Kinderpflegedienst

Stadt Herne sucht dringend Pflegefamilien in Bereitschaft

Eine helfende Hand, Sicherheit und Wärme brauchen Kinder, die in eine Bereitschaftspflegefamilie kommen.

Eine helfende Hand, Sicherheit und Wärme brauchen Kinder, die in eine Bereitschaftspflegefamilie kommen.

Foto: Astrid Hoyer-Holderberg

Herne.  Meist befinden sich Kinder in größter Not, wenn sie zu Bereitschaftspflegeeltern kommen. Die Stadt Herne sucht dringend neue Pflegefamilien.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Es ist einen Tag vor Heiligabend 2004 als Claudia Schmidt zum ersten Mal ein fremdes Kind bei sich aufnimmt. „Ich hatte selbst kein sehr gutes Elternhaus“, sagt sie. „Ich habe erlebt, wie traurig und schwierig es ist, Kinder gut unterzubringen, ihnen ein Zuhause zu bieten.“ Sie ist eine von insgesamt 13 so genannten Bereitschaftspflegestellen in Herne. Viel zu wenige, denn der Bedarf ist – leider – deutlich höher. Deshalb sucht die Stadt dringend nach Familien, die bereit sind, vorübergehend ein Kind bei sich aufzunehmen.

„Im Moment haben wir einen akuten Platzmangel“, sagt Martin Solty, Teamleiter Kinderpflegedienst. „Das bedeutet eine große Not für die Kinder.“ Es gebe Belegungsspitzen, die leider immer wieder erreicht würden, zu denen Anfragen nicht von der Stadt bedient werden könnten. Dann müssten freie Träger angefragt werden.

Bereitschaftspflegestellen müssen anonym bleiben

Derzeit seien 19 Kinder in Bereitschaftspflege, wobei sich die Zahl täglich ändern könne. Denn bei dieser Form der Pflege gehe es vor allem darum, Kindern vorübergehend ein sicheres Zuhause zu bieten. Das kann sein, weil die alleinerziehende Mutter plötzlich ins Krankenhaus muss oder auch, weil ein sechsjähriges Kind durchs ganze Haus geprügelt wurde. In beiden Fällen sowie 58 weiteren wurde Claudia Schmidt bereits angerufen und sie stand bereit. „Mein Ehrgeiz war: Ich wollte helfen.“

Claudia Schmidt heißt gar nicht Claudia Schmidt, aber ihr richtiger Name darf nicht an die Öffentlichkeit kommen. Denn, so erklärt Ronald Schüßler, Abteilungsleiter Erziehungshilfen: „Wenn es um Kindeswohlgefährdung geht, handeln wir in der Regel gegen den Willen der Eltern.“ Deshalb sollen die Bereitschaftspflegestellen anonym bleiben – zum Schutz des Kindes.

Aufnahme im Krisenfall für begrenzten Zeitraum

Meist erfolgt die Aufnahme im Akut- und Krisenfall. „Oft ist es eine Perspektivfindung und die Dauer kann nicht vorhergesehen werden“, sagt Martin Solty. In der Regel seien es sechs Monate bis zu eineinhalb Jahren. Manche Kinder müssten aber auch bis zu zwei Jahren in der Bereitschaftspflege bleiben. „Das ist ein großes Problem“, räumt Solty ein, denn häufig verzögerten langwierige Gerichtsverfahren die Entscheidung über die Zukunft des Kindes.

„Wir reden von sehr kleinen Kindern, die sehr lange in den Familien bleiben, eine Bindung aufbauen und dann wieder rausgerissen werden“, bedauert auch Ronald Schüßler. Aber für dieses Problem gebe es keine Lösung. Claudia Schmidt hat ihren eigenen Weg gefunden, mit der Trauer umzugehen, wenn ein Kind sie wieder verlässt. „Wenn ein Kind geht, bin ich einen Tag nicht ansprechbar. Ich räume das Zimmer aus und weine auch“, sagt sie. „Es ist wirklich sehr sehr traurig und bricht einem richtig das Herz.“

Notwendige Wärme aber auch professionelle Distanz

Leichter sei es in Fällen, bei denen sie weiß, dass es den Kindern gut geht, wenn sie zurück in ihre richtige Familie kommen. „Das ist die Herausforderung“, sagt Solty, „das richtige Maß zwischen notwendiger Wärme und der nötigen professionellen Distanz gegenüber dem Kind zu finden.“ Denn eine Bereitschaftspflege ist anders als die Dauerpflege oder gar Adoption, bei der dann auch das Sorgerecht auf die neue Familie übergeht, nur eine vorübergehende Einrichtung.

Claudia Schmidt und ihre Familie haben nach 60 Kindern, denen sie in Not geholfen haben, bereits Übung. Eine andere Frau in Herne hat sich bereits um 100 Pflegekinder vorübergehend gekümmert. Klar bringe das auch etwas Unruhe in die eigene Familie, denn die Kinder seien zum Teil schwer traumatisiert. „Wir hatten Kinder, die ausrasten oder sich selbst verletzten“, sagt die 47-Jährige. Mit ihren zwei leiblichen Töchtern habe sie das natürlich aufarbeiten müssen. Dennoch habe sie nie die Sorge gehabt, dass es ihren Töchtern schade. Beide seien heute sehr sozial.

Positive Auswirkung aufs Familienleben

Und auch Solty betont: „Wir hören sehr häufig, dass es sogar eine positive Auswirkung auf das eigene Familienleben hat.“ Vor allem sei aber eines schön zu beobachten, so Solty: „Es ist faszinierend zu sehen, in welchen emotionalen und körperlichen Zuständen die Pflegefamilien die Kinder aufnehmen und wie durch die Zuwendung das Kind genährt wird und wieder aufblüht.“

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben