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Anatomie eines Künstlerlebens

Foto: WAZ FotoPool

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Kalkar.  Er war Akademieprofessor in Düsseldorf, was in den Jahrzehnten vor Beuys nicht unbedingt für eine große Künstlerkarriere spricht. Gerhard Janssen, 1863 in Kalkar geboren, war kein Neuerer, kein Umstürzler, kein Avantgardist. Er malte gerne Wirtshausszenen, inspiriert von der alten niederländischen Schule und vielleicht auch von seinem eigenen Hang zum Geist, der in der Flasche haust. Jetzt ist im Städtischen Museum Kalkar aus Anlass des 150. Geburtstags eine große Ausstellung zu sehen, die gleich mit einem Paukenschlag beginnt, nämlich mit Rembrandt.

Nur in den Wintermonaten habe er Zeit, ließ Janssen den Direktor der preußischen Nationalgalerie wissen, aber dann könne der Kopist wohl kommen. Der Kopist, das war er selbst. Im Mauritshuis in Den Haag - dem ehemaligen Stadtpalais von Johann Moritz von Nassau - hängt Rembrandts großes Gemälde „Die Anatomie des Dr. Tulp“, eines seiner berühmtesten Bilder. Janssen kopierte es dort maßstabsgetreu für die Universität Breslau, wo es noch heute hängt. Genauer gesagt: wieder hängen wird, wenn die Ausstellung in Kalkar beendet ist. Denn jetzt ist es hier zu sehen, ausgeliehen von der Universität. Harald Münzner, Leiter der Stabsstelle Tourismus und Kultur der Stadt Kalkar, ist begeistert: „Gerade diese Querverbindungen in die Geschichte machen die Ausstellung so reizvoll.“ Und da er die Quellenlage genau seziert hat, wartet er gleich mit noch einer Überraschung auf: Die Illustrationen des bei Rembrandt beiläufig abgebildeten Lehrbuchs der Anatomie stammen vermutlich von Stephan von Kalkar, auch ein Sohn der Stadt. So kreuzen sich die Wege der alten Niederländer und der preußischen Künstlerförderung gleich mehrfach am Niederrhein.

Was die Ausstellung in Kalkar bewusst vermeidet, ist ein huldvolles Nebeneinanderhängen alter Schinken. Sie sucht immer wieder das Ausgefallene, kleine Skizzen etwa, Architekturzeichnungen und durchaus gelungene Versuche Janssens, vom Image des biederen Wirtshausmalers loszukommen. Da schafft er es dann mit wenigen Strichen und Farben, Atmosphäre zu erzeugen. Einiges über den Umgang zwischen Kunst und preußischer Verwaltung ist aus dem ausgelegten Briefverkehr zu erfahren.

Der Clou liegt jedoch in den 15 Arbeiten von Martin Lersch, die zeichnerisch zugleich Motive von Janssen, berühmte Bilder jedes Jahrzehnts seit Janssens Geburt und Kalkarer Lokalkolorit miteinander verbinden. Dreifache Verschränkungen sozusagen, locker im Gestus, aber immer auch voller Hochachtung vor dem kleinen Maler aus Kalkar und der großen Kunstgeschichte. Die Ausstellung ist bis zum 24. November dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Nächste Woche Mittwoch (16. Oktober) findet um 19 Uhr im Museum ein „Abend vor der Anatomie“ statt mit Bildbetrachtungen, Texten und Dokumenten zu Janssens Rembrandt-Kopie.

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