Interview

Wannes City-Manager will sich selbst überflüssig machen

Jens Rohlfing und Holger Stoye auf der Wanner Hauptstraße. Im Gespräch mit der WAZ verraten sie ihre Ziele für die Innenstadt.

Jens Rohlfing und Holger Stoye auf der Wanner Hauptstraße. Im Gespräch mit der WAZ verraten sie ihre Ziele für die Innenstadt.

Foto: Kerstin Buchwieser

Wanne-Eickel.   Mit seinem Weingeschäft hat Jens Rohlfing Wanne verlassen, als City-Manager will er die Innenstadt voranbringen. Wie, das verrät er im Interview.

Als Jens Rohlfing Ende des vergangenen Jahres mit seinem Weinladen Wanne-Mitte verließ, hatte er angekündigt, dass er sich weiter für die Wanner Innenstadt engagieren werde. Das macht er seit dem 1. März im Auftrag der Wirtschaftsförderung als Quartiersmanager. Gemeinsam mit WFG-Chef Holger Stoye erläutert er im Gespräch mit WAZ-Redakteur Tobias Bolsmann die Aufgaben, die vor ihm liegen.

Herr Stoye, Herr Rohlfing, wie hat sich diese Zusammenarbeit ergeben?

Stoye: Unser Ansatz war, dass der Standort nicht so schlecht ist, wie ihn viele machen. Und das an vielen Stellen in Herne. Uns war klar, dass wir ein City-Management für Wanne-Mitte brauchen, um die übergeordneten Ziele des Projekts Wanne 2020+ zu erreichen. Unter normalen Rahmenbedingungen wäre dies nicht möglich, weil wir kein Geld haben, um eine Stelle dafür zu schaffen. Außerdem ist fraglich, ob jemand den ganzen Tag durch Wanne laufen muss. Und: Leute von außerhalb bräuchten erst eine Einarbeitungszeit, bis sie alle Akteure kennen. Und deshalb haben wir Jens Rohlfing eingeladen, sein Engagement zielgerichtet umzusetzen.

Rohlfing: Ich habe mir in meinen anderen Funktionen ja immer ein City-Management gewünscht, aber es war klar, dass man jemanden braucht, der die Prozesse kennt, Vertrauen genießt und sofort loslegen kann, um die neuen Ziel umzusetzen.

Stoye: Als klar war, dass Jens Rohlfing Wanne-Mitte verlässt, war das unsere Chance ihn zu bitten als Quartiersmanager zu arbeiten, weil er nicht mehr in den Verdacht geraten kann, für sein eigenes Geschäft zu arbeiten.

Herr Rohlfing, Sie haben in der Vergangenheit kritisiert, dass es nach dem Abschluss des Programms „jetzt Wanne“ keine Aktivitäten mehr gegeben hat und die Hauptstraße sich selbst überlassen worden ist. Wie sehen Sie Ihre Aufgabe?

Rohlfing: Wanne ist ein Stadtteil, um den man sich besonders kümmern muss, weil er heterogen ist. Das Hauptziel ist es, meinen Job wieder überflüssig zu machen. Ich will Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Am Ende soll das System Wanne alleine laufen, weil ich mich nicht bis zu meiner Rente um Leerstandsmanagement auf der Hauptstraße kümmern will. Die Frage ist, wie viel ich mit meiner begrenzten Stundenzahl überhaupt leisten kann.

Und was können Sie leisten?

Rohlfing: Im ersten Schritt werden wir den Kernbereich zwischen Buschmannshof und Wilhelmstraße unter die Lupe nehmen. So können wir uns auf den Bedarf konzentrieren. Wir hoffen auf einen Effekt, der auf andere Bereiche ausstrahlen wird.

Wo sehen Sie die vordringlichsten Aufgaben?

Stoye: Wir haben uns die Themen Veranstaltungen, Immobilien sowie Leerstandsmanagement und nachhaltige Frequenzsteigerung vorgenommen.

Warum gerade diese Themen?

Stoye: Weil wir glauben, dass wir bei diesen Themen innerhalb von einem halben, einem oder zwei Jahren auch Erfolge und Veränderungen vorzeigen können.

Dann gehen wir die Themen mal durch. Was sind Ihre Pläne für Veranstaltungen?

Rohlfing: Grundsätzlich kann man mit Veranstaltungen das Wir-Gefühl steigern. Darüber hinaus kann man einen Image-Zugewinn erreichen. Die Leute können zusammenkommen und ihren Stadtteil feiern, Auswärtige können feststellen, dass in Wanne was los ist. Aber dafür müssen die Veranstaltungen eine gewisse Qualität haben. Deshalb wollen wir bei bestimmten Veranstaltungen die Qualität halten, sie bei anderen steigern. Und vielleicht kann man auch mehr Veranstaltungen auf die Beine stellen.

