Wissenschaft

Luftbildarchäologe wirft tiefen Blick in die Herner Erde

Ein Beispielbild für Luftbildarchäologie: Kreisgraben. Das Foto zeigt Überreste eines planierten Grabhügels mit einem breiten Graben und einem dünnen inneren Palisadengräbchen. Solch ein Befund wird in die Spätbronze- und Früheisenzeit datiert. 

Ein Beispielbild für Luftbildarchäologie: Kreisgraben. Das Foto zeigt Überreste eines planierten Grabhügels mit einem breiten Graben und einem dünnen inneren Palisadengräbchen. Solch ein Befund wird in die Spätbronze- und Früheisenzeit datiert. 

Foto: Dr. Baoquan Song

Baoquan Song hat einen besonderen „Lesestoff“. Der Luftbildarchäologe entschlüsselt Landschaften anhand von Aufnahmen aus der Vogelperspektive.

Wer sich mit Geschichte befassen will, nimmt gemeinhin ein Buch zur Hand oder surft angesichts des digitalen Zeitalters im Internet. Wendet sich Dr. Baoquan Song der Vergangenheit zu, entscheidet er sich in aller Regel für Fotos, auf denen Laien zunächst einmal nicht mehr als Felder, Wälder, Wiesen und Auen erkennen. Für den Wissenschaftler wiederum sind solche Aufnahmen „Lesestoff“, denn er weiß, wie er die Landschaften – aus der Vogelperspektive betrachtet – entschlüsseln kann.

Der 57-Jährige ist Luftbildarchäologe und hat dabei auch Erkenntnisse über Herne gewonnen. „Tief im Boden, weit unter der Ackerkrone bleiben Spuren von menschlichen Siedlungen zurück, auch wenn sie schon vor Tausenden von Jahren bestanden haben“, erläutert der gebürtige Chinese. Der Mitarbeiter des Archäologie-Instituts der Ruhr-Uni Bochum sitzt vor dem Monitor seines PCs und zeigt auf eine seiner vielzähligen Luftaufnahmen. „Hier erkennt man sehr deutlich die Umrisse einer alten Grabanlage“, erläutert der Forscher das Bild, das er selbst bei einem Flug gemacht hat.

Und ähnlich, als würde er Schriftzeichen seines Heimatlandes übersetzen, erklärt er die Zusammenhänge. „Früher“, so erzählt Song, „wurden Tote häufig in einem aufgeschütteten Erdhügel beigesetzt und die Erhebung wiederum durch Palisaden befestigt.“ Nun sei, erläutert der Experte, der Hügel längst abgetragen und werde schon seit Jahrhunderten als Ackerfläche genutzt, auch die Pfähle hätten der Witterung nicht standgehalten. Aber zur Stabilität der inzwischen längst verrotteten Hölzer seien Vertiefungen im Boden notwendig gewesen. Dort habe sich dann im Laufe der Jahrhunderte durch Verwehungen humusreiches Erdreich abgelagert, das die Vegetation stärker sprießen lasse als es in der Umgebung möglich sei.

Ein Bild aus luftigen Höhen

„Betrachtet man nun das Gelände aus mehreren hundert Metern Höhe, dann erkennt man ein sattes, kreisförmiges Grün, das sich vom Grün der Umgebung deutlich abhebt.“ Um sich ein solches Bild zu verschaffen, müsse man sich aber in luftige Höhen begeben, sagt der Forscher. „Beim Gang über das Feld sieht man das nicht“. Der Bewuchs eines Geländes könne auch verraten, wo mal eine Burg gestanden hat, die heute nur noch in Erzählungen existiere. Mauerreste im Untergrund „können nämlich das Wachstum von Pflanzen beeinträchtigen“. An solchen Stellen sind die Weizenhalme kürzer, oder das Gras auf einer Weide weist Lücken auf.

Spuren an Herner Grenzen

Um alle Kreise, Quadrate oder weitere geometrische Figuren richtig zu deuten, die die Vegetation liefert, greift Baoquan auf historische Forschungen zurück. Erkenntnisse aus archäologischen Ausgrabungen oder schriftlichen Quellen erlauben es zu bestimmen, ob es sich um eine Burganlage, einen Bauernhof, die Häuser eines Dorfes oder gegebenenfalls auch um eine Kultstätte handelt. Mitunter sind ihm auch schon Entdeckungen gelungen, wie beispielsweise in Bedburg-Hau. Dort hat einst ein riesiges Römerlager existiert, wie Luftaufnahmen zeigen – ähnlich dem Komplex in Xanten, wo ein Freilichtmuseum an das Castel erinnert.

An zwei Orten der Herner Grenzen, einmal in der Nähe zum Castrop-Rauxeler Stadtteil Pöppinghausen, das andere Mal am Rand von Bochum Bergen, seien Spuren von Pfosten und Gruben aus dem Hochmittelalter nachzuweisen, berichtet der Forscher. Es handele sich in beiden Fällen um größere Bauernhöfe. Das könne man unter anderem daran erkennen, dass dort – wie für ein solches Gehöft üblich – große Mengen Abfall an einer Stelle gesammelt und abgelagert worden seien. „Auf den Fotos kann man einen guten Pflanzenwuchs ausmachen, was ein klares Indiz darstellt“.

Das Ruhrgebiet als Ganzes war auch ländlich geprägt

Der Nachweis für den Bestand solcher landwirtschaftlichen Anlagen stellt Song in einen größeren Zusammenhang.

Das Ruhrgebiet gelte bis heute als Region, die durch den Bergbau geprägt sei. Betrachte man aber die Geschichte, lasse sich feststellen, dass „das gesamte Gebiet eher ländlich geprägt war und viele Menschen von Ackerbau und Viehzucht lebten“.

Hunderte von Flügen sind es in den vergangenen Jahren sicherlich schon gewesen, zu denen Baoquan Song aufgebrochen ist, um die Gebiete an Rhein und Ruhr zu erkunden. Mit seiner viersitzigen Cessna 172 begibt er sich in Höhen von 1000 Metern, sucht nach Mustern und Strukturen von Menschenhand gemacht. Seine Flüge unternimmt er meist allein, die Fotokamera ist der ständige Begleiter. Auch wenn er manche Gebiete schon x-mal überflogen hat, „gibt es immer noch Neues zu entdecken“.

Durch Witterungsverhältnisse bedingt lägen nach seinen Worten Äcker und Felder plötzlich noch gänzlich unbekannte Reliefs frei. Das führe immer wieder zu neuen Erkenntnissen. Über das unmittelbare Umfeld von Schloss Strünkede würde Song noch gerne mehr erfahren. „Doch das Westfalia-Stadion setzt da klare Grenzen. Bei bebauten Grundstücken hat es mit der Luftbildarchäologie ein Ende“.

Seit 1982 in Deutschland

Baoquan Song (Jahrgang 1961) stammt aus Tianjin, der drittgrößten Stadt Chinas.

1982 kam er nach Deutschland, als einer von zwei chinesischen Studenten, die an einem Programm des Deutschen Archäologischen Instituts teilnehmen konnten.

Eine Wissenschaftlerin brachte ihn auf die Idee, sich der Luftbildarchäologie zuwenden. Acht Jahre lang hat Song in China versucht, diese Form der historischen Forschung zu betreiben, doch sah sich in seinen Möglichkeiten eingeschränkt.

Luftbildarchäologie hat bereits eine 100-jährige wissenschaftliche Tradition. Zu den führenden Köpfen gehört der Deutsche Otto Braasch, bei dem Song auch studiert hat.

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