Gesichter und Geschichte(n)

Ihre Plastiken prägen das Stadtbild in Hattingen

Künstlerin Ulla H’loch-Wiedey in ihrem Atelier in Niederwenigern.

Künstlerin Ulla H’loch-Wiedey in ihrem Atelier in Niederwenigern.

Foto: Udo KREIKENBOHM / Archiv

Hattingen.  Bei der Kunst von Ulla H’loch-Wiedey geht es ums Berühren – emotional und physisch. Die Hattingerin zeigt klare Kante und weiche Formen.

Nicht nur gucken – auch anfassen: Die Kunst von Ulla H’loch-Wiedey ist zum Erfühlen. Zum Erfahren. Zum Erleben. Das wohl bekanntestes Kunstwerk in ihrer Heimatstadt ist die Bronze-Skulptur „Die Hockende“, die seit dem Jahr 1987 auf dem Untermarkt steht (eine zweite wurde auf den Domplatz gestellt); eine nach innen gewandte Frauen­figur, die die zentralen Inhalte ihrer Arbeiten – „Der Mensch und seine Probleme“ – exemplarisch darstellt.

„Der Krieg gebar meine Chance und mein Entsetzen.“ Mit diesem Satz hat Ulla H’loch-Wiedey ihren Weg in die Bildhauerei beschrieben. Man darf nicht vergessen, dass diese Kunstform in den 1940er-Jahren, über die wir hier reden, eine reine Männerdomäne ist. Doch weil die meisten in diesen Jahren zum Krieg eingezogen sind, gelingt ihr der Einstieg. Sie bekommt einen Studienplatz an der Werkkunstschule in Dortmund, ihr Lehrmeister und lebenslanger Mentor ist Professor Walter Herricht, ein Gegner nationalsozialistischer Kunstgedanken.

Sie hasst Braunhemden und den Krieg

H'loch-Wiedey „hasste die Braunhemden“, sie „hasste den Krieg“ und „verachtete diesen Menschen, der sich Führer nannte“. Und das hätte sie beinahe das Abitur gekostet – „das Kapitel über Giftgase konnte ich nicht lernen“, sagt sie in einem WAZ-Gespräch zum 80. Geburtstag. Doch einer ihrer Lehrer beweist Mut und tauscht den Themenzettel aus. Ergo: Schulabschluss geschafft – Berechtigung fürs Studium in die Tasche. Erste Schritte.

Geboren wird Ulla Wiedey am 17. Juni 1920 in Herford. Sie wächst in Dortmund auf, zieht nach ihrer Zeit an der Werkkunstschule weiter an die Staatliche Kunstakademie in Stuttgart weiter. Sie heiratet Dieter H’loch, zieht 1964 nach Hattingen. Als die Tochter und die beiden Söhne „aus dem Gröbsten raus“ sind, wird sie wieder als Bildhauerin aktiv. In ihrer Kunst, die im Atelier in Niederwenigern entsteht, geht es um das wechselhafte Auf und Ab des Lebens, vor allem das Thema „Mutter und Kind“ liegt ihr am Herzen.

Arzt stellt drei Bandscheibenvorfälle fest

Dann der Schock: Ein Arzt stellt drei Bandscheibenvorfälle fest, sie dürfe nie wieder schwer schleppen, sonst lande sie im Rollstuhl, sagt ihr der Mediziner. „Nichts schleppen? Unmöglich für eine Bildhauerin!“ H’loch-Wiedey gibt das Arbeiten mit Gips und Ton auf, sie setzt auf Holz.

Aus einem Block gearbeitet, verzichten ihre Darstellungen auf große Gesten.Ihre Skulpturen machen es dem Betrachter indes nicht einfach: Die maskenhaften Gesichtszüge weichen Blicken aus, sie starren ins Leere. Aber da kommt das Zusammenspiel von Anschauen und Anfassen zum Tragen: Denn beim Fühlen ist die eine kalt, die andere warm; einige sind hart, andere anschmiegsam – je nachdem, mit welchem Holz die Künstlerin gearbeitet hat.

Neben ihrer Kunst baut sie ihren Garten aus (schon als Kind rief sie: „Papi, ich will einen Garten!“), entwirft eine Terrasse, pflanzt Stauden. So viele, dass gute Bekannte sie Stauden-Ulla nennen. Schwertlilien, Rittersporn, und, und, und – hier tobt sie sich aus, sucht Abwechslung, aber auch Inspiration.

Die erste „Hockende“ entstand nach dem Tod ihres Vaters

Ihre Plastiken prägen das Stadtbild. Etwa ihr „Stein wider das Vergessen“, der an die frühere Synagoge und den Horror des Krieges erinnert. Schon Anfang der 1950er-Jahre entwirft sie das Bild, 35 Jahre später wird es dann umgesetzt. „Und das Schicksal Verfolgter bleibt aktuell“, sagt sie damals. „Wir wollen die nicht anerkennen, dir vor Krieg oder Hunger davonlaufen.“ Worte anno 1986.

Hinzu kommt die bereits erwähnte Serie der „Hockenden“. „Sie sind wie ein Spiegel meiner Seele“, sagt Ulla H’loch-Wiedey zum Millennium 2000. Die erste Figur sei nach dem Tod ihres Vaters entstanden. „In sie habe ich mein ganzes Leid, meinen tiefen Kummer gelegt.“

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