Stoye: Für mich sind Veranstaltungen so wichtig, weil sie Anlässe zur Identifikationssteigerung sind. Es ist wichtig, Räume als gute Räume zu prägen.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff Immobilien- und Leerstandsmanagement?

Rohlfing: Leerstände sind das, was man ehesten sieht, gerade, wenn man durch eine Negativbrille schaut. Aber wir müssen nach vorne blicken. Es gibt aber viele Leerstände, an denen Aufkleber prangen mit dem Hinweis „Neueröffnung in Kürze“. Da tut sich eine ganze Menge im Moment.

Stoye: Und wir glauben, dass es sich im Moment lohnt, in Wanne zu investieren.

Aber was können Sie an der Stelle leisten Herr Rohlfing?

Rohlfing: Ich bin zwar kein Immobilienmakler, ich kann aber Verbindungen schaffen, weil ich sehr viele Informationen habe. Weil ich zum Beispiel die Hausbesitzer vor Ort seit Jahren kenne und einschätzen kann und weiß, wer bereit ist zu investieren, wer bereit ist, neue Wege zu gehen. Und ich kann einschätzen, wer bereit sein könnte zu verkaufen oder umzubauen. Wir wollen die Immobilienentwicklung nicht mehr sich selbst überlassen, weil sie nicht unbedingt zum gewünschten Erfolg führt.

Das heißt, Sie gehen auf Besitzer zu und fragen: Wollen Sie nicht Ihr Haus verkaufen?

Rohlfing: Dazu könnte es auch kommen.

Stoye: Manche Immobilie muss für das Marktgeschehen „upgedatet“ werden. Das passiert oft nicht, wenn eine Immobilie sehr lange im Eigentum ist und der Eigentümer zufrieden mit der Situation ist. Die Aufgabe des Quartiersmanagers ist es, Kontakte zu intensivieren und strukturiert in den Bereich der Immobilien zu schauen. Für manchen mag es eine Hilfestellung sein, wenn ihm jemand sagt, dass er bestimmte Mieten mit dem Zustand seines Hauses nicht mehr erzielen wird. Und dass es die Möglichkeit gibt zu verkaufen oder zu investieren und sich beim Geschehen in Wanne zu engagieren. Dass so etwas geht, sieht man ja bei der HGW, die in Wanne-Mitte zwei Immobilien erworben hat.

Rohlfing: Im Moment gibt es eine gute Chance Akzente zu setzen, weil es sehr niedrige Immobilienzinsen gibt, weil viel Geld im Umlauf ist, das angelegt werden will. In den großen Städten gibt es nicht mehr Immobilien, die Investoren bekommen können. Deshalb gehen sie in kleinere Städte.

Kommen wir zur Frequenzsteigerung. Herr Rohlfing, Sie hatten ja als eine Begründung für ihren Wegzug genannt, dass es zu wenig Laufkundschaft gibt. Wie wollen Sie die Frequenz steigern?

Rohlfing: Dazu schauen wir uns ganz verschiedene Aspekte an. Nutzung der Ladenlokale, Mobilität, Qualität, Erreichbarkeit. Dazu wollen wir uns erstmal den Kernbereich vornehmen, der dann ausstrahlen soll.

Ein Beispiel bitte.

Rohlfing: Nehmen wir den Radverkehr. Die Freigabe des Radverkehrs ist jetzt politisch beschlossen. Jetzt müssen wir schauen, ob das zu einer Frequenzsteigerung führt oder dazu, dass Fußgänger verdrängt werden. Was brauchen Radfahrer, wie bekommen wir Radfahrer nach Wanne-Mitte, machen die Radparkplätze Sinn an den Stellen, an denen sie sind?

Stoye: Wir wollen die Ortskenntnisse des Quartiersmanagers mit den Fachkenntnissen einer Verwaltung verbinden und daraus einen Plan entwickeln.

Herr Rohlfing, in der Vergangenheit haben Sie der Verwaltung vorgeworfen, dass sie zu langsam agiert. Wie sieht es mit Ihrer Geduld bei der Umsetzung aus?

Rohlfing: Ich muss umdenken, weil es als Quartiersmanager nicht mein Job ist, Forderungen zu stellen. Entscheidend ist, dass wir eine nachhaltige Entwicklung hinbekommen, und dann ist es besser, in längeren Zeiträumen zu denken als ich das als privater Unternehmer gewohnt bin. Geduld ist mein persönliches Problem, aber das werde ich schon lösen.

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