Serie: So arbeitet Hagen

Hagen: Das oft nicht leichte Schaustellerleben der Deinerts

Ludwig Deinert im Kassenhäuschen seines Circus-Fliegers. Das Karussell haben er und Ehefrau Diana 2018 gekauft.

Ludwig Deinert im Kassenhäuschen seines Circus-Fliegers. Das Karussell haben er und Ehefrau Diana 2018 gekauft.

Foto: Kerstin Wördehoff

Hagen.  Ludwig Deinert ist mit Leib und Seele Schausteller. Er erzählt über die Höhen und Tiefen des Jobs.

Irgendwie sei es so, als habe sich ein Kreis geschlossen. Ludwig Deinert schaut hin zur Spitze seines Circus-Fliegers und beobachtet nachdenklich das weiße Zirkuspferd, das seine Vorderhufe stolz Richtung Himmel streckt. Seine Tochter habe zwar angemerkt, heutzutage würde viel besser der Dumbo an die Karussellspitze passen. Einen wie jener, dem sie ihm im Mai 2018 zur Einweihung des Karussells geschenkt hatte. Aber Kirmes hat etwas mit Tradition zu tun. Gerade bei Schaustellern. Und der Schaustellerbetrieb Deinert hat sein Geschäft drei Generationen lang mit Ponyreiten bestritten.

„Das Pferd passt einfach zu uns. Ich denke, es bleibt, ich werde nichts ändern“, betont der 53-Jährige und nickt noch einmal zur Selbstvergewisserung Richtung Circus-Flieger, auf dem gerade gut ein Dutzend Kinder lachend ihre Runden drehen. Ponyreiten, Kettenkarussell, Märchenbahn auf dem Hagener Weihnachtsmarkt und nun der Circus-Flieger: Die Deinerts bieten als Schausteller gerade „Kindern eine Freude auf der Kirmes“. Das ist ihnen wichtig, darum betont Ludwig Deinert dies im Gespräch gleich mehrmals.

Kettenkarussell bleibt vorerst in Familienhand

Das Ponyreiten haben sie mittlerweile aufgegeben. Das Kettenkarussell ist der Kirmes-Klassiker und bleibt vorerst noch in Familienhand, vielleicht übernehmen es irgendwann die Töchter. Mit dem Circus-Flieger hat sich das Ehepaar Ludwig und Diana nun im vergangenen Jahr ein Karussell für die Zeit bis zum Ruhestand zugelegt: geringerer Kraftaufwand beim Aufbau und es muss nicht bis spät in den Abend hinein geöffnet sein. „Als ich das Geschäft vergangenes Jahr angeschafft habe, habe ich zu meiner Frau gesagt: ‚Damit werden wir alt‘“, lacht Ludwig Deinert.

„Ich möchte meinen Mann auch nicht hinter Reibekuchen stehen sehen, wir sind Kassenkinder“, bemerkt Ehefrau Diana. Der Begriff bedeute intern unter Schaustellern, dass man ein Fahr- und nicht Verkaufsgeschäft betreibt. „Einmal Kassenkind, immer Kassenkind“, lacht Ludwig Deinert.

Die Schaustellerei sei in der Regel ein Familienbusiness. „90 Prozent werden in den Betrieb hineingeboren, das ist der übliche Werdegang“, erläutert er und erzählt von „Oma und Opa, die uns das in die Wiege gelegt haben. Wir haben alles weitergeführt und vergrößert.“ Seine Großeltern seien damals noch mit Kutsche und Pferdegespann mit ihren Ponys zu den Rummelplätzen losgezogen.

Beruf hat man im Blut

Die Eltern haben danach den Hagener Weihnachtsmarkt mitbegründet. Auch Ludwig Deinerts Töchter Gloria und Josy waren schnell mit im Boot. Die jüngere, Josy, bringt selbst nichts weg vom Rummel und betreibt mit ihren 24 Jahren mittlerweile auf der Kirmes einen Imbiss.

„Das hat man einfach im Blut“, sagt Ludwig Deinert, „obwohl sie hin und wieder bemerkt: Ich bin ein Kassenkind, ich bin den Imbiss nicht gewohnt“, lacht er. Als Josy gerade einmal drei Jahre alt gewesen sei, habe sie im Winter missmutig zuhause in Haspe gesessen und gefragt: „Wann geht es endlich wieder los?“. „Der Winter war für die Kinder ein Albtraum.“ Nicht auf der Kirmes und damit auch bei den anderen Kindern zu sein – nicht auszuhalten.

Schausteller zu sein bedeute nicht nur, ein Fahr- oder Verkaufsgeschäft zu betreiben. Die Schausteller seien eine eingeschworene Gemeinschaft. Man kennt sich sein Leben lang. Für Außenstehende sei das Hineinkommen aus diesem Grund erst einmal schwer. „Wir machen die Kirmes zusammen“, so Deinert. Gehe dem Bratwurststand die Holzkohle aus, sorgt ein anderer für Nachschub. Gibt es bei dem einen Fahrgeschäft ein technisches Problem, packen die anderen mit ihrer technischen Expertise an.

Jeder bringe etwas mit ein. Schausteller zu sein bedeute nicht, den Beruf in einer Ausbildung zu lernen. Es bedeute, den Prozess von Kindesbeinen an zu lernen und an Erfahrung zu wachsen. Und es bedeute , flexibel zu sein, gerade im Privatleben. „Man ist da zuhause, wo der Wohnwagen hin rollt“, präzisiert Ludwig Deinert die bei Schaustellern natürliche Verquickung zwischen Arbeit und Privatleben.

Deutschlandweit unterwegs

Auf bis zu 25 Rummelplätze ist Deinert im Jahr deutschlandweit mit seinen Fahrgeschäften unterwegs. Auch wenn die Deinerts ihren beiden Töchtern mehr Stabilität geben wollten und Haspe nicht nur im Winter ein Lebensmittelpunkt darstellt. Sind die Karusselle Ludwig Deinerts Haupterwerb, betreibt Ehefrau Diana noch als zweites Standbein einen Lottoladen.

„Doch Schausteller sind ein Völkchen für sich.“ Etwas eigenes: Gemeinschaft und Flexibilität, unentrinnbar miteinander verknüpft. „Unter uns sagen wir dazu: ‚Er ist von der Reise‘“, erläutert der 53-Jährige. Und das werde er auch immer bleiben.

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