Flüchtlinge

Auf Durchreise in der Turnhalle

Deutschunterricht gestern in der Turnhalle des Konrad-Adenauer-Schulzentrums Kellen.

Deutschunterricht gestern in der Turnhalle des Konrad-Adenauer-Schulzentrums Kellen.

Foto: Astrid Hoyer-Holderberg

Kleve.   Seit gestern gibt es in der Notunterkunft für Flüchtlinge am Konrad-Adenauer-Schulzentrum einen offiziellen Einrichtungsleiter. Fünf Leute vom „Internationalen Bund“ arbeiten mit den vielen Helfern vor Ort

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Die Atmosphäre ist sehr ruhig. Einige der 150 Flüchtlinge in der Turnhalle des Schulzentrums Kellen liegen auf ihren Feldbetten. Eine Gruppe Erwachsener nimmt die Bänke und Tische, die morgens, mittags, abends ihr „Esszimmer“ sind, als Schulbank. An der Tafel ein Lehrer: Deutschunterricht: Guten Tag, eins, zwei, drei, Tür, Auto.

Zwei Wochen bleiben

Die 25 Menschen aus Albanien, 37 aus Syrien, 15 aus Algerien, 14 aus Eritrea, Flüchtlinge aus Pakistan, Ghana, Bangladesh, Nigeria, Palästina und anderswo wissen nun, dass sie hier nur zwei bis maximal vier Wochen bleiben. Als sie ankamen, erschöpft, müde, hofften sie auf ein eigenes Zimmer und Taschengeld. Statt dessen: 150 Betten in der Turnhalle. „Tränen sind geflossen, die Enttäuschung ist groß“, dass dies nur wieder eine Zwischenstation ist, dass sie immer noch nicht angekommen sind. So beschreibt Bettina Keysers, Fachbereichsleiterin der Stadtverwaltung, verantwortlich und ständig im Einsatz für diesen Aufgabenbereich.

Seit gestern ist ein „Einrichtungsleiter“ in Kellen. Axel Schmieding vom „Internationalen Bund“ und vier seiner Kollegen vom Migrationsdienst tun nun vorläufig hier Dienst. Sie organisieren, treffen Absprachen mit dem Sicherheitsdienst, der mit vier Mann rund um die Uhr vor Ort ist (gesetzlich gewünscht) und mit Ein-Euro-Jobbern, die für Sauberkeit sorgen, Kleiderkammer und Waschmaschine bedienen. Der Hausmeister vom Theodor-Brauer-Haus verbindet Handwerk mit Sozialarbeit. Essen bringt der Caterer von „Clivia“, der auch Altenheime beliefert. „Das läuft wirklich gut“, lobt Keysers. Schweinefleisch ist ausgeschlossen, „das macht es leichter“, erklärt Thomas Mutz vom Gebäudemanagement der Stadt. Mutz geht erst mal davon aus, diese Notunterkunft bis Februar zu unterhalten (es sind am Konrad-Adenauer-Gymnasium keine Sportstunden ausgefallen, die Realschul-Halle wurde genutzt).

Seit einem Monat existiert nun die Erstaufnahme, seither wurden keine Asylbewerber mehr zur Dauer-Unterbringung nach Kleve zugewiesen. Die weitere Entwicklung kann niemand absehen. „Die Leute der Bezirksregierung gehen auf dem Zahnfleisch“, holen Pensionäre zur Antragsbearbeitung zurück, fragen Kommunen um Amtshilfe, weiß Axel Schmieding.

Er regelt künftig auch die Aufnahme mit, wenn wieder – wie vorige Woche – 55 Flüchtlinge per Bus zur Registrierung weiter ziehen müssen (diesmal nach Köln) und wenige Stunden später die nächsten 55 ankommen. Klever Ärzte bilden einen Pool für die Erstuntersuchung. Norbert Gerding vom Freiwilligenzentrum (Caritas) besorgt Übersetzer. Jeder Neuankömmling bekommt das Hygienepaket von Zahnbürste bis Windeln. Auch für die ehrenamtlichen Helfer ist Schmieding nun Ansprechpartner. Sie geben Sprachunterricht, fußballen dienstags mit den Asylsuchenden, spielen mit Kindern Memory, malen mit ihnen.

Ein kleiner, aber wichtiger „Job“ von Axel Schmieding ist außerdem das Aufladen der Handys: Die Stadt Kleve musste Providern von Kaufland, Aldi, Penny versichern, dass die Turnhalle tatsächlich eine Adresse ist, erst dann konnten die Flüchtlinge Kontakt zur Heimat aufnehmen. Und melden, wo sie sind. Und fragen, wie es den Verwandten geht.

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