Theater

„Und jetzt alle“ lässt in Herne Flüchtlinge zu Wort kommen

„Und jetzt alle“ bei der Premiere in den Flottmann-Hallen.

„Und jetzt alle“ bei der Premiere in den Flottmann-Hallen.

Foto: Steube

Herne.  16 Geflüchtete haben in einem Projekt des Jobcenters ein Theaterstück erarbeitet. Bei der Premiere gab es viel Applaus für „Und jetzt alle“.

Seine Heimat verlassen zu müssen, ist schlimm genug. Dann in fremder Umgebung Fuß zu fassen, ein schwieriges Unterfangen. Während das Gestern in Trümmern liegt und das Morgen ungewiss ist, warten sie im Jobcenter auf Arbeit. „Und jetzt alle“ erzählt die Geschichte von Geflüchteten, lässt sie im Theaterstück zu Wort kommen, so mühselig die Aussprache auch fällt, denn: „Von nichts, kommt nichts“, heißt es.

Collage aus Alltagsszenen

Die Flottmann-Hallen sind zur Premiere am Dienstag ausverkauft und die Besucher schenken den geflüchteten Protagonisten auf der Bühne Gehör, wenn sie ihr Mantra aus Floskeln sprechen und deutscher Arbeitsmoral frönen. Gezeigt wird eine Collage aus Alltagsszenen, in denen der Mensch zum Sand im Getriebe eines Systems wird, das ihn herbeigerufen hat und nun seine Moral zermürbt.

Als nahezu hoffnungslos inszeniert Thorsten Brunow das Schattendasein ungewollter Arbeitskräfte, die sich im immergleichen Trott aus Wollen und erschlagendem Anspruch befinden. Das Stück soll Abhilfe schaffen, ist Sprach- und Selbstfindungskurs und seine Schauspieler erzählen von ihren tatsächlichen Biografien. Grundlage des Stücks war die Oper „Und jetzt alle“ des Künstlerkollektivs „KGI“. Sie wurde im Juni 2019 im Gelsenkirchener Musiktheater im Revier uraufgeführt.

Geflüchteten Menschen Perspektiven aufzeigen

Die „defakto GmbH“ und das Jobcenter Herne wollen mit dem interkulturellen Integrationsprojekt „mund:ART“ geflüchteten Mensch Perspektiven aufzeigen und über das Theaterspielen verborgene Talente hervorbringen, erzählt Regisseur Thorsten Brunow nach der gelungenen Premiere. Vor allem das Thema Arbeit habe seit März die Proben im Gemeindezentrum St. Barbara in Röhlinghausen begleitet. Das habe einen Lernprozess in Gang gesetzt, sagt Brunow, nicht bloß mit Fokus auf den deutschen Arbeitsmarkt, sondern über die Akteure selbst und die Vorurteile gegenüber anderen Nationen. Bei den Proben seien Probleme untereinander spielerisch sichtbar gemacht geworden.

Die Aufführung hält sich mit einer halben Stunde kurz. Ein Sammelsurium eigenwilliger Klangkörper ergänzt das gesprochene Wort. Mangelnde Sprachkenntnis führt leider hier und da zu Unverständlichkeit und unfreiwillig komischen Szenen aus unkoordiniertem Singsang. So weit sollte das Handwerk kritisiert werden dürfen, das an diesem Abend aber mit Begeisterung als Teil eines Reifeprozesses anerkannt wird und für alle Beteiligten ein Stück Erfahrung gebracht hat. Anzukommen ist schwer und vielleicht nur durch eine solche Flucht nach vorne möglich.

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