Gastronomie

Trinkgeld in Herne: Pflicht oder Anerkennung?

Viele Gäste zahlen ein Trinkgeld und bringen damit auch zum Ausdruck, ob sie zufrieden waren.

Viele Gäste zahlen ein Trinkgeld und bringen damit auch zum Ausdruck, ob sie zufrieden waren.

Foto: NRZNGG

Herne.  Trinkgeld werde immer mehr zur Pflicht, sagt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. Anlass für eine Umfrage unter heimischen Wirten.

Das Menü hat gemundet, der Kellner war klasse, da gibt der Gast gerne Trinkgeld und das aus freien Stücken. Aber was ist, wenn der Service schwächelte? Auch dann scheint immer stärker ein Extra-Obolus gefragt zu sein, denn nach Beobachtungen von Andreas Singendonk, Gewerkschaftssekretär der NGG (Gewerkschaft Nahrung–Genuss-Gaststätten) wird Trinkgeld immer mehr zur Pflicht. Das liege aber weniger an einer möglichen Erwartungshaltung des Personals als an einer allgemeinen Entwicklung. Solche Tendenzen können durchaus über den großen Teich nach Deutschland

herübergeschwappt sein, denn in Amerika sind seit langem 15 bis 20 Prozent des Preises als Trinkgeld oder „Tip“, wie es drüben heißt, üblich. Ein großer deutscher Versicherer spricht in seinen Empfehlungen für Reisende in Deutschland von Trinkgeld-Regeln und gibt die Spanne mit fünf bis zehn Prozent der Rechnungssumme an.

Geteiltes Echo bei den Gastronomen

Hört man sich unter heimischen Gastronomen um, ergibt sich ein geteiltes Echo. Für viele Gäste sei es zur Gewohnheit geworden, mehr zu zahlen, als auf der Rechnung ausgewiesen sei. Das gehöre für solche Besucher inzwischen zum guten Ton, heißt es auf der einen Seite. Andere Wirte sind der Auffassung, es habe sich in den letzten Jahren nichts verändert, der eine Gast greife nun mal durchaus tiefer in der Tasche, der andere zeige sich knauseriger. Das Verhalten sei heutzutage nicht anders als in der Vergangenheit.

Einig sind sich die Gastronomen darin, dass der Grad der Zufriedenheit Einfluss darauf nimmt, wie weit der Gast seine Geldbörse öffnet. Handelt es sich um Festgesellschaften, ob zur Hochzeit oder zu einem Geburtstag, springe für Kellnerinnen und Kellner meist deutlich mehr heraus.

Die meisten Gäste zahlen zwischen zwei und fünf Euro

Bei einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Frühjahr 2019 meinten 75 Prozent der Interviewten, dass sie zwei bis fünf Euro als Trinkgeld geben, vier Prozent sogar mehr. 13 Prozent bleiben bei unter zwei Prozent und drei Prozent gaben an, keinesfalls Trinkgeld zu zahlen. Diese Quote ist allerdings nach den Erfahrungswerten heimischer Wirte dann doch etwas niedrig. Manch ein Gast oder eine Gesellschaft verschwänden ohne Trinkgeld wieder, heißt es. Allerdings räumen die Gastronomen auch durchaus ein, dass das gerade bei größeren Gruppen auch schlichtweg mal vergessen werde.

Zu Streitigkeiten kommt es in der Branche schon mal, wenn zu klären ist, wem das zusätzliche Geld gehört. „Da verlangen Wirte durchaus von ihrem Personal, dass es die Beträge abgibt“, berichtet Singendonk. Höchstrichterliche Urteile sprechen aber eine klare Sprache, betont der Gewerkschaftssekretär: „Das Trinkgeld steht der Bedienung zu, denn für die hat es der Gast vorgesehen“. Zoff entsteht auch gerne mal, wenn „alle Mitarbeiter das Geld in einen Topf werfen“. Denn dann stellen sich schwer zu beantwortenden Fragen, beispielsweise nach welchen Kriterien aufgeteilt wird oder ob auch wirkliche alle Mitarbeiter in gleichem Maße an dem Gewinn mitgewirkt haben. Weiteres Problem: Muss man die Küchenbelegschaft so einbeziehen wie die Bedienung? Daher will ein solcher Pool wohl überlegt sein, meint Singendonk.

Finanzamt bleibt außen vor

Dass Trinkgeld auch deshalb beliebt ist, weil das Finanzamt außen vor bleibt, ist ein offenes Geheimnis. Thorsten Hellwig, Sprecher der Hotel- und Gaststättenverbandes NRW stellt aber auch heraus, dass die geltenden Tarifverträge für ein ausreichendes Einkommen sorgten. Trinkgeld dürfe daher nicht als Bestandteil des Lohnes betrachtet werden, sondern sei eben als Anerkennung von Seiten des Gastes zu verstehen. Die Gewerkschaft NGG weist indes auf Untersuchungen hin, wonach nur ein ganz geringer Teil der Gastronomiebetriebe auch wirklich nach Tarif bezahle. Vielfach komme den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern noch nicht einmal der Mindestlohn zu.

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