Ballett Hagen

Publikum feiert in Hagen Tanztheater über Frida Kahlo

Luis Gonzalez und  Sara Peña in einer Szene der Choreographie Casa Azul am Theater Hagen.

Luis Gonzalez und Sara Peña in einer Szene der Choreographie Casa Azul am Theater Hagen.

Foto: Oliver Lock / Theater Hagen

Hagen.  Starke Bilder und großartige Tanzkunst prägen Casa Azul am Theater Hagen. Das Publikum feiert die neue Ballettdirektorin Marguerite Donlon

Zwei rote Seile hängen wie Nabelschnüre aus der Oberbühne. Sie verbinden Frida mit dem Leben, sie werden zur Himmelsleiter, aber ach, Mutlose könnten sich hier auch strangulieren. Es sind machtvolle Bilder, die den Beginn von Marguerite Donlons Ära als Ballettdirektorin in Hagen so aufregend machen. Das Publikum feiert die Premiere von „Casa Azul“ mit schier endlosem Beifall im Stehen als Choreographie, die farbenprall, traumverloren und verstörend zugleich ist. Nach einer halben Stunde gab übrigens der Beamer mit Ansage seinen Geist auf und verschaffte den Besuchern, darunter viele Mitglieder der spanischen und lateinamerikanischen Gemeinde in NRW, eine zwanzigminütige Zwangspause.

Die Biographie der mexikanischen Malerin Frida Kahlo (1907 – 1954) ist Gegenstand vielfältiger künstlerischer Annäherungen, es gibt Filme über sie, Theaterstücke und auch Tanztheater. Die irische Choreographin Marguerite Donlon wählt einen sehr speziellen Ansatz, sich dieser vielschichtigen Künstlerin und Frau zu nähern. Sie verschränkt Außenwelt und Innenwelt, und so wie Frida ihre Schmerzen in ihre Gemälde bannte, so vertanzt Marguerite Donlon nun diese Bildwelten.

Betörend schöne Bilder

Seit einigen Wochen ist die neue Ballettdirektorin dabei, eine neue Compagnie aufzubauen, mit herausragenden internationalen Tänzerinnen und Tänzern, die als Gruppe, in Ensembles und solistisch ein reiches Vokabular an Bewegungen präsentieren, unglaublich sprachmächtig und teils betörend schön. „Caza Azul“ feierte 2009 bereits in Saarbrücken Uraufführung, wo Marguerite Donlon bisher wirkte, und war eine der erfolgreichsten Tanzproduktionen an der Saar.

Dank zweier theatralischer Kunstgriffe holt die Choreographin ihre Frida Kahlo aus der rein biographischen Nacherzählung heraus. Mit Noemi Emanuela Martone, Filipa Amorim und Sara Pena verkörpern gleich drei Tänzerinnen die Malerin, ihre Lebenslust, ihre Einsamkeit, ihre Schmerzen, ihre Eifersucht, ihre Sexualität, ihren Lebenshunger, ihre Obsessionen. Diego Rivera, der geliebte untreue Ehemann, ist in Gestalt des Sängers und Gitarristen Luis Gonzalez auf der Bühne präsent. Die Verwandlungen sind mithilfe gleitender Vorhänge genial gelöst.

Grauenvolle Verletzungen

Der Busunfall, bei dem sich am 17. September 1925 eine Stahlstange durch Frida Kahlos Becken bohrte, wird zur beklemmenden Tanzstudie. Ein Arzt protokolliert emotionslos die grauenvollen Verletzungen. Die Herausforderung besteht im Tanztheater natürlich darin, sich auf eine Biographie einzulassen, die durch einen zerbrochenen Leib geprägt wird. Und so wie Frida sich mit zerschmetterten Gliedern immer wieder auf die Füße kämpft, so biegen und verbiegen Filipa Amorim und Noemi Emanuela Martone ihre Körper in dem verzweifelten Versuch, vom Boden hochzukommen und die Schwerkraft zu überwinden – nicht hyperrealistisch-illustrierend, sondern in abstrakte Visualisierungen übersetzt.

Die Bühne von Ingo Bracke ist durch eine imaginäre Diagonale geteilt. Links steht die Caza Azul, das blaue Haus, wie ein Schatzkästchen, eine Traumvision, die vor Farben und Symbolen überquillt, rechts befindet sich eine Miniaturausgabe davon, in die von oben Sand rinnt. Die Uhr läuft. Frida ist die Frau, die mit dem Tod tanzt.

Die gebrochene Säule

Die Außenwelt explodiert geradezu mit farbenprächtigen Kostümen und heißen lateinamerikanischen Rhythmen. Stolz und ungebeugt bewegt sich Frida hier im Ensemble, oft im Mittelpunkt und immer einsam, vor allem, wenn Diego sie mit anderen Frauen betrügt. Die Innenwelt ist dagegen eher ein weißes Rauschen, das Kratzen eines Stahlstifts auf Schiefer, in dem Frida ihren Qualen ausgeliefert ist, den Schmerzen, den Fehlgeburten, der Unfruchtbarkeit. Mit allerzartester Sensibilität nähert sich Marguerite Donlon diesen Szenen, die durchaus erhebliches Verstörungspotential haben. Die Malerin Frida wird zum Ecce homo, zum Sinnbild für die Fragilität der humanen Existenz.

Eine weitere Erzählebene liefern die vertanzten Bilder, die Selbstporträts, die gebrochene Säule, der verletzte Hirsch und schließlich das Mädchen mit der Totenmaske. Hier macht Marguerite Donlon ein privates Golgatha von einer so elementaren und archaischen Wucht spürbar, dass das Publikum sich kaum getraut zu atmen. Doch eines von Frida Kahlos Gemälden heißt: Es lebe das Leben. Und auf diesem schmalen Grad zwischen Kreuzweg und Fiesta balancieren Maguerite Donlon und ihre herausragende, wunderbare Hagener Compagnie mit Leidenschaft und Virtuosität.

Karten und Termine: www.theaterhagen.de

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben