Interview

Herner Volkshochschule war immer ein Spiegel ihrer Zeit

Heike Bandholz vor „ihrem“ Haus, der VHS am Standort in Wanne.

Heike Bandholz vor „ihrem“ Haus, der VHS am Standort in Wanne.

Foto: Ingo Otto / FUNKE Foto Services

Herne.  Die VHS in Herne feiert in diesem Monat ihren 100. Geburtstag. Leiterin Heike Bandholz spricht im Interview über die Kurse von früher und heute.

100 Jahre Volkshochschule – eine turbulente Zeit. Nicht nur die Angebote, sondern auch die Teilnehmer haben sich im Laufe der Zeit gewandelt – und mit ihr die VHS. Leiterin Heike Bandholz sprach mit der WAZ darüber.

Welchen Kurs hätte ich vor 100 Jahren belegen können, wenn ich mich fürs Kochen interessiere?

Da hätte man klassische Küche gelernt. Das wäre Bergmannskost, auf jeden Fall Kohlgerichte und natürlich Eintöpfe. Das Interesse an internationaler Küche musste erstmal wachsen. Heute haben wir eine unglaubliche Bandbreite und erstmals einen Kurs zur jüdischen Küche.

Wie sahen die ersten Kurse aus?

Es gehörte für den Dozenten dazu, in Anzug mit Schlips und Kragen in der VHS unterwegs zu sein. Bei den Teilnehmern war das durchaus ähnlich. Das ist ein schönes Beispiel dafür, dass wir ein Spiegel der Zeit sind. Wenn Sie heute in unsere Kurse gehen, ist das eine ganz andere Atmosphäre. Es ist lockerer, offener. Es ist teilnehmerfreundlicher, weil diese Barriere zwischen Dozenten und Teilnehmer gar nicht mehr existiert – und das ist auch gut so.

An wen richteten sich die Kurse?

Die VHS hat ihren ganz klaren Weiterbildungsauftrag gehabt. Es ging von Anfang an um Demokratie, Aufklärung und das berufliche Fortkommen. Nach den Kriegen ging es darum, wieder zueinander zu finden.

Wie hat sich die Zielgruppe im Laufe der Zeit verändert?

Früher waren alle darauf bedacht, sich konform in der Gesellschaft zu bewegen. Dieses Einmaleins des guten Tons gehörte immer dazu. So gab es 1947 beispielsweise den Kurs, wo es um „Die Frau als Kamerad“ und ihre Rolle in der Ehe ging. Im selben Jahr gab es das Angebot „Die Freizeitgestaltung eines Neubergmanns“. 1955 wurde „Der Weg der Frau ins 20. Jahrhundert“ angeboten. Gleichberechtigung inklusive. Weiterbildung muss immer den gesellschaftspolitischen Ansprüchen genügen und den Bildungsinteressen entgegen kommen. Wie diese sich verändert haben, zeigt sich ganz deutlich im Wandel der Teilnehmer, aber auch der Kursangebote. In den frühen Hörerlisten finden wir als eingetragene Berufe Eisenbahnvorsteher, Einzelhändler, Sekretärin und sehr häufig Ehefrau.

Wie ist das Verhältnis zwischen Männern und Frauen?

Es war schon immer so, dass die VHS von vielen Frauen besucht wurde. So stehen 2018 58,4 Prozent weibliche Teilnehmer 30,8 Prozent männlichen gegenüber. Der Anstieg auf 30,8 Prozent bei den männlichen Teilnehmern erklärt sich durch den dringenden Ausbau an Integrationskursen der Jahre 2015/16.

Haben Sie mit dem Vorurteil zu kämpfen, dass die VHS altbacken ist?

Es ist spannend zu sehen, wie die VHS sich verändert. Sie ist immer wieder neu und überraschend. Unsere Statistiken zeigen aber schon, dass wir die meisten Teilnehmer aus der Altersspanne zwischen 36 und 65 Jahren haben. Die Altersgruppe bis 25 ist wenig vertreten. Aber das beweinen wir nicht, sondern werden aktiv. Die Angebote der jungen VHS haben wir beispielsweise verdoppelt. Außerdem haben wir festgestellt, dass die jungen Menschen etwas in den Ferien machen wollen. Wir müssen uns schnell auf neue Interessen einstellen. Ein Blick in unser Programm zeigt die Vielfalt, die alles andere als altbacken ist. Dafür gehen wir aber auch heraus zu den Menschen, und stellen unser Programm vor.

Wie verändert sich das Angebot?

Mit den Bedürfnissen der Gesellschaft und der Teilnehmer. Es wird eigentlich von Semester zu Semester vielfältiger. Gerade der Bereich berufliche Bildung, es geht um EDV, neue Technologien und digitale Medien. Da müssen wir am Puls der Zeit sein. Wir sind auch auf Messen und informieren uns, was ist wichtig, was sind die Trends. Man muss mit offenen Augen durch die Welt gehen.

Wo geht die Reise hin?

Digitalisierung ist ein unbedingtes Muss für uns und fängt im kleinsten an. Wir testen dieses Semester erstmals das Format der Webinare und sind damit eine von 70 der 900 VHS bundesweit, die das anbietet. Wir haben die Lernplattform Moodle und sind Mitglied in der VHS Cloud. Das ist ein Chatroom von VHS zu VHS, wo man auch Lernprogramme finden kann. Das ist eine ganz spannende Entwicklung. Wir staunen manchmal, was alles möglich ist.

Also weg vom klassischen Abendkurs?

Man darf nicht vergessen, dass es unterschiedliche Lerntypen gibt. Deshalb sage ich ganz klar, dass eine tun, ohne das andere zu lassen. Den regelmäßigen Kurs am Abend kann man sich nicht wegdenken. Wenn wir den streichen würden, gäbe es eine Revolution. Viele finden dort Freundschaften, es gehört zu ihrem Leben dazu. Für Berufstätige haben wir Kurszeiten zunehmend flexibilisiert und Angebote komprimiert und kommen so verschiedenen Bedürfnissen entgegen.

Welche Kurse sind Ihnen in Erinnerung geblieben?

Als dieser Trend mit Zumba aufkam, hat die VHS in kürzester Zeit zwei Kurse aufgebaut. Ich hatte das im Fernsehen gesehen und war selbst neugierig. Plötzlich waren Dinge in. Es gab einmal ein verstärktes Interesse, woanders zu studieren. Da hatten wir einen Boom im Bereich Niederländisch. Ich kann mich auch erinnern, dass es 2005/2006 diese Welle gab, auszuwandern. Da waren unglaublich viele, die in den Norden wollten. Wir haben Kurse für diese Menschen konzipiert. Für die Verantwortlichen war es eine schöne Erfahrung, hier direkt ein Sprungbrett bieten zu können.

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