Unternehmen in der Coronakrise

„Es gibt keinen Artikel, der ewig lebt“

MAV-Vorsitzender Horst-Werner Meier-Hunke.

MAV-Vorsitzender Horst-Werner Meier-Hunke.

Foto: Stefan Drees / IKZ

Iserlohn.  Der MAV-Vorsitzende Horst-Werner Meier-Hunke rechnet damit, dass Corona die Wirtschaft länger beschäftigen wird als die Finanzkrise 2008/2009.

Die mit der Corona-Pandemie einhergehende Wirtschaftskrise hat natürlich längst auch das Verbandsgebiet des Märkischen Arbeitgeberverbandes (MAV) erfasst. Allerdings, so der MAV-Vorsitzender Horst-Werner Maier-Hunke, scheine es so, dass einige der Kriseninstrumente der vergangenen Wochen greifen würden. Aktuell gehe man beim MAV nicht von Massenentlassungen oder Masseninsolvenzen aus. Der Tarifabschluss 2020 bringe in der Corona-Krise keine zusätzlichen Kosten für die Unternehmen und habe dabei geholfen, „die elementar wichtige Kurzarbeit schnell und kostengünstig zu organisieren“. Die Produktion in den Betrieben werde nun wieder hochgefahren.

Also alles halb so schlimm? Im weiteren Gespräch verdeutlicht Horst-Werner Maier-Hunke, dass dem sicherlich nicht so sei. Es könne in den Betrieben nicht einfach so einen Neuanfang gegeben. Die Unternehmen müssten vielfach „revitalisiert“ werden, auch mit neuen Produkten, so Maier-Hunke. „Es gibt keinen Artikel, der ewig lebt. Wir werden nicht so aus der Krise rausgehen, wie wir reingegangen sind“, meinte der MAV-Vorsitzende. Und im Vergleich zur Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/2009 werde es seiner Auffassung nach auch länger dauern, bis wieder eine Art Normalzustand erreicht sei. Aktuell hätten die geltenden Hygiene- und Abstandsregeln auch spürbare Auswirkungen auf die Produktion. Je nach Betrieb, so Maier-Hunke, könnten dadurch die Produktionskosten um bis zu zehn Prozent steigen. Auch gebe es Krankmeldungen von Mitarbeitern, teilweise möglicherweise motiviert durch Sorge vor den Corona-Gefahren. Der MAV-Vorsitzende geht davon aus, dass sich durch die Krise ganze Strukturen verändern würden. So werde der Erfolg von Amazon dem Einzelhandel gravierende Veränderungen bringen.

Das Instrument der Kurzarbeit in seinem jetzigen Zuschnitt habe erneut gut gewirkt. 2008/2009 sei er an entsprechenden Verhandlungen beteiligt gewesen. Unternehmen seien gut beraten, den Ausstieg aus der Kurzarbeit mit Bedacht zu wählen. Zu lange unter diesem Schirm zu bleiben, könne auch nicht der richtige Weg sein.

Gut geklappt hätten die Maßnahmen beispielsweise für die Kleinunternehmen – schnelle Auszahlung inklusive. „Aber was, wenn die die Krise länger dauert und Umsätze dann immer noch spürbar hinterherhinken?“, fragt Maier-Hunke.

Autohersteller sollen fairmit Zulieferern umgehen

Zum Thema Kaufprämien für Autos macht der MAV-Vorsitzende einen Vorstoß. So fordert er, dass eine entsprechende Regelung einen Passus enthält, der die Autohersteller, die weiterhin mit ihrer Macht spielen würden, zu einem fairen Umgang mit den Zulieferern verpflichtet. Das wäre sicherlich ein wichtiges Zeichen auch für die heimische Region. Und es müsse gelten: So lange staatliche Unterstützung fließt, dürfe es keine Boni und Dividenden geben.

Was mögliche Insolvenzen anbelangt, rechnet MAV-Geschäftsführer Özgür Gökce damit, dass hier vermutlich im Herbst klarer gesehen werden könne. Und dann stelle sich ja auch die Frage, ob es möglicherweise wirklich eine zweite Welle beim Coronavirus gebe. Ein erneuter Lockdown jedenfalls hätte fatale Auswirkungen. Aktuell sei es für viele Unternehmen wichtig gewesen, sich mit Liquidität zu versorgen. Und da sind dann auch die Banken gefragt. Schwierig, so Özgür Gökce, werde es hier für Unternehmen, bei denen es schon vor der Coronakrise nicht wirklich rund gelaufen sei. Und je nach Bewertung des Geschäftsmodells könnten Banken auch deutlich höhere Zinsen verlangen. Familienunternehmen, die häufig eine hohe Eigenkapitalquote aufweisen würden, hätten dagegen bisweilen weniger Finanzierungsbedarf. Zu einem großen Lob für die Kreditwirtschaft will sich der MAV-Vorsitzender Horst-Werner Maier-Hunke an dieser Stelle sicherlich nicht aufschwingen. Immerhin aber sagt er, Banken hätten sich nicht so schlecht verhalten wie in früheren Jahren. Maier-Hunke befürchtet, dass nach ersten Konkursen Banken wieder deutlich verhaltener agieren könnten.

Vorstoß von Merkel undMacron weckt Hoffnung

Wie schnell die Wirtschaft wieder aus der Krise kommt, hängt nach den Worten von Horst-Werner Maier-Hunke auch vom Verbraucher und seiner Nachfrage ab. Aber auch davon, wie schnell Deutschlands Nachbarländer und andere wichtige Exportmärkte wieder aus der Krise kommen. Vor diesem Hintergrund bewertet der MAV-Vorsitzende das aktuelle 500-Milliarden-Euro-Programm, welches Merkel und Macron ins Gespräch gebracht hatten, durchaus positiv.

Perspektivisch meinte Maier-Hunke: „Wenn das nächste Jahr immer noch zehn Prozent weniger Umsatz bringt, kann das nicht über Kurzarbeit abgefangen werden. Denn ein Unternehmen in Kurzarbeit verbrennt letztlich ja auch Geld.“ Dann müsse auch über personelle Anpassungen gesprochen und darüber mit den Tarifpartnern verhandelt werden. Auswirkungen könne die Krise auch für Auszubildende haben. In einigen Unternehmen werde wohl die Frage gestellt werden, ob alle Auszubildenden uneingeschränkt übernommen werden könnten. Und wer solche Überlegungen anstelle, so Maier-Hunke, werde wohl auch genau überlegen, ob er sich neue Auszubildende in den Betrieb holt.

Aktuell sind 460 Unternehmenim MAV organisiert

Vergessen werden dürfe auch nicht die Frage, wie der Staat längerfristig mit den Corona-Folgen umgehe. Irgendwann müsse das Geld, was derzeit unters Volk gebracht wird, ja wieder zurückgezahlt werden. „Wie wird das gehen, und welche Leistungen müssen dann dafür reduziert werden?“, fragt Maier-Hunke. Die aktuelle Krise decke viele andere Probleme zu. Da gebe es ja beispielsweise auch noch den Brexit.

Aktuell sind rund 460 Unternehmen im MAV organisiert. Maier-Hunke spricht von einer steigenden Tendenz. Das sei auch eine Herausforderung: „Denn in einer Krise muss auch der Verband seine Leistungsfähigkeit verbessern.“

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