beim zweiten Stück von 14. Gleich ist Mittagspause. Schaffen wir das überhaupt?

Die meisten Sänger haben die die Schöpfung richtig gut drauf, so wie Franz-Günter Stachelscheid, 65, Bass aus Drolshagen. Es ist sein zweites Scratch, und auch Haydns Oratorium hat er früher bereits im Kirchenchor gesungen. Was ihn fasziniert? „Ad hoc mit fremden Leuten zu einem Chor werden. Das Zusammengehörigkeitsgefühl. Musik vereint. Ich wundere mich, was noch auf der Festplatte ist.“

Henriette Sauppe, 30, Alt aus Wuppertal, ist Pfarrerin und zum ersten Mal dabei: „Ich habe das Angebot aus Zufall auf den Internetseiten des Theaters Hagen gesehen. Zur Vorbereitung habe ich Zuhause mit der Lerndatei geübt. Ich bin alleine hier, aber man kommt sofort in Kontakt.“

12.23 Uhr:

„Der Herr ist groß in seiner Macht“: Der GMD bittet die Orchesterwarte, den Saal zu verlassen. Endlich. Die schrappen bereits seit über einer Stunde mit Orchesterstühlen und Notenpulten über das Parkett in der Hagener Stadthalle. Die Nerven liegen ein bisschen blank, weil Haydn einen richtig guten Chor im Ohr gehabt haben muss, als er seine Fugen komponierte.

16.20 Uhr:

Die Generalprobe ist immer der schönste Teil des ganzen Scratch-Projektes. Die Glückshormone fahren Achterbahn, wenn das Orchester und die Solisten erstmals dazukommen. Das Lampenfieber des Konzertes fehlt hingegen noch. Und was für Solisten! Cristina Piccardi (Sopran), Daniel Jenz (Tenor) und Andrew Nolen (Bass). Auf der Chortribüne entdeckt man den überbordenden Reichtum der Partitur aus neuer Perspektive, etwa, wenn Haydn bei „den Boden drückt der Tiere Last“ das Kontrafagott schnarren lässt. Aber es ist ein langes Stück. Das merkt man jetzt.

Barbara Müller, 69, Sopran aus Olsberg, ist mit dem dem größten Teil des Briloner Vocalensembles zum Scratch angereist. Um 7.08 Uhr fuhr der Zug in Brilon ab. „Wir haben Scratch ausgiebig in den Chorstunden vorbereitet“, sagt Chorleiterin Christine Wallnau-Toepfer, 52, Sopran. „Das ist für uns wie ein Chorausflug.“ Barbara Müller hat fast alle Scratch-Konzerte mitgesungen. „Es ist jedes Mal ein besonderes Erlebnis.“ Sie lobt die Lerndateien, die das Theater Hagen im Internet zur Verfügung stellt. „Die waren noch nie so gut.“

19.37 Uhr:

Schlussakkord. Das Publikum applaudiert sofort im Stehen. Barbara Müllerfasst die Euphorie zusammen: „Es ist ein enormes Erlebnis, mit einem so großen Orchester und so vielen Sängern zu singen, und die hören alle mit dem richtigen Ton auf. Alle haben hart dafür gearbeitet, und die Gänsehaut kommt.“

Beim Scratch 2020 stehen Gospel, Blues und Jazz auf dem Plan. Die Leitung hat Steffen Müller-Gabriel. Termin: Samstag, 14. März.

www.theaterhagen.de

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